Hirnschäden bei Neugeborenen: Index entdeckt1. März 2018 Foto: © bevisphoto – Fotolia.com RUB-Mediziner: “Das Risiko für Hirnschäden in der weißen Substanz ist bei Reifgeborenen mit großem Kopfumfang verzehnfacht – trotz unauffälliger Geburt.” Bochumer Mediziner haben eine einfache Methode entdeckt, um Babys mit hohem Risiko für Hirnschäden in der weißen Substanz zu erkennen, die Hauptursachen der zerebralen Kinderlähmung (Zerebralparese) sind. Sie untersuchten prospektiv 4725 reife Neugeborene mit Ultraschall, eine Population, die normalerweise nicht untersucht wird, und zeigten, dass ein großer Kopfumfang bei Geburt (> 90. Perzentile) das Risiko für einen Hirnschaden um das Zehnfache erhöht. “Für uns ist die Schädigung der weißen Substanz in einer scheinbar gesunden Population von überwiegend männlichen Neugeborenen das fehlende Bindeglied zwischen dem Hirnschaden, der der Diagnose entgeht, und der Entwicklung ungeklärter Zerebralparesen im Kindesalter”, sagt Prof. Arne Jensen von der Campus Klinik Gynäkologie an der Ruhr-Universität Bochum. Er berichtet zusammen mit seinem Kollegen Bert Holmer, MD, in der Zeitschrift “Obstetrics and Gynecology International”. Ein Heilversuch mit Stammzellen bei Schlaganfall nach der Geburt wies den Weg In einer kürzlich erschienenen Publikation hatte ein kleines Mädchen unter der Geburt einen Schlaganfall mit Halbseitenlähmung erlitten, obwohl es am Termin nach unauffälliger Schwangerschaft der Mutter mit normalen Apgar-Werten bei großem Kopfumfang (> 97. Perzentile) und Anzeichen einer starken Kopfverformung scheinbar gesund geboren worden war. Fig. 1: Druckstelle des Gehirns (Pfeil) des Neugeborenen nach der Geburt, verursacht durch großen Kopfumfang (>90. Perzentile) und relatives Missverhältnis zwischen kindlichem Kopf und mütterlichem (verengten) Becken (© 2016 A. Jensen and E. Hamelmann, Case Reports in Transplantation Volume (2016), Article ID 1717426, 9 pages, http://dx.doi.org/10.1155/2016/1717426). Nach der Magnetresonanz-Tomographie des Schädels (MRT), die einen wegweisenden Befund ergab, wurde die Stammzellbehandlung aus Nabelschnurblut erfolgreich durchgeführt. “Zu unserer Überraschung war die Druckstelle am Gehirn durch die mechanische Kompression 5 Jahre nach der Geburt des Mädchens immer noch sichtbar”, erinnert sich Jensen. “Wir haben daraufhin unsere Datenbank gezielt durchsucht und festgestellt, dass bei Kombination von großem kindlichen Kopfumfang mit protrahierter Geburt oder Geburtsstillstand ein hohes Risiko für eine Hirnschädigung in der weißen Substanz besteht.” U-förmige Beziehung zwischen Kopfumfang und Hirnschaden Auch reifgeborene Babys mit sehr kleinem Kopfumfang (<10. Perzentile) sind bedroht, denn bei ihnen steigt die Rate an Schäden in der weißen Substanz um das Sechsfache (Risiko 2,5%) gegenüber dem Referenzwert (Risiko 0,4%) an, was auf unterschiedliche Entstehungsmechanismen hindeutet. Fig. 2: Der Kopfumfang der Neugeborenen bestimmt das Hirnschädigungsrisiko in der weißen Substanz bei 4725 am Termin geborenen Kindern. Interessanterweise gab es nur beim Kopfumfang und nicht bei den anderen Körpermaßen diesen engen Bezug zum Hirnschaden über den gesamten Bereich der Kopfumfangs-Perzentilen. (Jensen and Holmer, 2018). Bei Kopfumfängen über der 90. Perzentile (Risiko 4,3%) stehen