Hantavirus auf Kreuzfahrtschiff: Offenbar von Mensch zu Mensch übertragen

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Bei den aktuellen Hantavirus-Fällen auf einem Kreuzfahrtschiff geht die Weltgesundheitsorganisation (WHO) von Infektionen von Mensch zu Mensch aus. Das sagte WHO-Expertin Maria Van Kerkhove auf einer Pressekonferenz in Genf (Schweiz).

Das Hantavirus wird üblicherweise durch Ausscheidungen von Nagetieren übertragen. Doch bei dem Andenvirus (englisch Andes Virus), das im Falle der betroffenen Kreuzfahrt-Passagiere vermutet wird, seien auch Infektionen zwischen Menschen bei engem Kontakt möglich, erklärte die Epidemiologin.

Mögliche Übertragungswege und Symptome

Beim Hantavirus gibt es laut Science Media Center Germany verschiedene Übertragungswege auf den Menschen: Unter anderem über das Einatmen von virushaltigen Aerosolen, über Kontakt an verletzter Haut oder über kontaminierte Lebensmittel. Hinweise auf eine Übertragung von Mensch zu Mensch gibt es nur bei einem in Südamerika vorkommenden Hantavirus. Die Inkubationszeit liegt zwischen zwei und vier Wochen, kann aber auch bis zu acht Wochen dauern.

Die Erkrankung, die durch die in Mitteleuropa vorkommenden Hantavirus-Typen ausgelöst, ähnelt beim Menschen in der Anfangsphase einer Grippe (hohes Fieber und Schmerzen). In der Folge können dann ein Blutdruckabfall und schließlich Nierenfunktionsstörungen bis zum akuten Nierenversagen auftreten. Die in Mitteleuropa vorkommenden Hantavirus-Typen führen lnur selten zu einer Beteiligung der Lunge. Hantaviren aus Nord- und Südamerika wie das Andenvirus hingegen verursachen das Hantavirus-induzierte (kardio-) pulmonale-Syndrom (HPS bzw. HCPS), wie das Robert-Koch-Institut erklärt.

„Der Mensch ist bei den meisten Hantaviren ein Fehl- beziehungsweise Endwirt, sodass keine relevante Mensch-zu-Mensch-Übertragung stattfindet“, erläutert Prof. Jonas Schmidt-Chanasit, Leiter der Abteilung Arbovirologie und Entomologie, Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin (BNITM) in Hamburg. „Eine wichtige Ausnahme ist jedoch das südamerikanische Andes-Virus. Für dieses Hantavirus ist eine Mensch-zu-Mensch-Übertragung bei engem Kontakt beschrieben. Da das Schiff aus Südargentinien kam, muss diese Möglichkeit differenzialdiagnostisch ernst genommen werden.“

Schmidt-Chanasit ergänzt: „Besonders wichtig ist die Unterscheidung, ob es sich tatsächlich um das Andes-Virus handelt. Falls ja, sollten erkrankte Personen konsequent isoliert werden, und bei engem Kontakt sollte ein strukturiertes Kontaktpersonenmanagement erfolgen. In diesem Fall sind Barrier-Nursing-Maßnahmen sinnvoll, insbesondere bei Patientinnen und Patienten mit respiratorischer Symptomatik oder bei aerosolbildenden medizinischen Maßnahmen.“

Die Ereignisse an Bord der „Hondius“

Das betroffene kleine Kreuzfahrtschiff „Hondius“ mit insgesamt 140 Menschen an Bord war vom Süden Argentiniens aufgebrochen und ankert derzeit vor Cap Verde. Die WHO vermutet, dass die Infektionskette von dem mittlerweile verstorbenen niederländischen Ehepaar ausging, das sich vor der Einschiffung in Argentinien noch an Land angesteckt haben könnte. Van Kerkhove wies darauf hin, dass viele Passagiere der Expeditions-Kreuzfahrt Wildtier-Beobachtungen und ähnliche Aktivitäten unternommen haben.

Die weitere Übertragung könnte dann an Bord zwischen Personen passiert sein, etwa in Kabinen, sagte WHO-Expertin Van Kerkhove. Sie schloss nicht aus, dass die Infektionen auch von Nagetieren auf afrikanischen Inseln stammen könnten, die im Zuge der Kreuzfahrt angesteuert wurden. Laut Schiffsbetreiber seien keine Ratten an Bord.

Bislang sind drei Passagiere der „Hondius“ verstorben, ein älteres niederländisches Ehepaar und ein Deutscher. Die WHO geht derzeit von insgesamt sieben Erkrankungsfällen aus. Der Transport von zwei Patienten an Bord in die Niederlande werde derzeit vorbereitet, sagte Van Kerkhove. Nur bei einem kleinen Teil der Fälle sind bisher Hantaviren gesichert nachgewiesen worden. Laboruntersuchungen zu den übrigen Infektionen und zum genauen Typ des Virus laufen.

Mögliche medizinische Maßnahmen bei Andenvirus-Infektion

„Eine spezifische Standardtherapie gegen das Virus gibt es nicht“, betont Schmidt-Chanasit. Bei der angezeigten Behandlung handele es sich vor allem um Maßnahmen der supportiven Medizin: engmaschige Überwachung, Sauerstoffgabe, intensivmedizinische Versorgung bei respiratorischer Insuffizienz oder Schock und gegebenenfalls invasive Beatmung oder Extrakorporale Membranoxygenierung in schweren Fällen.

Der Mediziner unterstreicht: „Gerade bei Verdacht auf HCPS ist eine frühe intensivmedizinische Anbindung entscheidend. Falls das Andes-Virus bestätigt oder hochgradig wahrscheinlich ist, sollten Erkrankte isoliert und enge Kontaktpersonen aktiv überwacht werden, und medizinisches Personal sollte mit entsprechender persönlicher Schutzausrüstung arbeiten. Bei unklarer Hantavirus-Spezies und schwerer respiratorischer Erkrankung nach Aufenthalt in Südargentinien würde ich zunächst vorsorglich so vorgehen, bis das Andes-Virus ausgeschlossen ist.“

Das Global Virus Network betont anlässlich dieses aktuellen Falles, dass Ereignisse wie dieses eher zur Sensibilisierung als zu Panik führen sollten. Es sei unerlässlich, weiter in die internationale Überwachung, Forschung und Vorsorge zu investieren. Zwingend notwendig für die Minimierung von Risiken im Zusammenhang mit Hantavirus und anderen Infektionskrankheiten und Zoonose sei auch eine klare Kommunikation zwischen Gesundheitsbehörden, der Reisebranche und der Öffentlichkeit. Beim Global Virus Network handelt es sich um einen internationalen Zusammenschluss von Virologen.