Gesundheitliche Risiken einer Cannabislegalisierung für Kinder und Jugendliche5. Januar 2022 Kinder- und Jugendärzte, -psychiater und -psychotherapeuten befürchten negative Auswirkungen einer Cannabislegalisierung. (Foto: ©Photographee.eu – stock.adobe.com) Kinder- und Jugendpsychiater und -psychotherapeuten sowie Kinder- und Jugendärzte in Deutschland warnen vor den möglichen Risiken einer Cannabislegalisierung und appellieren, etwaige Legalisierungsbestrebungen nicht auf dem Rücken von Kindern und Jugendlichen auszutragen. Alle Vorsätze, die Legalisierung mit einem bestmöglichen Jugendschutz zu verbinden, hätten sich in vielen Legalisierungsländern als Illusion erwiesen, warnen die Mediziner und Therapeuten. Bereits die gesellschaftliche Debatte um eine Abgaberegulierung von Cannabisprodukten habe ungünstige Effekte auf das Konsumverhalten junger Menschen. Suchtprävention habe in der Vergangenheit erwünschte Effekte gezeigt, wenn sie auf eine strikte Angebotsreduzierung zielte. Den Markt suchterzeugender Substanzen zu erweitern und auf eine schadensbegrenzende Beeinflussung von Gefährdeten und Konsumierenden durch Verhaltensprävention zu setzen, habe sich demgegenüber als kaum wirksam herausgestellt, heißt es in einer Pressemitteilung der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie (DGKJP). Legalisierung lässt die Risikowahrnehmung sinken Studien aus den USA belegten, dass die Legalisierung von Cannabis auch dann, wenn dies nur für erwachsene Personen vorgesehen ist, auch bei Jugendlichen mit starken Zuwächsen beim Cannabismissbrauch sowie der Entwicklung einer Cannabisabhängigkeit einhergehe. Infolge der Legalisierung nehme die Risikowahrnehmung in Bezug auf die gesundheitlichen Gefahren des Cannabiskonsums insbesondere bei den Minderjährigen ab, trotz aller Beschränkungen des legalen Erwerbs auf Erwachsene. In manchen US-Bundesstaaten mit einer Legalisierung lägen die Konsumquoten in der Bevölkerung um 20 bis 40 Prozent höher als im US-Bundesdurchschnitt. Cannabisprodukte, die von Erwachsenen legal erworben werden, würden trotz Verbots an Jugendliche durchgereicht, warnt die Fachgesellschaft. Die Folgen für die medizinische Versorgung von Cannabiskonsumierenden seien “alarmierend”. “In Colorado (USA) hat sich seit der Legalisierung des Cannabisbesitzes die Rate der cannabisbedingten Vergiftungsfälle und cannabisbezogenen Krankenhausaufnahmen mehr als verdoppelt. Bei den cannabisbezogenen Notrufen in Vergiftungszentralen werden die größten Zuwächse in den Altersgruppen 0 bis 8 Jahre und 9 bis 17 Jahre verzeichnet. Der Anteil der Suizide mit Cannabisbeteiligung ist in Colorado seit der Legalisierung auf das Doppelte angestiegen. Bei den Zehn- bis 17-Jährigen liegt der Anteil der Suizide mit Cannabisbeteiligung mit 51 Prozent am höchsten. Die Zahl tödlicher Verkehrsunfälle unter Cannabiseinfluss ist in Colorado nach der Legalisierung ebenfalls auf das Doppelte angestiegen”, zählt die DGKJP die Folgen der Cannabislegalisierung im Bundesstaat Colorado auf. Zudem zeige die Legalisierung in den USA und Kanada, dass die angestrebte Austrocknung des Schwarzmarktes nur bedingt gelinge und sich Konsumierende die Cannabisprodukte zu einem nicht geringen Anteil auch weiterhin über illegale Quellen beschafften. Insbesondere jüngere Konsumentengruppen nutzten die günstigeren Schwarzmarktprodukte bevorzugt. Neben dem fortbestehenden Schwarzmarkt erweisen sich Probleme in der Marktregulierung, Schmuggel und Steuerbetrug bisher als unlösbar. Hohes Abhängigkeitspotenzial bei Jugendlichen Die Legalisierung verharmlose außerdem auch die gesundheitlichen Gefahren, negativen