ursächlich ein relatives Missverhältnis zwischen kindlichem Kopf und Becken der Mutter sowie eine lange Geburtsdauer bei erhaltener Vitalität der Neugeborenen im Vordergrund, während unterhalb der 10. Perzentile ein akuter oder chronischer Sauerstoffmangel mit Verminderung von Vitalität, Apgar-Bewertung und Säure-Basen-Haushalt der Babys überwiegen. Diese Babys sind, anders als die großen gesunden Neugeborenen, in einem schlechten Zustand bei Geburt und werden deshalb gewöhnlich durch Hirnultraschall untersucht, so dass Hirnschäden entdeckt werden können. Wichtige klinische Konsequenzen Zur Verbesserung der klinischen Versorgung gefährdeter Kinder im Hinblick auf eine dramatische Zunahme von mütterlicher Adipositas und kindlichem Übergewicht wurde kürzlich von den Bochumer Medizinern ein generelles Screening auf Hirnschäden bei Neugeborenen, die nach längerer Wehentätigkeit eine Verformung des Schädels zeigen, empfohlen. “Wir glauben, dass klinisch unauffällige Neugeborene, die sehr große oder sehr kleine Kopfumfänge aufweisen, grundsätzlich einer Bildgebung des Gehirns zugeführt werden sollten, um kosteneffiziente Therapieoptionen wie eine frühzeitige aktive Neurorehabilitation oder auch potenziell wirksame Zellbehandlungen anbieten zu können, denen vor kurzem der Medikamentenstatus zur Behandlung seltener Erkrankungen durch die EMA (Orphan Medicinal Product Designation)* verliehen worden ist.” Publikationen: Arne Jensen and Bert Holmer, “White Matter Damage in 4,725 Term-Born Infants Is Determined by Head Circumference at Birth: The Missing Link,” Obstetrics and Gynecology International, vol. 2018, Article ID 2120835, 12 pages, 2018. doi: 10.1155/2018/2120835 Jensen and E. Hamelmann (2016): First autologous cord blood therapy for pediatric ischemic stroke and cerebral palsy caused by cephalic molding during birth – Individual treatment with mononuclear cells, Case Reports in Transplantation Volume 2016 (2016), Article ID 1717426, 9 pages *Orphan Medicinal Product Designation for Periventricular Leukomalacia, EMA 2016
Mehr erfahren zu: "Erstmals dorsaler Klitorisnerv detailliert dargestellt" Erstmals dorsaler Klitorisnerv detailliert dargestellt Der Aufbau der menschlichen Klitoris ist trotz erster Forschungserfolge noch weitgehend unbekannt. Forschenden aus Düsseldorf gelang es in einer anatomischen Studie nun erstmals, den Klitorisnerv detailliert darzustellen.
Mehr erfahren zu: "Höhere Umgebungstemperatur während der Schwangerschaft ist mit geringerem fetalen Wachstum assoziiert" Höhere Umgebungstemperatur während der Schwangerschaft ist mit geringerem fetalen Wachstum assoziiert Eine aktuelle Studie von Forschenden der Medizinischen Universität Wien, der Universität Wien (Österreich) und der University of Calgary (Kanada) zeigt, dass höhere Umgebungstemperaturen während bestimmter Phasen der Schwangerschaft mit einer […]
Mehr erfahren zu: "Gestationsdiabetes erhöht das Risiko für Typ-2-Diabetes – selbst bei Normalgewicht" Gestationsdiabetes erhöht das Risiko für Typ-2-Diabetes – selbst bei Normalgewicht Gestationsdiabetes stellt laut einer Studie der Universität Göteborg einen starken Risikofaktor für eine spätere Typ-2-Diabetes-Erkrankung dar – selbst bei Frauen, die vor der Schwangerschaft ein normales Körpergewicht aufwiesen. Die Forscher […]