Mangelnde Evidenz für den Einsatz medizinischer Cannabisprodukte bei Entwicklungsstörungen6. Juni 2024 Das Interesse an medizinischem Cannabis hat in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen – auch in der Kinder- und Jugendmedizin. (Foto: © bukhta79 – stock.adobe.com) Ein besseres Verständnis des Endocannabinoidsystems und eine Lockerung der behördlichen Kontrolle von Cannabis haben das Interesse am medizinischen Einsatz von Cannabisprodukten (CP) wachsen lassen. Eine australische Übersichtsarbeit zeigt nun allerdings, dass die wissenschaftlichen Belege für die Wirksamkeit von CP bei neuropsychiatrischen und neurologischen Entwicklungsstörungen bei Kindern und Jugendlichen noch spärlich sind. Um die Gründe und die aktuelle Evidenz aus klinischen Studien für den Einsatz von CP bei der Behandlung von neuropsychiatrischen und neurologischen Entwicklungsstörungen bei Kindern und Jugendlichen zu evaluieren, durchsuchten Lauren J. Rice von der University of Sydney, Australien, und Kollegen einschlägige Datenbanken nach Artikeln, die nach 1980 über CP zu medizinischen Zwecken bei Personen unter 18 Jahren mit ausgewählten neuropsychiatrischen oder Entwicklungsstörungen veröffentlicht wurden. Für jeden Artikel wurden das Risiko der Verzerrung und die Qualität der Evidenz bewertet. Von insgesamt 4466 gesichteten Artikeln kamen schließlich 18 für die Auswertung infrage, die sich mit acht Erkrankungen befassten (Angststörungen [n=1], Autismus-Spektrum-Störung [n=5], fetale Alkohol-Spektrum-Störung [n=1], fragiles X-Syndrom [n=2], geistige Behinderung [n=1], Stimmungsstörungen [n=2], posttraumatische Belastungsstörung [n=3] und Tourette-Syndrom [n=3]). Es wurde nur eine randomisierte kontrollierte Studie (RCT) gefunden. Zu den übrigen 17 Artikeln gehörten eine offene Studie, drei unkontrollierte Vorher-Nachher-Studien, zwei Fallserien und elf Fallberichte, sodass das Risiko einer Verzerrung den Autoren zufolge hoch war. „Trotz des zunehmenden Interesses der Öffentlichkeit und der Wissenschaft ergab unsere systematische Überprüfung nur begrenzte und im Allgemeinen qualitativ schlechte Evidenz für die Wirksamkeit von CP bei neuropsychiatrischen und neurologischen Entwicklungsstörungen bei Kindern und Jugendlichen“, fassen die Autoren das Ergebnis ihrer Recherche zusammen. Entsprechend seien große RCT erforderlich, um diese Fragestellung zu klären und die klinische Versorgung zu unterstützen. In der Zwischenzeit müssten Kliniker zwischen den Erwartungen der Patienten und der begrenzten verfügbaren Evidenz abwägen. (ej)
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