Kampf gegen Hepatitis B und C: WHO fordert mehr Anstrengungen bei der Diagnostik28. Juli 2026 Abbildung: Arif_Vector/stock.adobe.com Mehr als 80 Prozent aller von einer chronischen Hepatitis B Betroffenen weltweit bleiben derzeit ohne entsprechende Diagnose, bei der Hepatitis C sind es rund 90 Prozent. Die WHO fordert daher aktuell einen deutlich besseren Zugang zu entsprechenden Tests. von Britta Achenbach Seit dem Jahr 2015 sind nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) die jährlichen Hepatitis-B-Infektionen weltweit um 32 Prozent zurückgegangen. Bei der Zahl der Todesfälle im Zusammenhang mit Hepatitis C sei eine Abnahme um zwölf Prozent zu verzeichnen. Doch Entwarnung gibt es dennoch nicht: Trotz dieser Fortschritte blieben Virushepatitiden eine der weltweit tödlichsten Infektionskrankheiten, rechnet die Weltgesundheitsorganisation anlässlich des Welt-Hepatitis-Tages (28. Juli) vor: Sie forderten im Jahr 2024 schätzungsweise 1,3 Millionen Todesopfer, wobei die Sterblichkeit weiter ansteige, wie die WHO aktuell verkündet. Die Zahl der mit Hepatitis B in Zusammenhang stehenden Todesfälle ist nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation seit 2015 sogar um 17 Prozent gestiegen. Bei Diagnose und Behandlung viraler Hepatitiden sieht die WHO nach wie vor eine zu geringe Abdeckung – insbesondere bei Hepatitis B – und dass, „obwohl hochwirksame Medikamente verfügbar sind, die Millionen von Todesfällen verhindern könnten“. Ein aktueller Bericht der WHO unterstreicht, dass es dringend nötig ist, „finanzielle, soziale und systembedingte Hürden zu beseitigen, die Millionen von Menschen weiterhin den Zugang zu Prävention, Tests, Behandlung und Versorgung im Bereich Hepatitis erschweren“. Impfung empfohlen Die WHO empfiehlt routinemäßige Hepatitis-B-Tests bei Schwangeren – und bei Babys von infizierten Frauen sofort nach der Geburt eine Impfung. Auch die Ständige Impfkommission (Stiko) in Deutschland rät zu einer Impfung im frühen Lebensalter. Ebenso empfiehlt die Stiko eine Hepatitis-B-Impfung für besonders gefährdete Erwachsene – etwa bei bestimmten Erkrankungen oder einem besonderen Ansteckungsrisiko. Darauf, dass sich auch Deutschland den WHO-Zielen angeschlossen hat, weist die Deutsche Leberhilfe anlässlich des Welt-Hepatitis-Tag hin. Bereits 2016 verabschiedete die Bundesregierung die BIS2030-Strategie zur Eindämmung von HIV, Hepatitis B und C und anderen sexuell übertragbaren Infektionen. Der Grundgedanke sei bis heute aktuell, betont die Deutsche Leberhilfe: Prävention, Testung, Behandlung und Beratung müssten besser miteinander verzahnt werden – mit dem Ziel, vor allem diejenigen zu Menschen erreichen, die vom Gesundheitssystem bisher nur unzureichend profitieren. Fortschritte – aber auch noch Lücken Die Deutsche Leberhilfe verweist auch auf wichtige Fortschritte, die in den vergangenen Jahren in Bezug auf virale Hepatitiden erzielt worden sind: Verbessert wurde unter anderem der Schutz von Neugeborenen: Schwangere werden nun früher als bisher auf Hepatitis B untersucht, was mehr Zeit für effektive Schutzmaßnahmen verschafft. Seit dem Jahr 2021 gehört ein einmaliges Screening auf Hepatitis B und C zur „Gesundheitsuntersuchung“ für Gesetzlich Versicherte. Den Erfolg dieser