Chronische Hepatitis B: Schätzung der Betroffenen in Europa reicht von 2,4 bis 4,1 Millionen21. April 2026 Abbildung: Studio Nova/stock.adobe.com Die Chronische Hepatitis B ist in der Europäischen Union und im Europäischen Wirtschaftsraum (EU/EWR) weit verbreitet. Sie betraf im Jahr 2022 schätzungsweise 0,7 Prozent der Bevölkerung. Laut einer neuen Studie, die in „Eurosurveillance“ veröffentlicht wurde, bedeutet dies zwar einen Rückgang gegenüber der Schätzung von einem Prozent für den Zeitraum 2005–2015, allerdings variieren die Infektionsraten zwischen den Ländern erheblich. Die höchsten Werte wurden in Ländern Süd- und Osteuropas, die niedrigsten in Ländern Nord- und Westeuropas festgestellt. Etwa zwei Drittel aller Fälle betrafen Personen, die keiner der klassischen Risikogruppen für diese Erkrankung angehörten. Die geschätzte Prävalenz war jedoch insgesamt höher in Gruppen, die bekanntermaßen überproportional häufig von Hepatitis B betroffen sind. Auch hier zeigten sich deutliche Unterschiede zwischen den Ländern. „Die Analyse bestätigt, dass die Gesamtbelastung durch chronische HBV-Infektionen in der EU beziehungsweise im EWR weiterhin beträchtlich ist, mit großen Unterschieden zwischen den Ländern und den Risikogruppen“, formulieren Erstautorin Ana Paula Finatto Canabarro vom European Centre for Disease Prevention and Control (ECDC) in Stockholm (Schweden) und Kollegen. „Die Ergebnisse unterstreichen die Komplexität der HBV-Situation in den EU beziehungsweise im EWR und dass maßgeschneiderte, bevölkerungsspezifische Interventionen notwendig sind.“ Anhaltende Herausforderungen bei der genauen Schätzung der Hepatitis-B-Prävalenz Schätzungen zufolge haben in der Europäischen Region der Weltgesundheitsorganisation (WHO) nur 15,7 Prozent der Menschen mit chronischer Hepatitis B eine entsprechende formelle Diagnose erhalten. Genaue und aktuelle Prävalenzdaten seien entscheidend für die Ausweitung der Diagnostik, doch deren Erhebung stelle nach wie vor eine Herausforderung dar, erklärt das ECDC. Da die Infektion meist asymptomatisch verlaufe und die Testpraktiken vor Ort variierten, lieferten Überwachungsdaten keine ausreichend verlässlichen Informationen zur Schätzung der Prävalenz. Zudem seien Bevölkerungsgruppen, die besonders betroffen sind, in Prävalenzstudien unterrepräsentiert. Berechnung der Prävalenz nach der Workbook-Methode Angesichts dieser Einschränkungen wendeten die Autoren der aktuellen Veröffentlichung die sogenannte Workbook-Methode der Vereinten Nationen, um die Prävalenz nach Ländern sowie nach Risikogruppen (Männern, die Sex mit Männern haben [MSM], Personen mit intravenösem Drogenkonsum und Migranten) zu schätzen. Die Prävalenz wurde durch die Kombination von Daten zur Bevölkerungsgröße und zur Hepatitis-B-Prävalenz der jeweiligen Bevölkerungsgruppen berechnet. Diese Daten trugen die Forschenden aus wissenschaftlichen Quellen zusammen. Sie wurden von den nationalen Hepatitis-Kontaktstellen des ECDC geprüft. Die Studie ergab, dass im Jahr 2022 zwischen 2,4 und 4,1 Millionen Menschen mit chronischer Hepatitis B lebten, wobei die nationale Prävalenz zwischen 0,1 und 3,1 Prozent lag. Prävalenz nach Bevölkerungsgruppen Unter Migranten variierte die Prävalenz zwischen den Ländern und betrug zwischen 0,8 und 10,5 Prozent. Alle Länder, in denen Migranten mehr als drei Viertel der Fälle ausmachten, lagen – mit Ausnahme von Zypern – in Nordwesteuropa. Die Krankheitslast betrug länderübergreifend zwischen weniger als 0,1 und 8,7 Prozent bei Drogenkonsumenten und zwischen weniger als 0,1 und 10,5 Prozent bei MSM. Dabei war kein klares geografisches Muster zu erkennen. Die Fälle bei Konsumenten intravenöser Drogen und MSM machten auf nationaler Ebene weniger Fälle aus als bei Migranten und Personen außerhalb dieser Bevölkerungsgruppen mit hohem Risiko. Die Prävalenz war aber dennoch höher. Diese Schätzungen bestätigen laut dem ECDC eine erhebliche Prävalenz chronischer Hepatitis B in der EU beziehungsweise im EWR. Die angewandte Methodik bringe jedoch einige Einschränkungen mit sich, da sie stark von der Datenqualität abhänge und Überschneidungen in den Bevölkerungsgruppen nicht berücksichtigt worden seien. Bessere Schätzungen seien unerlässlich, um gezielte Maßnahmen im Bereich der öffentlichen Gesundheit zu unterstützen. Die deutlichen Unterschiede in der Infektionsprävalenz zwischen Ländern und Bevölkerungsgruppen unterstreichen nach Auffassung des ECDC, wie wichtig Maßnahmen im Bereich der öffentlichen Gesundheit sind, die auf die genannten Risikogruppen zugeschnitten sind. Andererseits bildeten Personen außerhalb dieser Risikogruppen die Mehrheit der Fälle in der EU beziehungsweise im EWR – dies wiederum unterstreiche die Bedeutung allgemeiner Strategien für Prävention, Testung und Therapie. Die Ergebnisse der aktuellen Untersuchung stimmen nach Angaben des ECDC mit älteren Forschungsergebnissen überein und liefern plausible Schätzungen. Es bestehe jedoch weiterhin Bedarf an besseren empirischen Daten und weiterer Forschung. (ac) Wahrscheinlichkeit der Zugehörigkeit zu einer der untersuchten Bevölkerungsgruppen (Migranten, Personen mit intravenösem Drogenkonsum, Männer, die Sex mit Männern haben) unter den Menschen mit chronischer Hepatitis-B-Infektion in den EU/EWR-Ländern und der EU/EWR-Region. (Quelle: Eurosurveillance)
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