Kein Zusammenhang zwischen Schilddrüsenfehlfunktion und kognitiven Fähigkeiten nachweisbar26. April 2022 © New Africa – stock.adobe.com (Symbolbild) In aktuellen klinischen Leitlinien werden manifeste und subklinische Schilddrüsenfehlfunktionen als ursächliche und behandelbare Faktoren für den kognitiven Verfall älterer Menschen genannt. Daher werden Schilddrüsenfunktionstests in Behandlungsrichtlinien als wesentlicher Untersuchungsbestandteil zur Diagnose von Demenz beschrieben. Schilddrüsenfehlfunktionen werden häufig bei Personen mit Verdacht auf Demenz beobachtet. Die wissenschaftliche Literatur zu diesen möglichen Zusammenhängen zeigt jedoch noch recht widersprüchliche Ergebnisse. Niederländische Forschende setzten es sich daher zum Ziel, mögliche bestehende Assoziationen zwischen einer Schilddrüsenfehlfunktion im Querschnitt und im Längsschnitt und kognitiven Funktionen und Demenz genauer zu untersuchen. In der Multikohorten-Analyse wurden dazu aus den Jahren 1989–2017 Daten bewertet, die ein Follow-up von 114.267 Personenjahren (Median: 1,7–11,3 Jahre) für kognitive Funktionen und von 525.222 Personenjahren (Median: 3,8–15,3 Jahre) für Demenz umfassten. Die Analysen zur kognitiven Funktion beinhalteten 21 Kohorten mit 38.144 Teilnehmern. Die Analysen zur Demenz umfassten 8 Kohorten mit 2033 Fällen mit Demenz und 44.573 Kontrollen. Die Datenanalyse wurde von Dezember 2016 bis Januar 2021 durchgeführt. Die Schilddrüsenfunktion wurde auf Grundlage einheitlicher Thyreotropin-Cutoff-Werte und studienspezifischer Werte für freies Thyroxin als manifeste Hyperthyreose, subklinische Hyperthyreose, Euthyreose, subklinische Hypothyreose und manifeste Hypothyreose klassifiziert. Primärer Endpunkt war dabei die umfassende kognitive Funktion der Probanden, die hauptsächlich mit der Mini-Mental-State Examination gemessen wurde. Alle weiteren kognitiven Funktionen, Gedächtnisleistungen sowie Demenz galten als sekundäre Endpunkte. Die Forschenden führten die Analysen mittels multivariabler linearer Regression bzw. Cox-Regression durch. Sie kombinierten diese Studien zusätzlich mit einer eingeschränkten Maximum-Likelihood-Metaanalyse. Um die Verwendung unterschiedlicher Skalen zu umgehen, wurden die Ergebnisse in standardisierte Mittelwert-Differenzen transformiert und für das Auftreten von Demenz die HR berechnet. Von den insgesamt 74.565 Teilnehmern hatten 66.567 (89,3%) eine normale Schilddrüsenfunktion, 577 (0,8%) eine overte Schilddrüsenüberfunktion, 2557 (3,4%) eine subklinische Hyperthyreose, 4167 (5,6%) eine subklinische Hypothyreose und 697 (0,9%) eine overte Hypothyreose. Der Altersmedian bei Studienbeginn lag bei 57–93 Jahren; 42.847 (57,5%) der Teilnehmer waren Frauen. Schilddrüsenfunktionsstörungen waren nicht mit umfassenden kognitiven Funktionen assoziiert. Die größten Unterschiede konnten bei übermäßiger Hypothyreose und Euthyreose beobachtet werden, sowohl im Querschnitt (–0,06 standardisierte mittlere Differenz der Punktzahl; 95%-KI –0,20 bis 0,08; p=0,40) als auch im Längsschnitt (0,11 standardisierte mittlere Differenz eines höheren Rückgangs pro Jahr; 95%-KI –0,01 bis 0,23; p=0,09). Zudem wurden keine konsistenten Assoziationen zwischen einer Schilddrüsenfehlfunktion und anderen wichtigen kognitiven Funktionen, Gedächtnisleistungen oder einem Demenzrisiko festgestellt. Fazit In dieser Analyse mit Daten von >74.000 Erwachsenen waren die subklinische Hypothyreose und Hyperthyreose nicht mit kognitiven Funktionen, kognitivem Abbau oder dem Auftreten einer Demenz assoziiert. Laut den Autoren sei es daher unwahrscheinlich, dass eine Behandlung einer ansonsten unentdeckten subklinischen Schilddrüsenfehlfunktion die kognitive Funktion verbessern würde. Darüber hinaus sei die Gefahr einer Überbehandlung beträchtlich, was das Risiko von Vorhofflimmern, Atherosklerose und Hirninfarkt erhöhen und damit den Trend eines kognitiven Rückgangs steigern könne, so die Forschenden. Ob die Behandlung einer manifesten Hypothyreose oder Hyperthyreose mit einem Rückgang der kognitiven Fähigkeiten und einem erhöhten Demenzrisiko verbunden ist, bleibt damit ungeklärt. Bestehende klinische Leitlinien, die ein Screening auf subklinische Schilddrüsenfehlfunktionen zur Prävention von kognitivem Verfall oder Demenz bei älteren Menschen vorschreiben, sollten daher überdacht werden, so das abschließende Fazit. (je) Autoren: van Vliet NA et al. Korrespondenz: Nicolien A. van Vliet; [email protected] Studie: Association of Thyroid Dysfunction With Cognitive Function: An Individual Participant Data Analysis Quelle: JAMA Intern Med 2021;181(11):1440–1450. Web: https://doi.org/10.1001/jamainternmed.2021.5078
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