Maßnahme erläutert Prof. Heiner Wedemeyer, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Leberstiftung und Mitautor einer im vergangenen Jahr veröffentlichten Evaluationsstudie zu dem Thema, wie folgt: „Die Zahl der diagnostizierten Hepatitis B- und Hepatitis C-Fälle ist deutlich gestiegen, was die Bedeutung eines breiten Screening-Ansatzes unterstreicht und zu einer frühzeitigen Behandlung sowie zur Eindämmung der Infektionen beiträgt. Mit dem Welt-Hepatitis-Tag wollen wir dazu aufrufen, Fehlinformationen und Vorurteile abzubauen und die Menschen zu ermutigen, sich über Hepatitis zu informieren und aktiv zu werden. Wer seine Virusinfektion frühzeitig erkennt, kann schwere Folgeerkrankungen wie Leberzirrhose oder Leberkrebs häufig verhindern. Die heute verfügbaren Therapien ermöglichen vielen Betroffenen ein Leben ohne die schwerwiegenden Folgen einer chronischen Lebererkrankung. Umso wichtiger ist es, die bestehenden Vorsorge- und Screening-Angebote konsequent zu nutzen und die WHO-Ziele zur Eliminierung der Virushepatitiden bis 2030 weiter entschlossen zu verfolgen.“ Vorurteile und Falschinformationen gefährden Prävention Gleichzeitig zeigen laut der Deutschen Leberhilfe Erfahrungen aus Deutschland und anderen Ländern aber auch, dass allgemeine Angebote allein nicht ausreichen, um Virushepatitis erfolgreich einzudämmen und ihre Spätfolgen zu verhindern. „Menschen mit Drogenkonsum, in Haft, ohne festen Wohnsitz oder mit erschwertem Zugang zum Gesundheitssystem werden weiterhin oft zu spät erreicht“ heißt es in der aktuellen Mitteilung des Vereins für Patienten mit Lebererkrankungen und deren Angehörige. „Gerade hier entscheidet sich jedoch, ob die Eliminationsziele tatsächlich erreicht werden können.“ Die Deutsche Leberstiftung warnt aus Anlass des diesjährigen Welt-Hepatitis-Tages auch vor einer immer noch häufigen Stigmatisierung von Personen, die von einer viralen Hepatitis betroffen sind. Nach wie vor kursierten Vorurteile und Falschinformationen über Hepatitis-Viren, was auch dazu führe, dass Schutzmaßnahmen, Diagnosen und therapeutische Angebote häufig zu spät in Anspruch genommen würden. „Trotz nach wie vor hoher Verbreitung sind die Neudiagnosen bei Hepatitis B und C laut Statistik des Robert Koch-Instituts 2025 im Vergleich zum Vorjahr erheblich zurückgegangen“, mahnt indessen Dr. Dietrich Hüppe vom Berufsverband niedergelassener Gastroenterologen (bng). „Es ist bedauerlich, dass durch Impfung vermeidbare und bei rechtzeitiger Diagnose gut behandelbare Infektionskrankheiten in hohem Maße unentdeckt bleiben.“ Vor dem Hintergrund, dass die Stärkung von Früherkennung und Vorsorge zu den Kernanliegen der anstehenden Strukturreformen im Gesundheitswesen gehört, ergänzt bng-Sprecherin Dr. Petra Jessen: „Wir könnten sehr viel mehr erreichen, wenn Krankheiten wie die viralen Leberinfektionen oder der Darmkrebs konsequenter bekämpft werden. Mit der Impfung gegen die Hepatitis B und der Darmspiegelung haben wir die Mittel an der Hand, diese Erkrankungen zu verhindern. Mit den modernen Medikamenten zur Behandlung der Hepatitis C und der Darmkrebs-Früherkennung haben wir alle Möglichkeiten, um diese Erkrankungen in sehr vielen Fällen zu heilen.