Histotripsie bei Leberkrebs: US-Daten sprechen für eine sorgsame Auswahl von Patienten25. September 2026 Abbildung: Crystal light/stock.adobe.com Aus einer aktuellen Übersichtsarbeit zu Patienten-Outcomes nach Histotripsie geht hervor, dass das spezifisch auf Tumoren in der Leber abzielende Verfahren zwar mit einer geringen Toxizität und niedrigen Komplikationsraten verbunden ist, dass es aber einer besseren Definition von Kandidaten bedarf, die davon profitieren. Klinische Studien, die 2023 zur Zulassung eines ersten Histotripsiesystems zur nichtinvasiven mechanischen Zerstörung von Lebertumoren und bestimmter nicht operabler Tumoren durch die US-amerikanische Food and Drug Administration geführt hatten, belegten ein günstiges Sicherheitsprofil und gute technische Ergebnisse bei sorgsam ausgewählten Patienten. Dr. Allan Tsung von der University of Virginia Health und Kollegen aber wollten nun herausfinden, wie sich das Verfahren in der Praxis macht. Sie werteten die Outcomes von 972 Patienten aus, bei denen das Verfahren in den Jahren 2023 bis 2026 angewendet worden war. Dabei betrachteten sie Faktoren wie das Überleben, die Leberfunktion vor und nach Histotripsie sowie die Wahrscheinlichkeit von Nierenschäden. Seine Forschungsergebnisse veröffentlichte das Team kürzlich in „JAMA Network open“. Faktor Lebenserwartung Die Wissenschaftler fanden niedrige Raten für eine durch Laborwerte definierte Toxizität und für Komplikationen im Zusammenhang mit dem Vorgehen – allerdings verstarben auch elf Prozent der Behandelten innerhalb von 30 Tagen nach dem Eingriff. Zwar lasse die Auswertung keine Schlussfolgerung dazu zu, ob die Histotripsie unmittelbar zu diesen Todesfällen beitrug, erklärt Tsung. Die niedrigen Toxizitätsraten aber deuteten darauf hin, dass eine fortgeschrittene Krebserkrankung und die Krankheitslast insgesamt zu der beobachteten Mortalität beigetragen haben. Die Erkenntnisse werfen die Frage auf, ob manche der betroffenen Patienten möglicherweise eine zu geringe Lebenserwartung hatten, um von einem Verfahren, das spezifisch gegen Tumoren in der Leber gerichtet ist, in bedeutsamer Art und Weise zu profitieren. Die 30-Tage-Mortalität von elf Prozent sei schwer mit einem Verfahren vereinbar, das der lokalen Krankheitskontrolle dient, so die Ansicht der Forschenden. Kontrast von guter Verträglichkeit und 30-Tage-Mortalität Studienautor Allan Tsung. (Credit: UVA Health) „Der Kontrast zwischen der guten Verträglichkeit des Verfahrens einerseits und der Zahl der Patienten, die danach innerhalb von 30 Tagen verstarben, hat uns überrascht“, berichtet Tsung, chirurgischer Onkologe und Leiter der Chirurgischen Klinik an der University of Virginia Health. „Dies bedeutet nicht, dass die Histotripsie diese Todesfälle verursacht hat. Es sagt uns aber, dass wir besser verstehen müssen, welche Patienten am wahrscheinlichsten lange genug am Leben bleiben und den richtigen Krebstyp aufweisen, um wirklich einen bedeutsamen Nutzen daraus zu ziehen.“ In ihrem Review stellten die Autoren fest, dass fast 70 Prozent der ausgewerteten Behandlungen bei einer metastasierten Erkrankung erfolgt war, darunter bei aggressiven malignen Tumoren wie einem Pankreaskarzinom. Dies gebe Anlass zu der Sorge, dass das Verfahren auch bei Patienten mit einer Krankheitsbiologie eingesetzt werde, bei denen sich eine speziell auf die Leber gerichtete Therapie nicht eignet. Immer noch sei unklar, welche Rolle die Histotripsie bei weit metastasierter oder fortgeschrittener Erkrankung spielt, und die bisher publizierten Daten beschränkten sich auf kleine, größtenteils monozentrische Studien. „Öffentliche und kommerzielle Interessen überholen dabei qualitativ hochwertige Vergleichsdaten“, schreiben die Autoren in ihrer Publikation. Zur multidisziplinären Beurteilung von Patienten wird geraten Bei der Histotripsie kommen fokussierte Schallwellen zum Einsatz. Kurze, intensive Ultraschallpulse erzeugen im Zielgewebe winzige Gas- beziehungsweise Mikrobläschen. Deren Entstehung und anschließender Kollaps (akustische Kavitation) zerlegt das anvisierte Gewebe in kleinste Bestandteile, unter größtmöglicher Schonung des umliegenden Gewebes. Normalerweise wird das Verfahren ambulant durchgeführt. Seit Juli dieses Jahres verfügt das 2023 von der FDA zugelassene Histotripsiesystem über eine europäische CE-Kennzeichnung. Laut den Wissenschaftlern muss der Zeitpunkt einer Histotripsie gut überlegt sein – insbesondere bei Patienten mit einer fortgeschrittenen Erkrankung und einer begrenzten Lebenserwartung. Zudem sprechen sich die Studienautoren für eine multidisziplinäre Beurteilung von Patienten aus, bei denen eine Histotripsie erwogen wird: Konsultiert werden sollten ihrer Meinung nach Vertreter der chirurgischen und der medizinischen Onkologie sowie interventionelle Radiologen und Hepatologen. So lasse sich die Patientenauswahl verbessern, bis prospektive Studiendaten zu dieser Fragestellung vorliegen. „Nur, weil eine Behandlung in der Durchführung sicher ist, heißt das noch nicht, dass sie für jeden Patienten richtig ist“, betont Tsung. „Die Histotripsie ist ein vielversprechendes Verfahren. Ich hoffe, dass unsere Forschung hilft, die Debatte von der Frage ‚Ist es möglich?‘ zu ‚Wann sollten wir es anwenden und bei wem?‘ lenken. Letzten Endes ist es unser Ziel, sicherzustellen, dass sich Innovation in einem bedeutsamen Nutzen für Patienten ausdrückt.“ (ac/BIERMANN)
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