Lärmbelästigung fördert Depressionen27. April 2022 Der Lärm durch Flugzeuge belastet Menschen am meisten. (Foto: ©JeanLuc – stock.adobe.com) Verkehrslärm und Luftverschmutzung durch Feinstaub könnten das Risiko für Depressionen und Angststörungen erhöhen. Darauf weisen aktuelle Untersuchungsergebnisse hin. Jetzt seien unbedingt hochwertige Studien notwendig, um die Zusammenhänge genauer zu erforschen und gegebenenfalls Präventionsmaßnahmen im Sinne des Konzepts „Gesunde Stadt“ ableiten zu können, betont die Deutsche Gesellschaft für Psychosomatische Medizin und Ärztliche Psychotherapie (DGPM) anlässlich des „Tags gegen Lärm“ am 27. April 2022. Die Evolution hat den menschlichen Organismus so programmiert, dass er Geräusche als Hinweis auf mögliche Gefahrenquellen wahrnimmt – sogar im Schlaf. „Lärm versetzt den Körper in Alarmbereitschaft“, erläutert Prof. Manfred Beutel, Direktor der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie an der Universitätsmedizin Mainz. In der Folge aktiviert das autonome Nervensystem Stresshormone wie Adrenalin und Cortisol, reagiert mit Herzraten- und Blutdruckanstieg und anderen physiologischen Prozessen. Umgebungslärm kostet in Europa eine Million Lebensjahre Wird Lärm zum Dauerzustand, können chronische Erkrankungen entstehen. „Tatsächlich haben Beobachtungs- und experimentelle Studien gezeigt, dass anhaltende Lärmbelästigung das Auftreten von Bluthochdruck und Herz-Kreislauf-Erkrankungen sowie von Diabetes Typ 2 begünstigt“, stellt Beutel fest. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) geht davon aus, dass Umgebungslärm – vor allem Verkehrslärm – jährlich in Westeuropa für den Verlust von mehr als einer Million gesunder Lebensjahre durch Einschränkungen oder vorzeitige Sterblichkeit verantwortlich ist. Ärger und Erschöpfung durch häufige Unterbrechungen Zu den negativen Auswirkungen von Lärmbelästigung gehören aber nicht nur kardiovaskuläre, sondern auch psychische Erkrankungen, wie immer deutlicher wird. „Lärmbelästigung stört tägliche Aktivitäten, stört Gefühle und Gedanken, den Schlaf und die Erholung“, erklärt der DGPM-Experte. Die Unterbrechungen lösen negative emotionale Reaktionen wie Ärger, Distress, Erschöpfung, Fluchtimpulse und Stresssymptome aus. „Solche Zustände fördern auf Dauer die Entstehung von Depressionen“, so Beutel. Lärmbelästigung verdoppelt das Risiko für Depression Dies bestätigt die groß angelegte Gutenberg-Gesundheitsstudie am Beispiel der Mainzer Bevölkerung, die zu einem großen Teil unter Lärmbelästigung durch den nahen Frankfurter Flughafen leidet. „Mit zunehmender Lärmbelästigung stiegen die Raten von Depressionen und Angststörungen kontinuierlich an, bis sich die Risiken bei extremer Belästigung schließlich verdoppelten“, berichtet Beutel. Andere Untersuchungen weisen in dieselbe Richtung. So fand eine Metaanalyse eine Steigerung des Risikos für Depressionen um zwölf Prozent pro Lärmzunahme um zehn Dezibel. Eine weitere Untersuchung stellte einen Zusammenhang zwischen nächtlicher Lärmbelästigung und der Einnahme von Antidepressiva fest. Auch Feinstaubpartikel stehen unter Verdacht Gemäß Gutenberg-Studie empfinden Menschen Lärmbelästigung durch Fluglärm als am ausgeprägtesten, gefolgt von Straßen-, Nachbarschafts-, Industrie- und Bahnlärm. Dabei tritt Lärm am häufigsten in Ballungsgebieten auf, die auch Luftverschmutzung produzieren – etwa Feinstaub. „Feinstaub steht ebenfalls unter Verdacht, Ängste und Depressionen zu fördern“, so Beutel. „Denn die kleinen Feinstaubpartikel können in die Blutbahn gelangen und dort Entzündungsprozesse auslösen, die wiederum mit Depressionen in enger Wechselwirkung stehen.“ „Gesunde Stadt“ – Lärm als wichtiger Faktor Die Zusammenhänge zwischen Lärm, Luftverschmutzung und psychischen Störungen sollten daher weiter erforscht werden, betont der DGPM-Experte. „Bisher verfügen wir ausschließlich über Querschnittsstudien, also Momentaufnahmen, die nur eine begrenzte Aussagekraft besitzen“, so Beutel. „Wir benötigen unbedingt hochwertige Längsschnittstudien, um gegebenenfalls Präventionsmaßnahmen ableiten zu können.“ Sie könnten in das WHO-Konzept der „Gesunden Stadt“ einfließen, dem sich bereits viele Kommunen in Deutschland angeschlossen haben. „Die Beschaffenheit des Wohnumfelds beeinflusst das Auftreten von Depressionen – und dazu gehört auch Lärm, dessen Auswirkungen lange vernachlässigt wurden“, resümiert der Psychosomatik-Experte aus Mainz.
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