Krebs-Screenings: Neue Studie zeigt geringe Teilnahmeraten von Menschen mit Behinderungen

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Die Deutsche Krebsgesellschaft fordert mit Blick auf eine inklusive Früherkennung von Krebserkrankungen im Rahmen eines Screenings mehr Forschung und Spezialisierung.

Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung erkranken ähnlich häufig an Krebs wie Menschen ohne Beeinträchtigung. Daten zeigen jedoch, dass in dieser Gruppe Krebsdiagnosen oftmals in einem fortgeschrittenen Stadium gestellt werden und die Heilungschancen somit geringer ausfallen. Auch die Krebssterblichkeit ist bei Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung höher.

Dies zeigt erstmals eine neue Übersichtsarbeit der Deutschen Krebsgesellschaft, die zusammen mit dem Centre for Cancer Detection Bruges, dem Universitätskrankenhaus Leuven (beide Belgien) und dem Cancer Registry of Norway (Norwegen) veröffentlich wurde. Personen mit Unterstützungsbedarf und kognitiver Beeinträchtigung stoßen den Verfassern zufolge auf zahlreiche Hürden bei der Teilnahme an Krebsfrüherkennungs-Untersuchungen und nehmen somit seltener an Krebs-Screenings teil.

Die Studienautoren verglichen 78 Studien weltweit, in denen die Screening-Raten von Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen, Barrieren und förderliche Faktoren zur Screening-Teilnahme sowie Interventionen zur Verbesserung des Zugangs für die Zielgruppe analysiert wurden. Ein wichtiges Ergebnis: Die Teilnahmeraten an Screening-Untersuchungen für Brust-, Gebärmutterhals-, Darm-, und Magenkrebs sind bei Menschen mit Beeinträchtigung durchweg geringer – und das länderübergreifend.

„Viele Länder erfassen keine Screening-Daten von Menschen mit Beeinträchtigung – das Thema hat in der Forschungslandschaft noch nicht den Stellenwert, den es haben sollte“, sagt Carmen Koko, Mitarbeiterin in der Abteilung Versorgungsforschung der Deutschen Krebsgesellschaft und Erstautorin der Studie. Über die Analyse von Daten aus 14 Ländern berichtet die Forscherin: „Gute Studiendaten gab es beispielsweise in Dänemark. Dort lag die Teilnahmerate bei Frauen mit kognitiver Beeinträchtigung beim Brustkrebs-Screening bei nur 25 Prozent, gegenüber 62 Prozent bei Frauen ohne kognitive Beeinträchtigung.“

Erste Daten aus Deutschland zeigen ebenfalls, dass es hierzulande ähnlich aussieht: Die Screening-Teilnahme für Gebärmutterhals-, Brust-, Darm-, Prostata- und Hautkrebs von Menschen mit Down-Syndrom lag in einer retrospektiven Querschnittsstudie mit Abrechnungsdaten der gesetzlichen Krankenversicherung nur bei rund 17 Prozent, verglichen mit 26 Prozent bei Menschen ohne kognitive Beeinträchtigung.

Hindernisse beim Krebs-Screening

Die Studie zeigt zudem Barrieren zur Teilnahme an Krebs-Screenings auf. Die Kommunikation und die partizipative Entscheidung sind dabei wichtige Bausteine. Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung benötigen zielgruppengerechte Screening-Einladungen, etwa mit begleitendem Bildmaterial und in Einfacher Sprache. Die Ergebnisse der Untersuchungen werden meist an Hausärzte oder die Betreuungspersonen kommuniziert – die Betroffenen werden nur indirekt informiert. Dies sei für gemeinsame Therapieentscheidungen hinderlich, erklären die Forschenden.

Nachbesserungsbedarf gebe es auch in der Versorgung, betonen sie: So seien Praxen oftmals nicht barrierefrei. Zudem, so erläutern die Autoren weiter, sei das Fachpersonal mit Blick auf die Bedarfe der Zielgruppe nur unzureichend geschult und müsse die Untersuchungen in einem kurzen Zeitfester durchführen. Ängste der Betroffenen und spezielle Bedürfnisse ‒ wie beispielsweise Besuche der Untersuchungs-Räume vor dem eigentlichen Screening, längere und ruhigere Terminzeiten zu Beginn oder am Ende des Tages oder eine Sedierung ‒ könnten im streng getakteten Praxis- oder Klinikalltag nur schwer realisiert werden. Zudem machen die Forschenden darauf aufmerksam, dass keine entsprechende Vergütung für den zeitlichen Mehraufwand vorgesehen ist.

Forderung nach mehr Spezialisierung und Forschung

Die Studie zeige, dass es keinen chancengleichen Zugang zu Krebs-Screenings für bestimmte Gruppen gebe, sagt Dr. Konstanze Blatt, Generalsekretärin der Deutschen Krebsgesellschaft. Versorgungsstrukturen seien derzeit nicht ausreichend auf die spezifischen Bedarfe von Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung ausgerichtet: „Ich sehe hier ein großes Potenzial hin zu mehr Spezialisierung. Deutschlandweit gibt es medizinische Behandlungszentren für Erwachsene mit Behinderungen (MZEB), die eine Expertise in der Versorgung dieser Gruppe aufweisen und beispielsweise Sprechstunden zur Darmkrebs-Früherkennung anbieten. Wir müssen diese Schnittstellen gezielter nutzen.“

Für eine inklusive und personalisierte Krebsfrüherkennung würden zudem mehr Forschungsdaten benötigt, ergänzt Blatt. Wissenslücken gebe es beispielweise bei den einzelnen Beeinträchtigungen und den eventuell damit einhergehenden spezifischen Krebsrisiken. Mehr Evidenz werde auch bei der Risiko-Nutzen-Abwägung von Krebsfrüherkennung bei bestimmten Syndromen benötigt. „So könnten wir langfristig Empfehlungen zu inklusiven Screening-Maßnahmen in Leitlinien einfließen lassen, das Wissen an das ärztliche Fachpersonal weitergeben und die Krebsversorgung von Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung verbessern.“

Die Publikation entstand im Rahmen der Joint Action EUCanScreen. EUCanScreen wird durch das EU4Health-Programm der Europäischen Union finanziert und verfolgt das Ziel, Krebsfrüherkennung in der gesamten EU als Standard zu etablieren. Das Konsortium besteht aus 29 Ländern, darunter 25 EU-Mitgliedsstaaten, die Ukraine, Moldawien, Norwegen und Island. EUCanScreen ist zudem Teil des Europäischen Plans zur Krebsbekämpfung. Die Joint Action läuft bis März 2028.