ESC 2026 Frühe Bildgebung erkennt stumme Atherosklerose trotz unauffälliger konventioneller Risikoeinschätzung3. September 2026 Symbolbild © backstock/stock.adobe.com Stumme Atherosklerose ist bereits im frühen Erwachsenenalter nachweisbar und zeigt geschlechtsspezifische Wachstumsmuster im Verlauf des Älterwerdens. Dies geht aus Ergebnissen der REACT-Studie hervor, die auf dem ESC-Kongress 2026 vorgestellt und im „New England Journal of Medicine“ veröffentlicht wurden. Weltweit sterben jährlich rund 20 Millionen Menschen an Herz-Kreislauf-Erkrankungen, wobei der Großteil dieser Todesfälle auf Atherosklerose zurückzuführen ist. Atherosklerose kann bereits im frühen Erwachsenenalter beginnen und über Jahrzehnte hinweg klinisch stumm verlaufen, bevor sie sich vor allem als Herzinfarkt, Schlaganfall oder plötzlicher Herztod manifestiert. REACT untersucht den Verlauf stummer Atherosklerose über das gesamte Leben Die Untersuchung des Vorkommens stummer Atherosklerose über die gesamte Lebensspanne des Erwachsenenalters hinweg war das Hauptziel des ersten Teils der prospektiven Beobachtungsstudie „REACT-Initiative“. Diese wird von Prof. Henning Bundgaard vom Rigshospitalet (Universitätsklinikum Kopenhagen, Dänemark) und Prof. Borja Ibanez vom Centro Nacional de Investigaciones Cardiovasculares (CNIC, Madrid, Spanien) geleitet. „Derzeit wird das Risiko einer Person, eine atherosklerotische Herz-Kreislauf-Erkrankung zu entwickeln, anhand von Risikofaktoren wie Alter, Geschlecht, Rauchstatus, Blutdruck und Cholesterinwerten eingeschätzt; davon hängt ab, ob Strategien zur Primärprävention verordnet werden“, erklärte Studienleiter Bundgaard. „Dieser Ansatz beruht auf einer Schätzung – nicht auf der Kenntnis über das Vorliegen der eigentlichen Erkrankung (d. h. atherosklerotischer Plaques). Möglicherweise verpassen wir dadurch wichtige Gelegenheiten, kardiovaskuläre Ereignisse bei Personen zu verhindern, bei denen sich die Atherosklerose bereits Jahre zuvor entwickelt hat“, merkte er an. Im Rahmen der REACT-Studie wurden verschiedene bildgebende Verfahren eingesetzt, um in einer Querschnittsstudie stumme Atherosklerose bei Erwachsenen im Alter von 18 bis 70 Jahren aus Dänemark und Spanien zu erfassen, die keine bekannte Herz-Kreislauf-Erkrankung aufwiesen. Mittels dreidimensionalem Gefäßultraschall wurde die Atherosklerose in den Halsschlagadern (Karotiden) und den Oberschenkelarterien (Femoralarterien) untersucht; die Herzkranzgefäße (Koronararterien) wurden mittels CT-Angiografie untersucht und hinsichtlich ihres Verkalkungsstatus beurteilt. Die Studie umfasste 16.808 Erwachsene mit einem Durchschnittsalter von 45 Jahren. Die Teilnehmenden wurden gemäß einem vorab festgelegten Plan gleichmäßig auf die verschiedenen Altersjahrzehnte verteilt, wobei in jeder Altersgruppe der Anteil von Frauen und Männern gleich hoch war. Atherosklerose beginnt bei Männern früher als bei Frauen Die Forschenden stellten bei 57,1 Prozent der Teilnehmenden eine stumme Atherosklerose fest. Sie war bereits bei etwa einem von 13 Teilnehmenden im Alter von 18 bis 29 Jahren nachweisbar und fand sich bei neun von zehn Teilnehmenden im Alter von 60 bis 70 Jahren, wobei die Prävalenz mit zunehmendem Alter S-förmig anstieg. Bei Männern nahm die Prävalenz der Atherosklerose früher zu, während Frauen einen späteren und besonders steilen Anstieg in der Lebensmitte – etwa im typischen Alter der Menopause – aufwiesen. Zudem ging ein höheres Alter mit einer Ausbreitung der Atherosklerose und einer exponentiellen Zunahme des altersbedingten Volumens atherosklerotischer Plaques einher. Die meisten Personen mit klinisch stummer Atherosklerose am Herzen wiesen auch Atherosklerose in den Hals- und/oder Beinarterien auf. „Diese Daten aus verschiedenen Zentren stützen das Konzept der klinisch stummen Atherosklerose als systemischen, fortschreitenden Krankheitsprozess, wobei die Atherosklerose bei Männern etwa fünf bis zehn Jahre früher voranschreitet als bei Frauen“, kommentierte Bundgaard. Risikotools finden bei Personen mit stummer Atherosklerose nur selten ein erhöhtes Risiko Die Forschenden untersuchten zudem, inwieweit herkömmliche Verfahren zur Bewertung des kardiovaskulären Risikos Teilnehmende mit klinisch stummer Atherosklerose als Personen mit hohem kardiovaskulären Risiko einstuften. Sie stellten fest, dass das Risikotool SCORE2 nur eine kleine Minderheit der Teilnehmenden mit klinisch stummer Atherosklerose als Hochrisikopatienten klassifizierte; besonders ausgeprägt war dieses Defizit bei jüngeren Teilnehmenden. Bundgaard schlussfolgerte: „Eine möglichst frühzeitige Erkennung und Behandlung der klinisch stummen Atherosklerose könnte dazu beitragen, die weltweite Krankheitslast durch Herz-Kreislauf-Erkrankungen zu verringern. Unsere Ergebnisse sprechen für weitere prospektive Studien, um zu untersuchen, ob eine bildgebungsgestützte Behandlung von Personen mit frühen Krankheitszeichen – nachgewiesen mittels eines tragbaren Ultraschallgeräts – die aktuellen Standards verbessern kann. Bei Erfolg könnte dies einen Ansatz der Präzisionsmedizin bei atherosklerotischen Herz-Kreislauf-Erkrankungen unterstützen.“ Auf der Grundlage der vorgestellten Ergebnisse ist im Rahmen der zweiten Phase der REACT-Initiative eine große randomisierte Studie geplant. (lj/BIERMANN)
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