GNPI: „Kinder sterben trotz exzellenter Überlebenschancen“

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Zum Auftakt der gemeinsamen Jahrestagung von GNPI, DGPI und WAKKA in München haben führende Vertreter der teilnehmenden Fachgesellschaften eine grundlegend neue Strategie für die Versorgung kritisch kranker Kinder gefordert.

Die Überlebenswahrscheinlichkeit von Frühchen hat sich in den vergangenen Jahren enorm verbessert. Doch dieser Umstand kann den Fachgesellschaften zufolge nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich der Fachkräftemangel im Bereich der neonatologischen und pädiatrischen Intensivpflege in den Kinderkliniken dramatisch zuspitzen wird. Bereits heute fehle es immer öfter an speziell ausgebildeten Pflegekräften für die Kleinsten. Eine Empfehlung für die RSV- und Influenza-Impfung für Kinder könne saisonale Spitzen entspannen, waren sich die Vertreter der Gesellschaft für Neonatologie und pädiatrische Intensivmedizin (GNPI), der Deutschen Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie (DGPI) und des Wissenschaftlichen Arbeitskreises Kinderanästhesie (WAKKA) einig.

„Es ist ein Armutszeugnis für unsere Gesellschaft, wenn Kinder sterben, obwohl sie eine exzellente Überlebenschance hätten, weil wir die Pflege nicht bereitstellen können“, brachte Prof. Andreas Flemmer, Leiter der Neonatologie am LMU-Klinikum in München mit den drei Standorten Klinikum Großhadern, Klinikum Innenstadt und Dr. v. Haunerschen Kinderspital, das Dilemma auf einer gemeinsamen Pressekonferenz auf den Punkt. Die Tagungsleitung der teilnehmenden Fachgesellschaften forderte daher eine grundlegend neue Strategie für die Versorgung kritisch kranker Kinder.

„Bereits seit vielen Jahren kämpfen deutsche Kinderkliniken mit einem eklatanten Mangel an Kinderintensivbetten und stationären Versorgungsmöglichkeiten“, schilderte Prof. Florian Hoffmann, Vorstandsmitglied der GNPI und Oberarzt auf der interdisziplinären Kinderintensivstation am Dr. von Haunerschen Kinderspital der Ludwig-Maximilians-Universität München, die Situation. „Eine Umfrage der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) im Februar 2024 zeigte, dass aufgrund des eklatanten Pflegemangels sowie akuter Krankheitsausfälle des Personals am Stichtag nur 65 Prozent der pädiatrischen Intensivbetten betreibbar waren“, erklärte Hoffmann weiter.

Oliver Hübler, Pflegebereichsleiter der Kinderklinik/Neonatologie LMU-Klinikum München, ergänzte: „Wir wissen alle um das Thema Pflege, Personalmangel und Professionalisierung in der Pflege. Das sind drei essenzielle Themen, die miteinander verzahnt sind, weil in den letzten 20 bis 30 Jahren die Pflege sich einerseits weiterentwickelt hat, andererseits aber die strukturellen Voraussetzungen nicht in dem Maße mitgewachsen sind, sodass wir jetzt mit eklatanten Mangelsituationen zu kämpfen haben.“

Mit den Auswirkungen des Mangels an Kinderpflege ist auch Dr. Christiane Beck, Oberärztin der Klinik für Anästhesiologie und Intensivmedizin der medizinischen Hochschule Hannover, fast täglich konfrontiert. „Das größte Problem ist, dass wir es nicht schaffen, die Pflege in ihrem Beruf zu halten. Das System ist am Kollabieren. Das führt dazu, dass Kinder nicht operiert werden können und die Operation zwei-, drei- oder sogar viermal ausfallen müssen.“

Prof. Johannes Hübner, Leitender Oberarzt und Team Infektiologie am LMU-Klinikum München, setzt Hoffnungen in die Krankenhausreform. „Gerade was die Kindermedizin anbelangt, sind ein paar gute Ideen dabei. Anders als in der Erwachsenen-Medizin haben wir sehr viel mehr Vorhaltekosten. Eine Umstellung des Systems, die das berücksichtigt erscheint mir sehr sinnvoll.“

Eine weitere Thematik, die im Rahmen des dreitägigen Kongresses diskutiert werden soll, ist die Frage einer RSV-Immunisierung und Influenza-Impfung. In der genannten DIVI-Umfrage unter den Kinderintensivstationen konnte zusätzlich gezeigt werden, dass zum Zeitpunkt der Umfrage knapp 40 Prozent der Kinder wegen infektassoziierter Erkrankungen mit Influenza und RSV auf Kinderintensivstation behandelt werden mussten. Laut Hoffmann erhalten in Frankreich, Luxemburg, Spanien und den USA Kinder bereits seit letztem Winter eine einmalige passive RSV-Immunisierung. Daraufhin konnten die notwendigen stationären Krankenhausaufnahmen von RSV-bedingten unteren Atemwegsinfektionen auf Normalstation um 70 bis 95 Prozent und auf Kinderintensivstation um 40 Prozent reduziert werden. So können die knappen intensivmedizinischen Ressourcen geschont und eine dringend notwendige Entlastung des überlasteten Systems erreicht werden. Zusätzlich empfehlen viele Länder eine saisonale Influenza-Impfung für Kinder ab dem dritten Lebensjahr.

Die DGPI und die GNPI fordern deshalb die Ständige Impfkommission (STIKO) auf, nach kritischer Analyse der Datenlage Empfehlungen für RSV- und Influenza-Impfungen für Kinder auszusprechen.