Glaukom: Gängige Augensalben können Implantate schädigen

Fotografischer Vergleich von MicroShunts zur Veranschaulichung der Größenveränderungen: Aus einem Patienten explantierter MicroShunt, der eine diffuse Schwellung mit Bruch und Verlust einer Lamelle aufweist (oben). Aus einem anderen Patienten explantierter MicroShunt, der eine lokalisierte Schwellung um die Lamelle herum aufweist (Mitte). Unbenutzter MicroShunt als Kontrolle (unten). Maßstab: 1 Teilstrich = 1 mm. Foto.©Ryo Tomita

Anhand klinischer und experimenteller Belege zeigt eine neue Studie der Nagoya-Universität (Japan), dass Augensalben auf Petrolatum-Basis ein bestimmtes Drainage-Implantat beeinträchtigen können.

Der in dieser Studie untersuchte Preserflo®-MicroShunt dient der Verbesserung des Kammerwasserabflusses bei Glaukompatienten. Das Implantat besteht aus einem styrolhaltigen thermoplastischen Elastomer auf Basis eines Polystyrol-Block-Polyisobutylen-Block-Polystyrol(SIBS)-Blockpolymers. Laut Hersteller ist das Material hoch biokompatibel, flexibel und mit einem geringen Risiko für Entzündungen oder Narbenbildung verbunden.

Augensalben auf Petrolatum-Basis schädigen Implantat

Herstellerangaben zufolge reagiert das Material jedoch empfindlich auf den Kontakt mit kohlenwasserstoff- und ölhaltigen Substanzen. Aufgrund seiner hohen Ölaffinität kann der Kontakt mit Augensalben auf Petrolatum-Basis dazu führen, dass Ölkomponenten in das Implantat eindringen und Schwellungen sowie mögliche Veränderungen seiner Form und Flexibilität verursachen. Obwohl der Hersteller ausdrücklich vor einem solchen Kontakt warnt, ist diese Vorsichtsmaßnahme in der klinischen Praxis nicht durchgängig bekannt.

Studienleiter Ryo Tomita von der Universität Nagoya berichtet von strukturellen Schäden bis hin zu Rissen geschwollener Microshunts während operativer Eingriffe.

Gemeinsam mit einem interdisziplinären Team aus Medizin und Ingenieurwissenschaften untersuchte er daher die materialbedingten Veränderungen nach Kontakt mit petrolatumhaltigen Salben. Die Ergebnisse wurden im Fachjournal „Graefe’s Archive for Clinical and Experimental Ophthalmology“ veröffentlicht.

Petrolatumhaltige Salben als maßgebliche Ursache der Materialveränderungen bestätigt

Untersucht wurden sieben Glaukompatienten, bei denen MicroShunt-Implantate aus unterschiedlichen Gründen explantiert wurden. Dabei zeigte sich ein eindeutiges Muster: Alle frei liegenden Implantate, die mit petrolatumhaltigen Augensalben in Kontakt gekommen waren, wiesen ausgeprägte Schwellungen auf, zwei davon waren gerissen.

Dagegen blieben sowohl bedeckte Implantate ohne Salbenkontakt als auch ein freiliegender MicroShunt ohne Salbenanwendung strukturell unverändert. Die Ergebnisse sprechen den Autoren zufolge dafür, dass der direkte Kontakt mit petrolatumhaltigen Salben die maßgebliche Ursache der Materialveränderungen ist.

Untersuchungen im Labor bestätigten klinische Beobachtungen

Die vorgenommen Laboruntersuchungen bestätigten die klinischen Beobachtungen. Unbenutzte MicroShunts wurden in petrolatumhaltige Augensalben eingetaucht, wodurch sich die in der Praxis beobachtete Schwellung reproduzieren ließ. Bereits nach 24 Stunden zeigten mikroskopische Messungen eine deutliche Größenzunahme: Der Außendurchmesser war um das 1,44-Fache, der flossenartige Abschnitt um das 1,29-Fache vergrößert.

Weitere Chemische Analysen ergaben zudem, dass ölbasierte Salbenbestandteile in das Material eindrangen und nach 24 Stunden rund 45 Prozent des Gesamtgewichts ausmachten. Nach drei Monaten lag der Anteil dann bei 73 Prozent. Nach Meinung der Wissenschaftler bestätigen diese Ergebnisse, dass die Schwellung primär auf die Aufnahme von Ölkomponenten aus der Salbe zurückzuführen ist.

Vermeidung von Salben auf Petrolatum-Basis bei Patienten mit MicroShunt-Implantaten

Das Forschungsteam weist daraufhin, dass Ärzte die Verwendung von Salben auf Petrolatum-Basis bei Patienten mit MicroShunt-Implantaten vermeiden sollten, insbesondere wenn diese außerhalb der Bindehaut liegen. Es sollten den Wissenschaftlern zufolge alternative postoperative Behandlungen in Betracht gezogen werden. Zudem seien weitere Untersuchungen erforderlich, um zu beurteilen, ob die Schwellung die Leistung des MicroShunts auch dann beeinträchtigt, wenn keine Ruptur auftritt.

„Unsere Studie hat gezeigt, dass häufig verwendete medizinische Materialien unerwartete Komplikationen verursachen können, wenn ihre chemischen Eigenschaften und Anwendungsumgebungen nicht vollständig verstanden werden“, erklärte Noro. „Sowohl aus medizinischer als auch aus technischer Sicht betonen wir, wie wichtig es ist, die chemischen Eigenschaften medizinischer Materialien zu verstehen und ihre Anwendungsumgebungen angemessen zu handhaben.“

(sas/BIERMANN)