Hypoxische Leberschädigung: Wichtiger Mortalitätsprädiktor bei schwerem ARDS

Das frühzeitige Erkennung einer hypoxischen Leberschädigung bei ARDS-Patienten auf der Intensivstation könnte helfen, Personen mit einem besonders hohen Risiko für eine Verschlechterung ihres Zustands und für Mortalität zu identifizieren. (Foto: sudok1/stock.adobe.com)

Wissenschaftler aus Hamburg und Innsbruck zeigen in einer Studie, dass die hypoxische Leberschädigung als häufige Komplikation beim Akuten Atemnotsyndrom (ARDS) ein wertvoller prognostischer Marker sein kann. Sie könne auch als Indikator für den Schweregrad der systemischen Erkrankung bei kritisch kranken Patienten dienen.

Während ein respiratorisches Versagen das Hauptmerkmal des ARDS darstellt, erleiden kritisch kranke Patienten häufig ein Multiorganversagen. Dazu gehören auch Leberschädigungen. Unter diesen wurde die hypoxische Leberschädigung (hypoxische oder ischämische Hepatitis) bei ARDS-Patienten bislang vergleichsweise wenig untersucht. Dabei ist mehr als jeder fünfte Patient mit schwerem ARDS davon betroffen.

In einer monozentrischen Beobachtungsstudie haben daher Forschende vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf und sowie von der Medizinischen Universität Innsbruck (Österreich) Daten zu 434 erwachsenen Patienten mit mittelschwerem bis schwerem ARDS analysiert. Alle in die Studie eingeschlossenen Patienten mussten länger als 48 Stunden invasiv beatmet werden.

Die Ergebnisse der unter der Leitung von Dr. Kevin Roedl vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf durchgeführten Studie wurden im „Journal of Intensive Medicine“ veröffentlicht.

Bei ARDS mehr als doppelt so häufig wie allgemein bei Intensivpatienten

Die Studie ergab, dass 22,4 Prozent der ARDS-Patienten während ihres Aufenthalts auf der Intensivstation eine hypoxische Leberschädigung entwickelten – mehr als doppelt so häufig wie in allgemeinen Intensivpatientenkollektiven. Als entscheidend bezeichnen es die Forschenden dabei, dass das Auftreten einer hypoxischen Leberschädigung stark mit einem schlechteren klinischen Verlauf assoziiert war. Patienten, die eine hypoxische Leberschädigung entwickelten, wiesen eine signifikant höhere Mortalität auf der Intensivstation auf als Patienten ohne ein solches Ereignis (74,2% vs. 58,2%). Selbst nach Bereinigung um Störfaktoren blieb die hypoxische Leberschädigung unabhängig mit einem um 71 Prozent erhöhten Sterberisiko verbunden.

Diese Ergebnisse unterstreichen nach Auffassung der Studienautoren den Stellenwert der hypoxischen Leberschädigung als schwere Komplikation sowie ihre potenzielle Rolle als Indikator für eine systemische Verschlechterung des Gesundheitszustandes.

Zudem konnten die Forschenden in ihrer Studie Schlüsselfaktoren identifizieren, die mit der Entstehung einer hypoxischen Leberschädigung zusammenhängen. Insbesondere bei Patienten, die ein Nierenersatzverfahren benötigten, war die Wahrscheinlichkeit für die Entwicklung einer hypoxischen Leberschädigung fast fünfmal höher. Auch das Vorliegen einer Cholestase erwies sich als signifikant mit einem erhöhten Risiko assoziiert.

Diese Befunde, so verdeutlicht das Forschungsteam, deuten darauf hin, dass eine hypoxische Leberschädigung möglicherweise nicht isoliert auftritt, sondern vielmehr als Teil eines umfassenderen Syndroms des Multiorganversagens, das durch systemische Hypoxie und gestörte Perfusion bedingt ist.

Einblicke in die Krankheitsmechanismen, Bedeutung für die Praxis

Trotz schwerer respiratorischer Beeinträchtigung bei allen Patienten waren die Oxygenierungswerte (arterieller Sauerstoffpartialdruck [PaO₂]/ inspiratorische Sauerstoff-Fraktion [FiO₂]-Verhältnisse) bei Patienten mit und ohne hypoxische Leberschädigung vergleichbar. Dies werten die Autoren als Hinweis darauf, dass die Entstehung einer Leberschädigung nicht allein vom Schweregrad der Lungenfunktionsstörung abhängt, sondern ein komplexeres Zusammenspiel von systemischer Hypoxie, Kreislaufbeeinträchtigung und metabolischem Stress widerspiegeln könnte.

Bedeutung für die intensivmedizinische Praxis haben die neuen Erkenntnisse dadurch, dass eine frühzeitige Erkennung einer hypoxischen Leberschädigung bei ARDS-Patienten dazu beitragen könnte, Personen mit einem besonders hohen Risiko für eine Verschlechterung ihres Zustands und für Mortalität zu identifizieren. Die Überwachung von Leberfunktionsmarkern könne wertvolle prognostische Informationen liefern und die klinische Entscheidungsfindung unterstützen.

Eine wesentliche Stärke der Studie liegt laut den Forschenden in der klar definierten und homogenen Patientenpopulation, die ausschließlich aus maschinell beatmeten Patienten mit mittelschwerem bis schwerem ARDS bestand. Dies habe die Zuverlässigkeit der Ergebnisse für diese spezifische Patientengruppe erhöht. Da es sich jedoch um eine retrospektive monozentrische Studie handele, unterlägen die Ergebnisse jedoch inhärenten Einschränkungen, einschließlich möglicher nicht erfasster Störfaktoren. (ac)