Kardiovaskuläres Risiko bei Adipositas: Blutdruck und Cholesterin nähern sich im Alter Normalgewichtigen an8. Juli 2026 Symbolbild: Katia Shevchenko/stock.adobe.com Bei Menschen mit Adipositas über 40 Jahren unterscheiden sich Blutdruck- und Cholesterinwerte in mehreren wohlhabenden Ländern heute deutlich weniger von denen normalgewichtiger Personen als noch vor 30 Jahren. Die entsprechende Analyse führt diese Entwicklung vor allem auf den verstärkten Einsatz von Statinen und Antihypertensiva zurück. Menschen mit Adipositas weisen in der Regel höhere Blutdruckwerte und ungünstigere Cholesterinprofile auf als Normalgewichtige. Diese Risikofaktoren tragen wesentlich zur Entstehung kardiovaskulärer Erkrankungen wie Myokardinfarkt, Herzinsuffizienz oder Schlaganfall bei. Eine internationale Analyse von nahezu einer Million Personen zeigt nun jedoch, dass sich diese Unterschiede bei Erwachsenen ab 40 Jahren in mehreren einkommensstarken Ländern im Verlauf der vergangenen drei Jahrzehnte deutlich verringert haben. Teilweise erreichten Menschen mit Adipositas sogar vergleichbare oder günstigere Blutdruck- und Cholesterinwerte als Personen mit normalem Body-Mass-Index (BMI). Die Ergebnisse wurden in „The Lancet“ veröffentlicht. Daten aus sieben Ländern und drei Jahrzehnten Für ihre Studie werteten Forschende der NCD Risk Factor Collaboration (NCD-RisC) Gesundheitsdaten aus 110 Datensätzen mit insgesamt knapp einer Million Teilnehmenden aus. Berücksichtigt wurden Erhebungen aus England, den USA, Japan, Südkorea, Taiwan, Thailand und Finnland aus den Jahren 1990 bis 2024. Während in den 1990er-Jahren Menschen mit Adipositas in allen Altersgruppen deutlich höhere Blutdruck- und Non-HDL-Cholesterinwerte aufwiesen als Normalgewichtige, verringerte sich dieser Abstand bei den 40- bis 79-Jährigen in den meisten Ländern im Laufe der Zeit. Lediglich in Taiwan und Thailand wurde diese Annäherung nicht in der Breite beobachtet. In den übrigen Ländern war der Effekt bei den 60- bis 79-Jährigen am ausgeprägtesten. In England und den USA lagen Blutdruck- und Non-HDL-Cholesterinwerte älterer Menschen mit schwerer Adipositas am Ende des Untersuchungszeitraums teilweise sogar unter denen gleichaltriger Normalgewichtiger. Medikamentöse Therapien als entscheidender Faktor Nach Einschätzung der Autor:innen dürfte diese Entwicklung in erster Linie auf die deutlich intensivere Behandlung kardiovaskulärer Risikofaktoren zurückzuführen sein. Im Vergleich zu Personen mit normalem BMI erhielten Menschen mit Adipositas in den vergangenen Jahrzehnten wesentlich häufiger cholesterinsenkende Medikamente wie Statine sowie blutdrucksenkende Arzneimittel. Besonders deutlich zeigte sich dieser Unterschied bei älteren Männern: Anfang der 2020er-Jahre nahmen in England und den USA rund 70 bis 72 Prozent der Männer mit schwerer Adipositas (BMI ≥35) Cholesterinsenker ein. Bei normalgewichtigen Männern derselben Altersgruppe lag dieser Anteil lediglich zwischen 40 und 48 Prozent. Die Studienautoren werten diese Entwicklung als bedeutenden Erfolg der kardiovaskulären Prävention. „Das ist eine bedeutende Erfolgsgeschichte im Bereich der öffentlichen Gesundheit – eine, die wir nicht aus den Augen verlieren sollten, während neue Medikamente zur Gewichtsreduktion auf den Markt kommen“, so Mitautorin Lakshya Jain. Kardiovaskuläres Risiko bei jüngeren Erwachsenen unverändert Für Erwachsene unter 40 Jahren ergab die Analyse dagegen kaum Veränderungen. Der Abstand bei Blutdruck- und Cholesterinwerten zwischen Menschen mit Adipositas und Normalgewichtigen blieb über den gesamten Beobachtungszeitraum weitgehend unverändert. Parallel dazu zeigte sich, dass cholesterinsenkende und antihypertensive Medikamente in dieser Altersgruppe insgesamt nur selten eingesetzt werden. Das stützt die Annahme der Autor:innen, dass die verbesserte medikamentöse Versorgung maßgeblich für die günstigere Entwicklung bei älteren Erwachsenen verantwortlich ist. Aus Sicht der Forschenden sprechen die Ergebnisse dafür, Prävention und Früherkennung bereits in jüngeren Jahren stärker in den Fokus zu rücken. Neben Lebensstilinterventionen könnten bei entsprechendem Risikoprofil auch medikamentöse Interventionen früher erwogen werden, um langfristige kardiovaskuläre Komplikationen zu verhindern. Adipositas bleibt ein relevantes Gesundheitsrisiko Die Forschenden betonen, dass die verbesserten Blutdruck- und Cholesterinwerte nicht mit einer vollständigen Reduktion des gesundheitlichen Risikos gleichgesetzt werden dürfen. Adipositas bleibt ein wesentlicher Risikofaktor für zahlreiche weitere Erkrankungen, darunter Typ-2-Diabetes, chronische Nieren- und Lebererkrankungen sowie verschiedene Tumorarten. Zudem beschränkt sich die Analyse auf sieben einkommensstarke Länder. Ob sich vergleichbare Entwicklungen auch in Ländern mit niedrigem oder mittlerem Einkommen zeigen, lässt sich auf Grundlage der aktuellen Untersuchung nicht beurteilen. In einkommensschwächeren Ländern sind entsprechende Medikamente häufig weniger gut verfügbar und zugänglich. „In einer Zeit, in der Medikamente zur Gewichtsabnahme zunehmend Anwendung finden, vermitteln unsere Ergebnisse ein Bild der Herz-Kreislauf-Gesundheit jener Menschen, denen solche Mittel voraussichtlich verschrieben werden“, erklärt Mitautor Prof. Majid Ezzati. So könne man besser verstehen, welchen Nutzen etablierte Medikamente gemeinsam mit neuen Therapien für Betroffene haben. (mkl/BIERMANN) Das könnte Sie auch interessieren: Neuer Risikorechner für schwerwiegende Statin-assoziierte Muskelerkrankungen Neue S3-Leitlinie: Herz-Kreislauf-Risiken bei Rheuma gezielter erkennen und behandeln
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