Folgen und Langzeiteffekte des Cannabiskonsums auf die altersgerechte physische und psychische Entwicklung von Kindern und Jugendlichen. Die vom Bundesministerium für Gesundheit (BMG) in Auftrag gegebene CaPRiS-Studie (Cannabis: Potential und Risiken) zeige, dass das Abhängigkeitspotenzial für Jugendliche besonders hoch ist. Etwa neun Prozent aller Cannabiskonsumenten entwickelten über die Lebenszeit eine Cannabisabhängigkeit. “Diese Rate beträgt 17 Prozent, wenn der Cannabiskonsum in der Adoleszenz beginnt beziehungsweise 25 bis 50 Prozent, wenn Cannabinoide in der Adoleszenz täglich konsumiert werden”, erklärte die Fachgesellschaft. Seit einer Dekade mehren sich der DGKJP zufolge die Befunde zu den ungünstigen Einwirkungen von Cannabis auf die Hirnreifung junger Menschen. Cannabiskonsum in Pubertät und Adoleszenz führe zu strukturellen und funktionellen Veränderungen im Gehirn mit der Folge von Einbußen in Gedächtnis-, Lern- und Erinnerungsleistungen sowie Minderungen der Aufmerksamkeit, Denkleistung und Intelligenz. Da die Hirnreifung bis über die Mitte der dritten Lebensdekade hinausreicht, seien Abgaberegulierungen mit Altersbegrenzungen bei 21 oder gar 18 Jahren aus entwicklungsneurobiologischer Sicht nicht plausibel, mahnen die Experten. Weiterhin sei der Zusammenhang zwischen Cannabiskonsum und psychischen Störungen gut belegt. So bestehen bei vulnerablen Personen ein dosisabhängiger Zusammenhang mit depressiven Störungen, Suizidalität, bipolaren Störungen, Angsterkrankungen sowie zusätzlichem Missbrauch von Alkohol und anderen illegalen Drogen. Cannabiskonsum könne darüber hinaus bei ansonsten unauffälligen Menschen mit einer bestimmten genetischen Disposition Psychosen auslösen und den Verlauf schizophrener Psychosen deutlich verschlechtern. Bei Cannabiskonsum in der Schwangerschaft würden außerdem Frühgeburten und Entwicklungsstörungen des Kindes beobachtet, fasst die Fachgesellschaft die vorliegenden Studienergebnisse zusammen. Bisherige Cannabispolitik fortsetzen Die Programmatik der deutschen Cannabispolitik auf Basis von Prävention, Hilfen, Schadensminimierung und Angebotsreduzierung (BtMG) habe sich mit Blick auf Konsumquoten und Hilfestellungen für Suchtkranke in der Vergangenheit bewährt, lobte die DGKJP. In der deutschen Bevölkerung lägen die Quoten täglichen oder fast täglichen Cannabisgebrauchs nach Daten der EBDD im europäischen Vergleich niedrig (mit 0,4% für die Gesamtbevölkerung auf dem 5. Rang von 14 Ländern insgesamt, europäischer Durchschnitt 0,7%). Auch die Zahl regelmäßig konsumierender Jugendlicher habe nach Analysen der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) in den vergangenen 30 Jahren nicht bedeutsam zugenommen. Hinsichtlich der Inanspruchnahme therapeutischer Hilfen lässt sich feststellen, dass kaum irgendwo anders in Europa vergleichbar viele Cannabisabhängige in eine Suchtbehandlung vermittelt werden wie in Deutschland. “Diese erfolgreiche Programmatik inklusive ihrer strikten Angebotsreduzierung sollte fortgesetzt und nicht etwa durch ungünstige Folgen einer Legalisierung beeinträchtigt werden wie sie aus den USA und Kanada in der wissenschaftlichen Literatur berichtet werden. Aufklärung über Gesundheitsgefahren, Resilienzförderung im Kindes- und Jugendalter, Jugendschutzgesetzgebung und Therapieforschung müssen zukünftig gestärkt werden, um das Risikobewusstsein junger Menschen zu schärfen, ihre Widerstandskraft gegen verfrühten Substanzkonsum zu erhöhen und die noch allzu schwachen Interventionserfolge weiter zu verbessern”, forderte die Fachgesellschaft.
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