Sepsis-Stiftung: Deutschland muss jährlich mindestens 10.000 Todesfälle verhindern

Mit der Verknüpfung bislang getrennter Handlungsfeldel will die Sepsis-Stiftung die Zahl der sepsisbedingten Todesfälle deutlich senken. (Foto: © wladimir1804 – Stocka.dobe.com)

Im Vorfeld des World Sepsis Day legt die Sepsis-Stiftung das „Sepsis-Dossier Deutschland 2026“ vor: Acht konkrete Forderungen, um die Handlungsfelder Infektionsprävention, Pandemiebereitschaft, Bekämpfung antimikrobieller Resistenzen und den zeitkritischen Notfall Sepsis verbinden und so die Zahl der Todesfälle deutlich zu reduzieren.

Dem Global Burden of Disease Report zufolge ist in Deutschland selbst ohne COVID-19-bedingte virale Sepsis von mindestens 140.000 sepsisbedingten Todesfällen pro Jahr auszugehen. Internationale Vergleiche zeigen ein erhebliches Verbesserungspotenzial: Während die sepsisbezogene Mortalität in Deutschland zwischen 1990 und 2019 um 10,1 Prozent zunahm, ging sie in Norwegen um 26,7 Prozent und in Finnland um 21,1 Prozent zurück. Während der COVID-19-Pandemie stieg sie in Deutschland von 2019 bis 2021 nochmals um 51,5 Prozent. Die Sepsis-Stiftung sieht daher einen erheblichen Handlungs- und Lernbedarf.

Das daraus abgeleitete gesundheitspolitische Ziel ist klar: In Deutschland sollen künftig mindestens 10.000 sepsisbedingte Todesfälle pro Jahr verhindert werden. „Selbst bei einer jährlichen Verringerung um 10.000 Todesfälle würde es unter der Annahme einer kontinuierlichen Entwicklung etwa sieben Jahre dauern, bis Deutschland das bereits vor vier bis fünf Jahren erreichte Niveau Schwedens und anderer vergleichbarer Länder erreicht. Die Zielmarke ist daher ambitioniert, vor allem aber Ausdruck eines erheblichen gesundheitspolitischen Nachholbedarfs“, erklärte die Stiftung.

Das Sepsis-Dossier Deutschland 2026 benennt mit acht konkreten Forderungen die hierfür notwendigen Schritte. Ihre zeitnahe Umsetzung sei eine wesentliche Voraussetzung dafür, in Deutschland künftig mindestens 10.000 sepsisbedingte Todesfälle pro Jahr zu verhindern, so die Stiftung.

Bislang getrennte Handlungsfelder verknüpfen

Besonders wirksam und kosteneffizient könnten diese Forderungen umgesetzt werden, wenn die bislang häufig getrennt bearbeiteten Handlungsfelder Infektionsprävention, Pandemiebereitschaft, Bekämpfung antimikrobieller Resistenzen und der zeitkritische Notfall Sepsis miteinander verknüpft würden. Eine Nationale Infektionsmanagementstrategie schaffe dafür den gemeinsamen Rahmen, nutze Synergien, überwinde getrennte Zuständigkeits- und Förderbereiche und verbinde Verantwortlichkeiten sowie Umsetzungsschritte, erklärte die Stiftung.

„Deutschland verfügt über hervorragende medizinische und wissenschaftliche Voraussetzungen. Mit einer nationalen Infektionsmanagementstrategie wollen wir Prävention, Früherkennung, Akutversorgung, Rehabilitation sowie Forschung und Innovation bei Sepsis weiter deutlich verbessern. Entscheidend ist, vorhandenes Wissen konsequent in bessere Versorgung und weniger Todesfälle zu übersetzen“, erklärten Prof. Bernd Böttiger, Vorstandsvorsitzender, und Prof. Marlies Ostermann, stellvertretende Vorstandsvorsitzende der Sepsis-Stiftung.

Die Sepsis-Stiftung fordert konkretes gemeinsames Handeln entlang der gesamten Rettungs- und Versorgungskette – von Prävention, Früherkennung und Diagnostik über zeitkritische Behandlung und Qualitätssicherung bis zu Rehabilitation, Langzeitfolgen sowie Forschung und Innovation.

Hausärzte als wichtige Schnittstelle

„Hausärztinnen und Hausärzte spielen eine Schlüsselrolle dabei, die Krankheitslast durch Sepsis nachhaltig zu senken. Sie erreichen das durch Prävention mit überzeugender Impfberatung, frühzeitiges Erkennen von Infektionen und Sepsis, sofortigen Beginn ärztlicher Therapie unter richtiger Einschätzung einer möglichen Notfallsituation und im Verlauf qualifizierte Begleitung von Betroffenen mit Langzeitfolgen. Besonders an den Schnittstellen zwischen ambulanter und stationärer Versorgung können sie dazu beitragen, dass aus Wissen rechtzeitiges Handeln wird“, betont Dr. Irmgard Landgraf, Vorstandsmitglied der Sepsis-Stiftung.

Eltern, Betroffene und Angehörige benötigten bei einer akuten gesundheitlichen Verschlechterung, wenn eine schwere Infektion oder Sepsis nicht ausgeschlossen ist, rund um die Uhr einen niedrigschwelligen Zugang zu qualifizierter medizinischer Beratung mit fachärztlicher Expertise. Ihre Beobachtungen müssten ernst genommen werden und einen klaren Eskalationsweg auslösen können.

„Als Angehörige weiß ich, welche Folgen es haben kann, wenn Sepsis nicht rechtzeitig erkannt wird. Angehörige müssen vom medizinischen Personal ernst genommen und gehört werden – sie kennen den Menschen und bemerken Veränderungen oft am besten. Bei Zweifeln muss zudem eine unabhängige Zweitmeinung möglich sein. Das muss Pflicht werden – auch das ist ein Punkt in Bezug auf Patientensicherheit! In der Vorreiterregion erleben wir, was im Kleinen erreicht werden kann, wenn Impfberatung, frühe Warnzeichen, konsequentes Handeln im Notfall und die Versorgung von Langzeitfolgen zusammengedacht werden. Hausärztinnen und Hausärzte spielen dabei eine zentrale Rolle – für Betroffene, Angehörige und das Gesundheitssystem“, erklärte Marion Pfeiffer, Angehörige und Mitinitiatorin der Sepsis-Vorreiterregion Main-Taunus-Kreis.