Impfung gegen RSV in der Schwangerschaft könnte Kinder künftig schützen

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Nachdem der Pharmahersteller Pfizer bereits im November 2022 die positiven Zwischenergebnisse zu seinem maternalen RSV-Impfstoff in einer Pressemitteilung vermeldet hatte, sind nun die umfassenden Studiendaten im „The New England Journal of Medicine“ veröffentlicht worden, die die Wirksamkeit und Sicherheit des Impfstoffes bestätigen sollen.

In der aktuellen Veröffentlichung sind vor allem die Daten zur Sicherheit der Impfung von besonderem Interesse. Der bivalente Impfstoff auf Basis des Respiratorischen Synzytial-Virus(RSV)-Präfusionsproteins (RSVpreF) wird der werdenden Mutter intramuskulär während der 24. und 36. Schwangerschaftswoche verabreicht und ist eine maternale Immunisierung: Die durch den Impfstoff erzeugten Antikörper werden über die Plazenta im Mutterleib und später über die Muttermilch an den Säugling weitergegeben. Sie sollen diesen vor allem vor potenziell schwerwiegenden Infektionen mit RSV schützen.

Der Pharmahersteller GlaxoSmithKline (GSK) musste die klinische Studie zu seinem maternalen RSV-Impfstoff frühzeitig pausieren, da der unabhängige Datenüberwachungs-Ausschuss die Unterbrechung aufgrund der Beobachtung vermehrter Frühgeburten bei einer routinemäßigen Sicherheitsbewertung empfohlen hatte.

Offenbar keine Sicherheitsbedenken

Anhand der nun veröffentlichten Zwischenergebnisse der Phase-III-Studie von Pfizer kommen die Studienautoren zu dem Fazit, dass bisher keine Sicherheitsbedenken für den maternalen RSVpreF-Impfstoff vorliegen. Die Häufigkeit von unerwünschten Ereignissen, die innerhalb eines Monats nach der Injektion oder innerhalb eines Monats nach der Geburt gemeldet wurden, war in der Impfstoffgruppe (13,8 % der Frauen und 37,1 % der Säuglinge) und in der Placebogruppe (13,1 % bzw. 34,5 %) vergleichbar. Zu bedenken ist hierbei, dass in der klinischen Studie Risikoschwangerschaften von der Impfung ausgeschlossen wurden und insofern für diese Gruppe keine Sicherheitsinformationen vorliegen.

Insgesamt erhielten 3682 Mütter den Impfstoff und 3676 ein Placebo; 3570 beziehungsweise 3558 Säuglinge wurden untersucht. 90 Tage nach der Geburt konnte eine Wirksamkeit des Impfstoffs gegen schwere RSV-assoziierte Erkrankungen der unteren Atemwege von 81,8 Prozent (99,5 %-Konfidenzintervall [KI] 40,6–96,3) ermittelt werden; 180 Tagen nach der Geburt betrug die Wirksamkeit des Impfstoffs 69,4 Prozent (97,58 %-KI 44,3–84,1). Das Erfolgskriterium für die Wirksamkeit des Impfstoffs in Bezug auf den primären Endpunkt wurde damit erfüllt.

Anders das Ergebnis für die ermittelte Wirksamkeit bei milderen RSV-assoziierten Erkrankungen der unteren Atemwege, die innerhalb von 90 Tagen nach der Geburt auftraten. Diese lag bei 57,1 Prozent (99,5 %-KI 14,7–79,8) und erfüllte nicht das statistische Erfolgskriterium von mehr als 20 Prozent als untere Grenze des Konfidenzintervalls.

