Langzeitgedächtnis im Gehirn: Nicht ohne den Hippocampus16. November 2018 Foto: © decade3d – Fotolia.com In einer Studie der Universität Tübingen erweist sich die Bildung langfristiger Gedächtnisinhalte jeglicher Art als ganzheitlicher Prozess mit übergeordneter Schaltzentrale. Der Hippocampus überführt bewusst gelernte Gedächtnisinhalte wie zum Beispiel neue Vokabeln vom Kurz- ins Langzeitgedächtnis. Dies passiert vor allem im Schlaf. Bisher gingen Forscher jedoch davon aus, dass der Hippocampus nicht an allen Gedächtnisleistungen beteiligt ist und etwa motorische Fähigkeiten wie Klavierspielen ohne sein Zutun gelernt werden können. Nun haben Experimente mit Ratten ergeben, dass auch bei der Formung von Inhalten des Langzeitgedächtnisses, die ursprünglich ohne Beteiligung des Hippocampus entstanden waren, im Schlaf auf den Hippocampus zurückgegriffen wird. Aus den neuen Ergebnissen entwickeln die Forscher die Vorstellung, dass die Gedächtnisbildung nicht in verteilten Systemen organisiert ist, die für sich arbeiten, sondern als ganzheitlicher Prozess abläuft, mit dem Hippocampus als übergeordneter Schaltzentrale. Forschungen insbesondere auch der Gruppe um Prof. Jan Born vom Institut für Medizinische Psychologie und Verhaltensneurobiologie sowie dem Centrum für Integrative Neurowissenschaften der Universität Tübingen hatten gezeigt, dass für Hippocampus-abhängige Inhalte das langfristige Gedächtnis im Schlaf gebildet wird. „In den neuen, sehr aufwendigen Studien wollten wir wissen, ob das Hippocampus-unabhängige Gedächtnis in ganz ähnlicher Weise vom Schlaf profitiert und vor allem, ob dem Hippocampus dabei möglicherweise auch eine Bedeutung zukommt“, sagte Dr. Marion Inostroza. Den Unterschied macht nicht der Schlaf allein In den Experimenten lernten Ratten entweder in einem Hippocampus-unabhängigen Prozess neue Objekte zu erkennen oder sie sollten sich beim Hippocampus-abhängigen Lernen die Positionen von ihnen gut bekannten Objekten in einem Raum merken. Es folgten zwei Stunden, in denen sie schliefen oder wach blieben. Dann wurde ihr Gedächtnis getestet, und zwar entweder sofort nach der zweistündigen Schlaf- beziehungsweise Wachphase oder eine Woche oder drei Wochen später. „Wie erwartet, wurde das Hippocampus-abhängige Lernen der räumlichen Positionen durch Schlaf gefestigt, die Tiere erzielten nach einer Schlafphase zu allen Testzeiten bessere Ergebnisse beim Erinnerungsvermögen als die Tiere, die nach dem Experiment wach geblieben waren“, sagte Inostroza. Anders beim Gedächtnis für die Objekte: Hier ließ sich der Vorteil einer Schlaf- gegenüber einer Wachphase nach der Lernphase erst nach drei Wochen erkennen. „Den Unterschied macht aber nicht der Schlaf allein. Wenn wir in der Schlafphase nach dem Lernen den Hippocampus vorübergehend chemisch ausgeschaltet hatten, hatten die Ratten nach drei Wochen die Objekte wieder völlig vergessen, genauso wie die Tiere, die nach dem Lernen wach geblieben waren.“ „Die Inhalte des Hippocampus-unabhängigen Lernens kamen nur ins Langzeitgedächtnis, wenn der Hippocampus im Schlaf aktiv war“, fasst Born die Ergebnisse zusammen. Er hält die seit rund 50 Jahren geltende Einteilung in Hippocampus-abhängige und -unabhängige Gedächtnisleistungen dennoch nicht für überholt. „Vielmehr gibt uns die Studie neue Einblicke in die arbeitsteiligen Strukturen im Gehirn. Zwar laufen einige der Lern- und Gedächtnisleistungen in eigenen Systemen. Doch müssen wir nun von dem Hippocampus als übergeordnete Instanz bei jeder Art der Bildung eines Langzeitgedächtnisses ausgehen.“ Die Wissenschaftler erläutern es so: Das Hippocampus-abhängige Lernen ist ans Bewusstsein gebunden, der Hippocampus tagsüber im wachen Zustand praktisch immer beschäftigt und ausgelastet. „Im Schlaf, in dem unser Bewusstsein ausgeschaltet ist, hat der Hippocampus Kapazitäten frei und organisiert die langfristige Gedächtnisbildung aller Inhalte, auch von denen, an deren Entstehung er zunächst nicht beteiligt war.“ Originalpublikation: Sawangjit A. et al.: Hippocampus is critical for forming non-hippocampal long-term memory during sleep. Nature, 14. November 2018
Mehr erfahren zu: "Epilepsie und Hörverlust: Hörgeräte könnten das Demenzrisiko reduzieren" Epilepsie und Hörverlust: Hörgeräte könnten das Demenzrisiko reduzieren Erwachsene mit Epilepsie und gleichzeitig bestehendem Hörverlust profitieren möglicherweise doppelt vom Tragen eines Hörgerätes: Ihr Demenzrisiko könnte rund 23 Prozent geringer sein. Darauf weisen Daten hin, die auf dem diesjährigen […]
Mehr erfahren zu: "Adaptive tiefe Hirnstimulation bei Parkinson-Krankheit: Translation aus der Forschung in die klinische Praxis" Adaptive tiefe Hirnstimulation bei Parkinson-Krankheit: Translation aus der Forschung in die klinische Praxis Die adaptive tiefe Hirnstimulation (THS) kann die Stimulation bei Parkinson-Krankheit dynamisch an die aktuelle Symptomlast anpassen. Die Translation der adaptiven THS in den klinischen Alltag eröffnet neue Chancen für eine […]
Mehr erfahren zu: "Australien: Social-Media-Verbot bislang wenig erfolgreich" Australien: Social-Media-Verbot bislang wenig erfolgreich In Australien scheint das Social-Media-Verbot für unter 16-Jährige nur schleppend anzulaufen. Drei Monate nach Inkrafttreten des Verbotes gaben mehr als 85 Prozent der an einer Befragung teilnehmenden Jugendlichen an, auf […]