Krankenkasse: Immer mehr junge Menschen im Südwesten psychisch krank

In Baden-Württemberg leidet jeder vierte junge Erwachsene unter einer psychischen Erkrankung. Zu diesem Ergebnis kommt der aktuelle Arztreport der Barmer.

Demnach wurden im Jahr 2016 fast 26 Prozent der 18- bis 25-Jährigen wegen einer psychischen Störung ärztlich behandelt, das entspricht 275.241 betroffenen Personen (Bund: 1,9 Mio.). Insbesondere Depressionen machen den jungen Baden-Württembergern zu schaffen, bei fast 8 Prozent der 18- bis 25-Jährigen wurde im Jahr 2016 eine Depression diagnostiziert. Das entspricht 84.603 betroffenen Personen.

Die Diagnoserate ist dem Report zufolge innerhalb von zehn Jahren um 79 Prozent gestiegen. Damit liegen die baden-württembergischen Ergebnisse über den bundesweit ermittelten Werten. Hier wurde bei 7,59 Prozent der jungen Erwachsenen eine Depression diagnostiziert (556.723 Betroffene), die Steigerungsrate liegt bei 76 Prozent. Auch somatoforme Störungen und Essstörungen treten im Südwesten etwas häufiger auf als im Bundesdurchschnitt. “Die hohe Zahl junger Erwachsener mit psychischen Erkrankungen zeigt, dass wir verstärkt auf Präventionsangebote setzen müssen. Zumal wir davon ausgehen, dass die Dunkelziffer weitaus höher ist”, sagte Barmer Landesgeschäftsführer Winfried Plötze.

Viele Betroffene gehen nicht zum Arzt

Diese Einschätzung teilt auch Dr. David Daniel Ebert, Psychologe und Leiter der Forschungseinheit eMental Health am Lehrstuhl für Klinische Psychologie und Psychotherapie der Friedrich-Alexander Universität Erlangen Nürnberg (FAU): “57 Prozent der Menschen mit psychischen Beschwerden suchen keinen Arzt auf. Der Hauptgrund dafür ist, dass viele Betroffene glauben, dass sie das Problem selbst in den Griff bekommen.” So vergehen im Schnitt acht bis zehn Jahre, bis sich psychisch Kranke in ärztliche Behandlung begeben.

Online-Angebote können helfen

Über Online-Angebote zur Prävention und Behandlung von psychischen Beschwerden könnten Betroffene wesentlich früher erreicht werden, ist die Krankenkasse überzeugt. Sie vermittelten effektive Strategien, um leichte Beschwerden zunächst vorwiegend selbstständig bewältigen zu können. Zudem können E-Trainings als ergänzendes Angebot zur Psychotherapie und zur Überbrückung der Wartezeit auf einen Therapieplatz genutzt werden, wenn die Beschwerden noch nicht stark ausgeprägt sind. Deshalb bietet die Barmer seit Juli 2015 die PRO MIND-Online-Trainings an, die bisher von 2.700 Barmer-Versicherten genutzt wurden. “Wir sehen ganz deutlich, dass sich die Lebensqualität der Teilnehmer verbessert. Und wir erreichen mit Online-Angeboten Menschen, die sich ansonsten gar keine Hilfe holen würden”, sagte Ebert, der 15 Internet-basierte Gesundheitsinterventionen entwickelt hat, darunter PRO MIND und StudiCare.

Mehr als zehn Prozent der jungen Mannheimer sind depressiv

Für den Barmer-Arztreport wurde auch erhoben, wie viele junge Erwachsene in den baden-württembergischen Stadt- und Landkreisen von einer Depression betroffen sind. Demnach ist die Diagnoserate in allen Kreisen innerhalb von zehn Jahren gestiegen. In Mannheim wurde im Jahr 2016 bei 10,2 Prozent der 18- bis 25-Jährigen eine Depression ärztlich dokumentiert, zehn Jahre zuvor lag die Diagnoserate bei sieben Prozent. Der Landkreis Biberach weist die niedrigste Betroffenenquote aber ebenfalls einen Anstieg aus: von 3,8 Prozent im Jahr 2006 auf 5,1 Prozent im Jahr 2016.

Baden-Württembergs Sozialminister Manne Lucha (Grüne) bedauerte diese Entwicklung, sieht sich dadurch aber in seiner Entscheidung bestätigt, die Krankenhausplanung in Baden-Württemberg zukünftig am tatsächlichen Bedarf und nicht an der Einwohnerzahl auszurichten. Dies gilt auch für den Bereich der Kinder- und Jugendpsychiatrie.

Quelle
Barmer
Mehr anzeigen

Verwandte Artikel

Close