Haus der Geschichte in Bonn gibt Conterganskandal mehr Raum16. Dezember 2025 Exponat-Übergabe im Haus der Geschichte: Die Vorständin der Conterganstiftung Margit Hudelmaier (l.) übergibt die Armprothesen, die sie als Kind getragen hat an Ausstellungsleiter Manfred Wichmann. Foto: Thünker, Stiftung Haus der Geschichte Mit der Wiedereröffnung der neuen Dauerausstellung verleiht das Haus der Geschichte in Bonn dem Conterganskandal einen neuen, festen Platz und öffnet damit Raum für Erinnerung, Aufklärung und Anerkennung. „Ein starkes Signal für Menschen mit Conterganschädigung“, wie die Conterganstiftung in einer Mitteilung betont: Ihr Schicksal wird gesellschaftlich deutlich sichtbarer und als Teil der deutschen Nachkriegsgeschichte anerkannt. Eines von 3850 Exponaten der neuen Dauerausstellung ist eine originale Armprothese. Margit Hudelmaier, Vorständin der Conterganstiftung hat sie gestiftet. Das Besucheraufkommens war mit 14,3 Millionen Menschen seit der Eröffnung des Bundesmuseums 1994 groß. Nach 30 Jahren wurde es Zeit für eine komplette Überarbeitung der Dauerausstellung. Daher konzentriert sich die neue, am 9. Dezember eröffnete Schau unter dem Titel: „Du bist Teil der Geschichte. Deutschland seit 1945“ auf fünf große zeitliche Blöcke in der Geschichte der Bundesrepublik. Die Zeit des Conterganskandals fällt in die Epoche Ende der 1950er, Anfang der 1960er Jahre. Conterganskandal als typisches Beispiel für den unbedingten Glauben an den medizinischen Fortschritt „Diese Zeit war geprägt von starkem Technik- und Fortschrittsglauben: Man flog ins All und glaubte, alles sei möglich und es gäbe keine Risiken. Das gilt für den Umgang mit der Atomenergie ebenso wie für bahnbrechende Erfolge in der Medizin, wie erste Herztransplantationen“, erklärt Sammlungsdirektor Dr. Manfred Wichmann. Und so war es für die Macher der Ausstellung nur logisch, auch den Conterganskandal hier zeitlich und thematisch anzusiedeln. „Damals nahmen viele schwangere Frauen das Schlafmittel Contergan ein – in dem Glauben, es sei harmlos. Später stellte sich heraus, dass das Medikament bei Tausenden Kindern zu schweren Fehlbildungen führte. Das ist ein typisches Beispiel für den unbedingten Glauben an den medizinischen Fortschritt dieser Zeit, dem wir in einer raumhohen Vitrine mit verschiedenen Exponaten aus dieser Epoche gerecht werden wollten“, erläutert der Sammlungsdirektor. Armprothese als Dauerleihgabe im Haus der Geschichte Zu diesen Exponaten zählt ein Original-Pillendöschen oder eine Contergan-Verpackung (auch in der „alten“ Dauerausstellung bereits ausgestellt). Weitere Ausstellungsstücke sind ein Taschenkalender einer jungen Mutter sowie eine originale Armprothese eines betroffenen Kindes. Die selbst betroffene Margit Hudelmaier hat diese Armprothese gespendet. Die Vorständin der Conterganstiftung hat die Prothese als Siebenjährige in der Schule getragen hat. Hudelmaier: „Ich habe diese Prothese immer als Fremdkörper empfunden, als etwas, das gar nicht zu mir gehört und mir meine Behinderung erst richtig bewusst gemacht hat.“ Der Conterganskandal zeigte schnell die Grenzen des uneingeschränkten Fortschrittsglaubens auf. „Es gibt nun einmal keine einfache technische Lösung für solche Probleme. Dies ist auch heute noch so“, ergänzte die persönlich betroffene Vorständin. Nun hat die Prothese als Dauerleihgabe ans Haus der Geschichte einen Ehrenplatz in der Vitrine gefunden. Sie wird mindestens zwei Jahrzehnte dort bleiben. Conterganskandal: Sichtbarmachung bedeutet Anerkennung „Das Besondere an der Vitrine ist der schwebende Charakter der Exponate. Alle Ausstellungsgegenstände sind so angeordnet, dass sie von mehreren Seiten betrachtet werden können“, erläutert Wichmann. Dafür habe man eine sehr aufwändige Konstruktion gefertigt, die die Exponate eindrucksvoll in Szene setzte. „Die Prothese von Frau Hudelmaier ist ganz sicher ein Blickfang an dieser Stelle, der vielen Besucherinnen und Besuchern noch lange in Erinnerung bleiben wird.“ Der Sammlungsdirektor ergänzt: „Für Betroffene ist die Sichtbarmachung im Museum mehr als symbolisch: Es bedeutet Anerkennung – ihrer Schmerzen, ihrer Lebensleistung und ihrer Existenz. Es bedeutet aber auch, dass die Gesellschaft sich erinnert, dass das Unrecht nicht verdrängt, sondern dokumentiert und transparent gemacht wird.“ Barrierefreier Museumsbesuch – mehr als nur Komfort Das Haus der Geschichte Bonn legt großen Wert darauf, seine Ausstellungen für möglichst viele Menschen zugänglich zu machen — auch für Menschen mit Behinderungen oder Mobilitätseinschränkungen. Für Menschen mit Conterganschädigung bedeutet ein barrierefreier Museumsbesuch weit mehr als Komfort. Damit verbunden sind eine Reihe von Service- und Zugänglichkeitsangeboten. Beispiele sind ebenerdige Eingänge mit automatischen Schiebetüren oder die Möglichkeit, sich über das Informationsdesk Hilfsmittel auszuleihen. Auch Assistenzhunde sind im Museum und in den Ausstellungsräumen zugelassen. Für Personen mit Hörbeeinträchtigung bietet das Museum bei Führungen elektronische Führungssysteme mit Funk-Ohrhörern an.
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