Glioblastom: Tumortreiber unbekannter Art entdeckt22. Februar 2021 Neu entdeckter Zelltyp TAMEP (in rot) direkt neben einem Tumorzellkern (grau). (Foto: ©Glaß/LMU Klinikum München) Es kommt nicht oft vor, dass Forscher noch einen neuen Zelltyp entdecken. Einem Team von der Neurochirurgischen Klinik und Poliklinik des LMU Klinikums Großhadern ist dies nun gelungen. Diese TAMEP genannten Zellen treiben das schnelle Wachstum des Glioblastoms voran. Die Forscher wollen ihre Entdeckung für neue Therapien gegen die oft tödliche Erkrankung nutzen. Die Tumorzellen des Glioblastoms sind eingebettet in eine Nachbarschaft gesunder Zellen (Parenchym). Allerdings werden viele dieser Zellen vom Krebs manipuliert. So zum Beispiel die Makrophagen, die „Fresszellen“ des Immunsystems, die den Tumor eigentlich bekämpfen sollten. Stattdessen sind sie so „umprogrammiert“, dass sie das Wachstum des Glioblastoms beschleunigen. Ein entscheidender Faktor für den Krebs, denn immerhin machen diese Makrophagen 30 Prozent der Zellmasse im Parenchym aus. Aufbruch in unbekanntes Gebiet Prof. Rainer Glaß und seine Kollegen haben nun Zellen in diesem Tumormilieu gefunden, die bei oberflächlicher Betrachtung zunächst wie gewöhnliche Fresszellen aussahen. Doch als die Forscher des LMU Klinikums die Zellen genauer analysierten, befanden sie sich plötzlich mitten in einer Expedition in unbekanntes Gebiet. Mithilfe genetisch veränderter Mäuse, intravitaler Bildgebung, Einzelzell-Transkription, Immunfluoreszenzanalyse und Histopathologie stellte sich heraus: Die Zellen lassen sich klar von Makrophagen abgrenzen, denn sie stammen nicht von den gleichen myeoliden Stammzellen ab, sondern sind bisher noch unbekannten Ursprungs. Die TAMEP genannten Zellen sind stark am aggressiven Wachstum des Glioblastoms beteiligt. Sie fördern offenbar an entscheidender Stelle die Bildung neuer Blutgefäße, die der Tumor braucht, um seine immer neuen Zellen zu füttern und rasant zu wachsen. Als die Forscher die Funktion der TAMEP ausschalteten, hemmte dies auch das Wachstum des Glioblastoms, und zwar um 60 bis 70 Prozent. Eine Entdeckung mit therapeutischer Bedeutung „Der Tumor schrumpfte zwar nicht vollständig“, sagt Glaß, „aber er kam über eine bestimmte Größe nicht mehr hinaus.“ So erkennt der Wissenschaftler „in unserer Entdeckung eine therapeutische Bedeutung für die Therapie aggressiver Gehirntumore.“ Denn schon haben die Forscher begonnen, die Signalwege zu entschlüsseln, mit denen die TAMEP ihre verhängnisvolle Funktion umsetzen. Das Ziel: Ansatzpunkte im molekularen Geschehen zu finden, an die Medikamente binden können, die die Zellen ausschalten – und damit potenziell das Tumorwachstum bremsen können. „Wir brauchen da mehrere Klassen neuer Wirkstoffe, um diesen meist tödlichen Tumor effektiv zu bekämpfen“, erklärt Glaß. Darüber hinaus, so der Biologe, „wird diese Arbeit von besonderem Interesse für die neurowissenschaftliche Grundlagenforschung und die Krebsforschung sein.“ Originalpublikation: Kälin RE et al. AMEP are brain tumor parenchymal cells controlling neoplastic angiogenesis and progression. Cell Systems, 15. Februar 2021
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