Impfen als vierte Säule der kardiovaskulären Prävention

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Ob Influenza, SARS-CoV-2, RSV oder Pneumokokken: Infektionen stellen einen relevanten Treiber für kardiovaskuläre Ereignisse dar. Impfungen können davor schützen, werden hierzulande aber noch nicht ausreichend eingesetzt, berichtete Prof. Stephan H. Schirmer auf der 92. DGK-Jahrestagung. Was er für die kardiologische Praxis rät.

Die klassische Prävention kardiovaskulärer Ereignisse stützt sich bislang auf drei Säulen: Lebensstilmodifikationen, medikamentöse Therapie und interventionelle Maßnahmen. Doch auch die Inflammation spielt eine bedeutende pathophysiologische Rolle in der Entstehung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Die Impfung etabliert sich zwar zunehmend als vierte Säule der kardiovaskulären Prävention, bleibt hierzulande allerdings noch weit hinter ihren Möglichkeiten zurück, erläuterte der in Kaiserslautern niedergelassene Kardiologe Schirmer.

Dramatische Impflücke in der deutschen Bevölkerung

Die STIKO empfiehlt aktuell allen über 60-Jährigen sowie Risikogruppen eine jährliche Impfung gegen COVID-19- und Influenza. Die einmalige Impfung mit einem proteinbasierten oder mRNA-RSV-Impfstoff wird allen Personen ab 75 Jahren empfohlen, sowie als Indikationsimpfung für 60- bis 74-Jährige mit relevant beeinträchtigender Grunderkrankung und Bewohnende von Pflegeeinrichtungen. Einmalig gegen Pneumokokken sollten ferner Erwachsene ab 60 Jahren und Risikogruppen geimpft werden.

Ein Blick auf die Versorgungsrealität verdeutlicht allerdings die erhebliche Diskrepanz zwischen Empfehlung und Umsetzung: So lag 2024 die Influenza-Impfquote bei über 60-Jährigen in Deutschland bei nur 34 Prozent, während Impfungen gegen Herpes zoster bei rund 24 Prozent und gegen Pneumokokken-Bakterien bei etwa 21 Prozent lagen. Selbst die COVID-19-Auffrischungsimpfung erreichte in dieser Altersgruppe zuletzt nur 13 Prozent.

Laut Schirmer bleibe damit gerade in einer Population mit einem hohen kardiovaskulären Risiko „ein erhebliches Präventionspotenzial ungenutzt“ – insbesondere auch vor dem Hintergrund internationaler Empfehlungen: Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfiehlt beispielsweise für ältere Risikogruppen eine Influenza-Impfquote von mindestens 75 Prozent. In einem klinischen Konsensus-Statement hob auch die European Society of Cardiology (ESC) im letzten Sommer die Bedeutung von Impfungen für die Prävention kardiovaskulärer Ereignisse hervor (wir berichteten).

Infektion als kardiovaskulärer Risikofaktor

Für Influenza ist bekannt, dass das Risiko für einen Myokardinfarkt innerhalb der ersten sieben Tage nach Infektion um das etwa Sechsfache erhöht ist. Gleichzeitig zeigen randomisierte Studien, dass die Influenza-Impfung schwere kardiovaskuläre Ereignisse um etwa 28 Prozent reduzieren kann.

Auch eine Pneumokokken-Impfung ist mit einer Reduktion kardiovaskulärer Ereignisse um etwa 30 Prozent und einer signifikanten Reduktion der Gesamtmortalität assoziiert. „Aus kardiologischer Sicht ist dies besonders relevant, da die Impfung akute kardiovaskuläre Ereignisse wie das akute Koronar-Syndrom oder eine Herzinsuffizienz-Dekompensationen im Kontext einer Pneumokokkeninfektion verhindern kann“, verdeutlichte Schirmer.

Zusätzlich zeigen auch Infektionen mit SARS-CoV-2 und dem Respiratory Syncytial Virus (RSV) einen engen Zusammenhang mit kardiovaskulären Ereignissen. So verdeutlichen aktuelle Daten aus 2026 für RSV, dass das kardiovaskuläre Risiko nach einer Infektion deutlich ansteigt, insbesondere in den ersten Tagen nach dem Ereignis. Die Inzidenzratenverhältnisse (IRR) für akute Ereignisse wie Myokardinfarkt, Schlaganfall, Herzinsuffizienz und Arrhythmien sind in diesem Zeitraum am höchsten. Sie erreichen teilweise bis zu 16-fache Werte im Vergleich zur Kontrollgruppe. Auch in den Folgewochen bleibt das Risiko erhöht, wenn auch abgeschwächt, und nimmt über die Zeit ab.

Für COVID-19 zeigt sich ein ähnliches Bild: In einer großen Kohorte mit 153.760 COVID-19-Erkrankten traten im Vergleich zu einer Kontrollgruppe (n=5.637.647) eine Vielzahl zusätzlicher kardiovaskulärer Erkrankungen auf, darunter thromboembolische Ereignisse, Rhythmusstörungen und ischämische Herzerkrankungen. Diese treten nicht nur akut, sondern auch im weiteren Verlauf häufiger auf als bei nicht infizierten Personen.

Impfung als zentraler Bestandteil kardiovaskulärer Prävention

Schirmer resümiert: „Die vorliegenden Erkenntnisse zeigen konsistent: Der Zusammenhang zwischen Infektionen und kardiovaskulären Ereignissen ist kein Randphänomen.“ Vielmehr handele es sich um einen relevanten und vor allem beeinflussbaren Risikofaktor. „Dennoch wird die Impfung in der kardiovaskulären Prävention bislang häufig noch nicht konsequent mitgedacht“, monierte der Experte. Hier sei ein klarer Perspektivwechsel erforderlich: „Impfungen sollten nicht länger ausschließlich als Maßnahme zur Vermeidung infektiöser Erkrankungen verstanden werden, sondern als integraler Bestandteil der kardiovaskulären Risikoreduktion. Sie adressieren einen zentralen Trigger kardiovaskulärer Ereignisse – und schließen damit eine Lücke in der bisherigen Präventionsstrategie.“ 

Gerade Kardiologinnen und Kardiologen kommt nach Ansicht von Schirmer eine entscheidende Rolle zu: „Sie betreuen Patientinnen und Patienten mit hohem Risiko, sehen die unmittelbaren Folgen kardiovaskulärer Ereignisse und genießen hohes Vertrauen. Der Aufklärung der Patientinnen und Patienten bezüglich dieser Zusammenhänge kommt eine herausragende Bedeutung zu.“ In diesem Zusammenhang hob er die Ergebnisse der dänischen NUDGE-FLU-Studie hervor. Diese weist eine Steigerung der Impfrate nach Aufklärung über den kardiovaskulären Nutzen von Impfungen nach.

„Umso wichtiger ist es, Impfstatus und Impfberatung systematisch auch in die kardiologische Versorgung zu integrieren – genauso selbstverständlich wie das Blutdruck-, Lipid- oder Diabetesmanagement“, betonte Schirmer. Impfungen seien damit kein Zusatz, sondern ein fester Bestandteil moderner kardiovaskulärer Prävention. „Ein wirksamer Schutz des Herzens beginnt schließlich nicht erst bei der Therapie, sondern kann bereits bei einer Prävention infektiöser Auslöser unterstützen.“

(ah/BIERMANN)