Helfen ergonomische Maßnahmen gegen arbeitsplatzbedingte Schmerzen?

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Ein aktualisierter Cochrane-Review ergab bei Personen mit arbeitsbedingten Beschwerden in Nacken, Schultern oder Armen keinen klaren kurzfristigen Nutzen für ergonomische Maßnahmen. Die Evidenz ist jedoch nur von geringer bis moderater Vertrauenswürdigkeit.

Viele Berufstätige leiden unter Verspannungen und Schmerzen in Schultern, Nacken und Armen. Hauptursachen sind neben einer ungünstigen Körperhaltung, etwa am Schreibtisch, schwere Arbeiten, häufig wiederholte Bewegungen oder äußere Einwirkungen wie vibrierende Werkzeuge. Um Beschwerden und damit einhergehende krankheitsbedingte Arbeitsausfälle zu verringern, investieren viele Unternehmen in ergonomische Büromöbel oder Schulungen zu Biomechanik oder Ergonomie.

Ob diese Maßnahmen bei bereits bestehenden Beschwerden helfen, hat eine Cochrane-Arbeitsgruppe unter Leitung der University of Technology Sydney (Australien) untersucht. Die Ergebnisse ihrer kürzlich publizierten Übersichtsarbeit deuten darauf hin, dass ergonomische Interventionen am Arbeitsplatz kurzfristig (bis zu drei Monate) keinen relevanten Nutzen zur Verbesserung von Schmerzen, Funktion oder Krankheitstagen bei Personen mit arbeitsbedingten Beschwerden in Nacken, Schultern oder Armen haben.

Analyse von 20 Studien zu ergonomischen Maßnahmen

Das Team um die leitende Studienautorin Dr. Poonam Mehta wertete in der aktualisierten Übersichtsarbeit 20 randomisierte und quasi-randomisierte klinische Studien (RCTs) aus, darunter Cluster-RCTs. Verglichen wurden einzelne oder kombinierte ergonomische Maßnahmen mit keiner Behandlung, der Standardversorgung, einem Placebo oder anderen aktiven Maßnahmen, teils als Zusatzbehandlung. An den Studien nahmen insgesamt 2478 Personen mit größtenteils allgemeinen Schmerzen im Nacken, Schulter‐ oder Armbereich teil (16 Studien). Vier Studien untersuchten Menschen mit Karpaltunnelsyndrom oder Sehnenentzündung der Rotatorenmanschette. Dreizehn Studien betrafen Büro- und Computerarbeit, sieben Beschäftigte in Fabriken, an Nähmaschinen oder in Schlachthöfen.

Ausgewertet wurden neben Schmerzen, Funktionsstatus und arbeitsbezogenen Endpunkten (z. B. krankheitsbedingte Fehlzeiten, Rückkehr an den Arbeitsplatz, Produktivitätsverlust am Arbeitsplatz, Berufswechsel) auch die global wahrgenommene Wirkung (z. B. allgemeine Verbesserung), Lebensqualität, die Inanspruchnahme von Gesundheitsleistungen und das Wiederauftreten der Beschwerden.

Kaum Effekte bei Schmerzen und Fehlzeiten

Die Auswertung der kurzfristigen Ergebnisse (bis zu drei Monate nach der Intervention) zeigt, dass ergonomische Maßnahmen im Vergleich zu keiner Behandlung oder der üblichen Versorgung möglicherweise nur einen geringen oder gar keinen Einfluss auf Schmerzen (4 Studien, 692 Personen) oder das Wohlbefinden (1 Studie, 68 Personen) haben. Auf die Funktionsfähigkeit (1 Studie, 383 Personen) oder die Genesung (1 Studie, 386 Personen) haben sie wahrscheinlich kaum bis gar keinen Einfluss, ebenso wenig auf die krankheitsbedingten Fehlzeiten (3 Studien, 759 Personen). Hinsichtlich der Inanspruchnahme von medizinischen Leistungen waren die Ergebnisse heterogen.

Im Vergleich zu Bewegungsübungen hatten ergonomische Maßnahmen möglicherweise kaum oder gar keinen Einfluss auf die Genesung (1 Studie, 257 Personen) oder die Inanspruchnahme medizinischer Leistungen (1 Studie, 217 Personen). Sie verbessern aber möglicherweise das Wohlbefinden (1 Studie, 61 Personen).

Offene Fragen und Evidenz mit Einschränkungen

Offen bleibt, wie sich ergonomische Anpassungen im Vergleich zu anderen aktiven Behandlungen auf Schmerzen oder die Funktionsfähigkeit auswirken und ob ergonomische Maßnahmen in Kombination mit einer zusätzlichen Behandlung Schmerzen stärker lindern als diese Behandlung allein. Auch lagen keine Daten zum Wiederauftreten der Beschwerden vor, und zu arbeitsbezogenen Ergebnissen jenseits der Fehlzeiten gab es nur wenige.

Die Studiengruppe gibt zu bedenken, dass das Vertrauen in die Ergebnisse ihrer Übersichtsarbeit begrenzt ist: Die Evidenz wird als gering bis moderat eingestuft. Gründe sind neben der geringen Anzahl an Studien und Teilnehmenden die geringe methodische Qualität der Studien, ein hohes Verzerrungsrisiko, heterogene Ergebnisse und fehlende Verblindung. Es lässt sich daher nicht ausschließen, dass bestimmte Maßnahmen bei einzelnen Beschwerden dennoch wirksam sein können.

Mehta und Kollegen werten die Ergebnisse dennoch als Signal, dass der Nutzen ergonomischer Interventionen allein vermutlich schwächer ist als gemeinhin angenommen. „Insgesamt scheinen ergonomische Maßnahmen weniger wirksam zu sein als Bewegung, auch wenn in bestimmten Untergruppen, wie beispielsweise bei Menschen mit einer Sehnenentzündung der Rotatorenmanschette, geringfügige Vorteile auftreten können“, heißt es in einer Pressemitteilung von Cochrane. Für eine bessere Einschätzung des Stellenwerts ergonomischer Strategien beim Management von arbeitsbedingten Beschwerden im Arm-, Nacken- und Schulterbereich seien hochwertige, gut konzipierte Studien nötig, so die Autoren.

(ah/BIERMANN)