“ Europäische Perspektive Einen Blick auf die Hepatitis-Situation speziell in Europa wirft das European Centre for Disease Prevention and Control (ECDC) und betont, dass die Prävalenz von Hepatitis B bei Kindern unter fünf Jahren „mittlerweile nahe Null liegt“. Allerdings bemängelt die Behörde, dass wichtige Maßnahmen zur Ausrottung von Virushepatitiden in Europa nicht einheitlich umgesetzt würden. Dies wieder führe dazu, dass die Region Europa das für 2030 gesetzte Ziel, Virushepatitiden als Bedrohung für die öffentliche Gesundheit zu eliminieren, voraussichtlich verfehlen werde. Dies geht aus neuen Daten hervor, die das ECDC anlässlich des Welt-Hepatitis-Tages 2026 veröffentlicht hat. „Niemand sollte an einer Krankheit sterben, die vermeidbar, diagnostizierbar und behandelbar ist“, stellt Bruno Ciancio vom ECDC klar. „Dennoch leben Millionen von Europäern mit einer chronischen Hepatitis-B- oder -C-Infektion – oft ohne es zu wissen –, was zu schwerwiegenden Langzeitfolgen wie Leberversagen oder Leberkrebs führen kann. Der Welt-Hepatitis-Tag ist eine gute Gelegenheit, sich daran zu erinnern, dass bereits wirksame Lösungen zur Bekämpfung von Virushepatitis existieren. Unsere gemeinsame Herausforderung besteht darin, sicherzustellen, dass diese lebensrettenden Maßnahmen allen zugänglich sind, die sie benötigen.“ Maßnahmen: Impfung, Schadensminimierung, Infektionskontrolle Zu den bestehenden Maßnahmen zur Bekämpfung von Virushepatitis in Europa gehören Impfungen zur Vorbeugung von Hepatitis B, Maßnahmen zur Schadensminimierung und Infektionskontrolle zur Verhinderung von Übertragungen, Tests zur Früherkennung von Infektionen sowie Behandlungen, die Hepatitis C heilen und Hepatitis B kontrollieren können. Routinemäßige Screenings auf Hepatitis B während der Schwangerschaft sind laut dem ECDC mittlerweile in allen 30 Ländern der Europäischen Union und des Europäischen Wirtschaftsraums (EU/EWR) fest etabliert. Sie haben laut der Behörde dazu beigetragen, dass die vertikale Übertragung von Hepatitis B EU/EWR-weit auf unter zwei Prozent gesenkt werden konnte. Neue, vom ECDC veröffentlichte Daten belegen einen anhaltenden Rückgang akuter Hepatitis-B-Infektionen seit 2006 und damit die Wirksamkeit der langjährigen Präventionsbemühungen in der gesamten Region. Bei Personen unter 25 Jahren sank der Anteil der Fälle von akuter Hepatitis B von elf Prozent im Jahr 2015 auf acht Prozent im Jahr 2024 – laut dem ECDC ein Zeichen für die Wirksamkeit von Impfprogrammen für Kinder und anderen Präventionsmaßnahmen. In der gesamten Region Europa wurden zudem umfassende Screening-Systeme eingeführt, um die Übertragung von Hepatitis B oder C durch Blut, Gewebe oder Zellen zu verhindern. Ergebnisse einer aktuellen ECDC-Umfrage deuten darauf hin, dass viele Länder über robuste Systeme verfügen, um die neuen Sicherheitsstandards für Blut, Gewebe und Zellen zu erfüllen, die in der EU-Verordnung über Stoffe menschlichen Ursprungs festgelegt sind. Viel hat sich getan ‒ aber nicht genug Gleichzeitig stellt die Virushepatitis in ganz Europa nach wie vor eine enorme Herausforderung für die öffentliche Gesundheit dar, wie das ECDC unterstreicht. Schätzungsweise fünf Millionen Menschen in der EU/dem EWR leben mit chronischer Hepatitis B oder C, und jährlich sterben fast 60.000 