GLP-1-Rezeptoragonisten: Gewichtsverlust ohne relevanten Muskelschwund9. Juni 2026 Ein Gewichtsverlust durch GLP-1-Rezeptoragonisten scheint keinen überproportionalen Verlust an Muskelmasse zu verursachen. Symbolbild: edojob/stock.adobe.com Ein ausgeprägter Gewichtsverlust unter GLP-1-Rezeptoragonisten scheint nicht zu einem klinisch relevanten Muskelschwund zu führen. Aktuelle Daten sprechen dafür, dass die Gewichtsreduktion überwiegend auf den Verlust von Fett- und Lebermasse zurückzuführen ist, während Muskelmasse und Muskelkraft weitgehend erhalten bleiben. GLP-1-Rezeptoragonisten (GLP-1-RA) erzielen bei Adipositas und Typ-2-Diabetes eine substanzielle Gewichtsreduktion. Dabei wird regelmäßig auch ein Rückgang der fettfreien Masse beobachtet. Das wiederum hat zu der Befürchtung geführt, der Gewichtsverlust unter GLP-1-RA ginge mit einem klinisch relevanten Muskelschwund einher. Die Interpretation solcher Veränderungen ist jedoch komplex, denn die fettfreie Masse umfasst neben der Skelettmuskulatur auch Organe, Körperwasser und weitere Gewebekompartimente. Ob GLP-1-basierte Therapien tatsächlich einen überproportionalen Muskelschwund verursachen oder ob der Verlust fettfreier Masse vor allem andere Gewebe betrifft, war bislang nicht abschließend geklärt. Die Ergebnisse mehrerer präklinischer Untersuchungen sowie einer klinischen Proof-of-Concept-Studie sprechen jedoch dafür, dass Muskelmasse und -kraft während des Gewichtsverlustes weitgehend erhalten bleiben. Die Daten wurden in der Fachzeitschrift „Cell Reports Medicine“ publiziert. Absoluter Verlust, relativer Gewinn? Das internationale Forschungsteam um Studienleiter Dr. Henning Tim Langer von der Charité – Universitätsmedizin Berlin untersuchte die Auswirkungen von GLP-1-basierten Medikamenten auf Körperzusammensetzung und Muskelfunktion zunächst in vier präklinischen Studien. Dafür verwendeten sie ein „Diet-induced obesity“ (DIO) Mausmodell. Die Ergebnisse zeigen, dass GLP-1-Medikamente vor allem die Menge des Körperfettes reduzieren. Auch die fettfreie Masse verringerte sich signifikant – jedoch ging dieser Verlust primär auf eine Reduktion der Leber- anstelle der Skelettmuskelmasse zurück. Dadurch verzeichneten die Forschenden zwar in der Tat eine Abnahme von absoluter Muskelmasse und -kraft. Relativ zum Körpergewicht nahmen Letztere hingegen zu. Das wirkte sich wiederum positiv auf die körperliche Leistungsfähigkeit der Tiere aus. Diese verbesserte sich trotz der relevanten Gewichtsabnahme. Hinweise auf eine disproportionale Beeinträchtigung der Muskelfunktion nach einer Behandlung mit GLP-1-RA fanden sich somit nicht. Untersuchungen des Skelettmuskelproteoms ergaben für den Gewichtsverlust durch GLP-1-RA allerdings andere Veränderungen als für einen Gewichtsverlust durch Kalorienrestriktion. Die Daten deuten einen Effekt von GLP-1-RA auf die Mitochondrien an, was den Stoffwechsel in den Muskeln unabhängig von der Nahrungsaufnahme beeinflussen könnte. Keine Hinweise auf disproportionalen Muskelschwund Um die präklinischen Ergebnisse zu bestätigen, führte das Team zudem eine klinische Proof-of-Concept-Studie durch. Untersucht wurden Personen mit Typ-2-Diabetes und einem Body-Mass-Index (BMI) zwischen 27 und 50 kg/m2. Die Teilnehmenden wurden über zwölf Wochen einmal wöchentlich mit Semaglutid behandelt. Als wesentliche Endpunkte dienten Veränderungen von Körperzusammensetzung, Skelettmuskelmasse und Muskelfunktion. Auch in den menschlichen Probanden zeigte sich lediglich eine geringe Reduktion der Skelettmuskelmasse – im Gegensatz zu einem deutlichen Verlust an Körperfettmasse. Die Muskelkraft blieb nach Angaben der Autor:innen weitgehend erhalten. Somit ergeben sich auch hier keine Hinweise auf einen pathologischen, klinisch relevanten Muskelschwund. Das Design der klinischen Studie lasse zwar keine eindeutigen Schlussfolgerungen zu, so die Forschenden. Doch die Daten unterstützen eine Reihe bisheriger Studien. Bestätigung liefern zudem erst kürzlich auf dem European Congress on Obesity (ECO) 2026 präsentierte Daten aus Wien (Österreich). Die Analyse einer retrospektiven Kohortenstudie zeigt, dass die relative Skelettmuskelmasse unter der Behandlung mit GLP-1-RA bei mehr als 70 Prozent der Teilnehmenden gleich blieb oder sogar zunahm. Die österreichische Studie umfasste allerdings überwiegend weibliche Teilnehmerinnen. Die präklinischen Experimente der aktuellen Studie wurden hingegen ausschließlich an männlichen Tieren durchgeführt. Inwiefern diese Limitationen die Aussagekraft der Ergebnisse schmälern, ist schwer zu sagen. Ob es geschlechtsspezifische Unterschiede hinsichtlich der Entwicklung von Muskelmasse und -kraft während einer Gewichtsabnahme gibt, bleibt ebenfalls unklar. Höhere Leistungsfähigkeit und Beweglichkeit Aufgrund der begrenzten Teilnehmerzahl und dem kurzen Untersuchungszeitraum lässt die aktuelle Studie außerdem keine Aussagen über die Langzeitentwicklung von Muskelmasse und Muskelfunktion zu. Dennoch sprechen die Ergebnisse gegen die Annahme, dass die Behandlung mit GLP-1-RA per se zu einem überproportionalen Verlust von Skelettmuskulatur führt. Die Autor:innen betonen darüber hinaus, dass ein Verlust an fettfreier Masse nicht automatisch mit einem Verlust funktionell relevanter Muskelmasse gleichgesetzt werden dürfe. Wie genau sich ein Gewichtsverlust und GLP-1-RA auf das Gewicht und den Fettgehalt von Organen auswirken, sei derzeit aber noch nicht vollständig geklärt. Die reine Quantifizierung der Körperzusammensetzung hat nach Ansicht der Forschenden somit ihre Tücken – entscheidend bleibe deshalb die Beurteilung von Muskelkraft und körperlicher Leistungsfähigkeit im Gesamtkontext. So berichteten beispielsweise viele Patient:innen nach einem Gewichtsverlust von deutlichen Verbesserungen ihrer Fitness und Mobilität, was die aktuellen Daten unterstreichen. Dennoch müssen weitere Untersuchungen zur langfristigen Wirkung von GLP-1-RA auf Muskelmasse und -funktion folgen. (mkl/BIERMANN)
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