Regionale Besonderheiten beachten

„Die Ergebnisse der Impfstudie sind ausgesprochen positiv“, kommentierte Prof. Beate Kampmann, Leiterin des Instituts für Internationale Gesundheit der Charité und Erstautorin der Studie, die Ergebnisse. „Bei über 80 Prozent der Kinder konnte durch die Impfung der Mutter während der Schwangerschaft ein schwerer Verlauf einer RSV-Erkrankung in den ersten drei Lebensmonaten verhindert werden, über zwei Drittel waren auch noch im Alter von sechs Monaten geschützt. Auch wurde die Impfung von den Frauen sehr gut vertragen.“ Die Zulassung des Impfstoffs ist bei den europäischen und US-amerikanischen Arzneimittelbehörden beantragt. Die Ergebnisse der Prüfung sollen voraussichtlich noch in diesem Jahr vorliegen.

Die Teilnehmerinnen der Studie kamen zu knapp der Hälfte aus den USA, 30 Prozent von ihnen sind in Ländern mit niedrigem oder mittlerem Einkommen beheimatet. In Gambia beispielsweise hat das Team um Kampmann rund 200 Teilnehmerinnen rekrutiert. „Es ist wichtig, Impfstudien in den Ländern durchzuführen, in denen die Impfstoffe später auch genutzt werden sollen“, erklärte Kampmann. „Gerade in sozioökonomisch benachteiligten Ländern leiden die Menschen aufgrund schlechter Hygienebedingungen häufig an chronischen Darmentzündungen. Das kann – wie etwa im Fall der Rotavirus-Impfung – zu einer geringeren Effektivität der Impfung führen. Und es gibt Co-Erkrankungen wie Malaria oder HIV, die den Antikörper-Transport über die Plazenta beeinträchtigen. All das beeinflusst, wie gut ein Impfstoff letztlich wirkt.“ Für nationale Impfgremien ist es darüber hinaus wichtig, dass sich ein Impfstoff auch innerhalb der eigenen Region als wirksam erwiesen hat, um ihn später empfehlen zu können.

„Die Verträglichkeit des RSV-Impfstoffs war bei den Studienteilnehmerinnen insgesamt ganz hervorragend und die Effektivität bei der Prävention von schweren RSV-Erkrankungen der Säuglinge überzeugend. Wir danken den Frauen für ihre Teilnahme und hoffen, dass der Impfstoff bald eingesetzt werden und viele junge Leben retten kann”, sagte Kampmann.

Maternale Immunisierung oder Antikörper?

Dr. Roland Elling, pädiatrischer Infektiologe am Zentrum für Kinder- und Jugendmedizin des Universitätsklinikums Freiburg, betonte, dass die Impfung gegen RSV für das Säuglingsalter aus immunologischen Gründen anspruchsvoll sei. “Für ein Kind, das während der RSV-Saison auf die Welt kommt, muss sie ab den ersten Lebenstagen effektiv sein. Auf der anderen Seite benötigen Kinder, die außerhalb der Saison auf die Welt kommen, erst während ‚ihrer‘ RSV-Saison, also unter Umständen erst nach einem halben Jahr, die höchste Schutzwirkung. Es kann also sein, dass wir für eine optimale Effektivität differenzierte Impfstrategien entwickeln müssen, die je nach Geburtsdatum der Kinder und individuellen Risikoprofilen unterschiedlich sein können. Dies in der Praxis flächendeckend zu realisieren wird eine große Herausforderung”, sagte der Wissenschaftler, der nicht an der aktuellen Studie beteiligt war.

Ob Neugeborene hierzulande künftig über die Mutter oder über den monoklonalen Antikörper Nirsevimab vor einer RSV-Erkrankung geschützt werden sollen, sei eine politische Frage und politische Entscheidung, die nicht leicht zu fällen sein werde, erklärte Prof. Bernhard Resch, Stellvertretender Leiter der klinischen Abteilung für Neonatologie und Forschungseinheit für neonatale Infektionserkrankungen und Epidemiologie an der Medizinischen Universität Graz, Österreich. Die Strategie über den monoklonalen Antikörper würde nicht nur die Schwangere entlasten und den zu schützenden Säugling in den Mittelpunkt stellen, sondern die Schutzrate scheine auch fast höher zu sein, erklärte der Experte. Allerdings gebe es noch viele Fragen, die nicht sicher beantwortet werden können.