Kinderschutz: Erstes Childhood-Haus eröffnet

Am Universitätsklinikum Leipzig wurde das bundesweit erste Childhood-Haus eröffnet. (Foto: Stefan Straube/UKL)

Königin Silvia von Schweden, Bundesjustizministerin Katarina Barley sowie Vertreter der Sächsischen Landesregierung und des Universitätsklinikums Leipzig haben Ende September das bundesweit erste Childhood-Haus eröffnet. Ziel des Zentrums ist die koordinierte Betreuung und Versorgung von Kindern und Jugendlichen, die Opfer und Zeugen von Gewalt geworden sind.

In der nach dem schwedischen “Barnahus”-Prinzip konzipierten Einrichtung werden Kinder und Jugendliche, die Missbrauch, Misshandlung oder Vernachlässigung erlebt haben, von speziell geschulten Ärzten und Psychologen untersucht und betreut, die eng mit Justiz und Behörden zusammenarbeiten. “Unsere Aufgabe ist es, das körperliche und seelische Wohl der betroffenen Kinder zu sichern”, erklärte Prof. Wieland Kiess, Direktor der UKL-Kinderklinik und Initiator des Projektes. “Das bedeutet, dass eine Retraumatisierung durch wiederholte Befragungen oder Untersuchungen unbedingt vermieden werden muss, und alles, was wir machen, in einer kindgerechten Umgebung mit Blick auf die Bedürfnisse des Kindes geschieht.”

Das Childhood-Haus vereint daher in seinen Räumen Elemente einer Klinik wie Untersuchungsräume mit denen eines Gerichts wie Befragungszimmer. Hier können auch in einem wohnlichen Ambiente gerichtssichere Interviews im Rahmen von Ermittlungsverfahren durch Richter durchgeführt werden. In einem weiteren Raum kann dies von weiteren Personen und Experten verfolgt werden. So kann verhindert werden, dass die Kinder ihre Aussagen mehrfach wiederholen müssen und vor Gericht erscheinen müssen.

Zahl betroffener Kinder nimmt zu

“Für Kinder, die sexuellem Missbrauch oder Gewalt ausgesetzt waren, ist der anschließende Umgang mit ihnen ausschlaggebend für ihr Wohlergehen. In Deutschland, wie in vielen anderen Ländern der Erde, finden sich die Kinder in einem Rechtswesen wieder, das nicht auf sie angepasst ist”, erklärte Andrea Möhringer, Geschäftsführerin der World Childhood Foundation Deutschland. “Während der Fallabklärung durchlaufen sie häufig verschiedene Stationen und müssen ihre Geschichte wiederholt erzählen. Wir wissen von Kindern, die das Erlebte bis zu acht Mal schildern mussten.” Das Ziel des Childhood-Hauses ist es, die Situation der Kinder zu verbessern und eine weitere Traumatisierung zu verhindern.

Das Leipziger Childhood-Haus ist ein Modellprojekt für die Umsetzung des Konzepts in Deutschland, mit dem die von Königin Silvia von Schweden 1999 gegründete Stiftung Kindern weltweit helfen will. “Wir freuen uns sehr, dass wir hier in Leipzig dank der großzügigen Förderung jetzt als Erste ein solches Zentrum einrichten können”, bedankte sich Prof. Wolfgang E. Fleig, Medizinischer Vorstand des Universitätsklinikums Leipzig. “Das ist eine große Anerkennung der Arbeit, die unsere Kinderschutzgruppe und unsere Kinderschutzambulanz seit 1999 am UKL leisten.”

Die Anzahl der Kinder und Jugendlichen mit Anzeichen einer Kindeswohlgefährdung, die im Universitätsklinikum Leipzig behandelt werden, nimmt stetig zu. Jährlich werden hier etwa 100 bis 150 Kinder mit kinderschutzrelevanten Fragestellungen behandelt. Die Zunahme ist zum einen eine Folge der wachsenden Einwohnerzahl Leipzigs und der steigenden Geburtenzahlen, zum anderen aber auch Ergebnis einer erhöhten Sensibilisierung und Wahrnehmung von Kinderschutzproblemen. “Wir richten unsere Anstrengungen daher weiterhin auch verstärkt darauf, alle Beteiligten zu schulen, um frühzeitig Anzeichen für Gefährdungen zu erkennen und möglichst vorbeugend tätig werden zu können, bevor unsere Hilfe hier im Childhood-Haus benötigt wird”, sagte Kiess.

Entstehungsgeschichte Barnahus

Das Barnahus entstand aus dem Child Advocacy Model, das in den 1980er-Jahren in den USA entwickelt wurde. Das erste Barnahus auf europäischem Boden wurde 1998 in Reykjavik errichtet, dann folgten andere skandinavische Länder (Schweden 2005, Norwegen 2007, Grönland 2011, Dänemark 2013). In Deutschland sind weitere Häuser in Hamburg am Universitätsklinikum Eppendorf, in Berlin an der Charité sowie in Heidelberg in Vorbereitung.