Menschen an Lebererkrankungen, die mit diesen Infektionen in Zusammenhang stehen – für das ECDC ein Beleg für den weiteren Handlungsbedarf. Weiterhin als große Herausforderung sieht die Behörde Lücken bei der Prävention von Virushepatitiden auf lokaler Ebene. Nur eine Minderheit der Länder (9 von 25) in der EU/dem EWR habe das WHO-Ziel erreicht, 95 Prozent der Kinder vollständig gegen Hepatitis B zu impfen. Einige Länder meldeten in den letzten Jahren sogar einen Rückgang der Impfquoten. Der intravenöse Drogenkonsum ist laut dem ECDC für die meisten Hepatitis-C-Fälle mit bekanntem Übertragungsweg verantwortlich. Während Maßnahmen zur Schadensminimierung – wie die Behandlung mit Opioid-Agonisten, also eine Substitution, sowie die Bereitstellung steriler Nadeln und Spritzen – wirksam zur Verringerung der Übertragung beitragen, ist die Abdeckung in dieser Hinsicht in der EU/dem EWR nach wie vor unzureichend, urteilt das ECDC. Nur sieben Länder erreichen das WHO-Ziel für die Verteilung von sterilem Injektionsbesteck an intravenös Drogenkonsumierende. Das ECDC und die Europäische Drogenbeobachtungsstelle (EUDA) haben zentrale Maßnahmen zur Prävention und Bekämpfung von Infektionskrankheiten bei intravenös Drogen Konsumierenden aufgezeigt und ein Online-Instrumentarium entwickelt, um die Bemühungen zur Eliminierung von Virushepatitiden in Haftanstalten zu unterstützen. Eine Verbesserung der Gesundheitsversorgung in diesen Einrichtungen würde die Übertragungsraten erheblich senken und dazu beitragen, Hepatitis als Bedrohung für die öffentliche Gesundheit zu beseitigen. Mehr zum Thema virale Hepatitis: Hepatitis-E-Viren verändern sich schon früh während der Infektion Hepatitis D: In Heidelberg entwickeltes Medikament jetzt auch in den USA zugelassen Hepatitis C in den USA: Zahl der DAA-Behandlungen im freien Fall? Chronische Hepatitis B: Schätzung der Betroffenen in Europa reicht von 2,4 bis 4,1 Millionen
Mehr erfahren zu: "Adipositas: KI-Prognose für den Behandlungserfolg von Lebensstilmaßnahmen" Adipositas: KI-Prognose für den Behandlungserfolg von Lebensstilmaßnahmen Forschende der Uni Hohenheim haben mithilfe klinischer Daten, des Darmmikrobioms und Künstlicher Intelligenz (KI) ein Prognose-Modell entwickelt, das die Erfolgsaussichten einer Adipositas-Therapie durch Lebensstilmaßnahmen vorhersagen kann.
Mehr erfahren zu: "Zentralklinik Bad Berka: Führungswechsel an der Klinik für Innere Medizin, Gastroenterologie und Endokrinologie" Zentralklinik Bad Berka: Führungswechsel an der Klinik für Innere Medizin, Gastroenterologie und Endokrinologie Die Klinik für Innere Medizin, Gastroenterologie und Endokrinologie der Zentralklinik Bad Berka hat einen neuen Chefarzt. Dr. Jack Peter-Stein hat die Leitung der Abteilung zum 1. September übernommen.
Mehr erfahren zu: "Von Obstipation geprägtes Reizdarmsyndrom: Mikrobiom-Signalübertragungssystem ermöglicht neue Therapieansätze" Von Obstipation geprägtes Reizdarmsyndrom: Mikrobiom-Signalübertragungssystem ermöglicht neue Therapieansätze Gerade veröffentlichte Forschungsergebnisse könnten zu neuen Strategien führen, um Patienten zu helfen, die an einem Obstipations-prädominanten Reizdarmsyndrom (RDS-O) leiden. Im Zentrum des Interesses: enterochromaffine Zellen.