Mediziner warnen vor Versorgungsnotstand in deutschen Kinderkliniken7. Oktober 2019 PD Dr. Florian Hoffmann (Foto: Klinikum der Universität München) Platzmangel auf deutschen Kinderintensivstationen: Unterfinanzierung führt zu einer Umstrukturierung der pädiatrischen Versorgungslandschaft, die zu einem Abbau pädiatrischer Versorgungskapazitäten führt. Dies zeigt eine Studie der Universität Köln. „Der notwendige Versorgungsbedarf für kranke Kinder kann nicht mehr sicher gewährleistet werden“, sagt PD Dr. Florian Hoffmann, Sprecher der Sektion „Pädiatrische Intensiv- und Notfallmedizin“ der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI). Er bezieht sich dabei auf neue Studienergebnisse der Universität Köln, die jetzt veröffentlicht wurden. Demnach führe die Unterfinanzierung in der Pädiatrie zu einer Umstrukturierung der pädiatrischen Versorgungslandschaft, die zu einem Abbau pädiatrischer Versorgungskapazitäten führt. „Kliniken haben somit immer weniger Betten und immer weniger Personal, um kritisch kranke Kinder zu behandeln“, sagt Hoffmann. „Hier muss die Politik dringend handeln, bevor die Gesundheit von Kindern durch die Ökonomisierung des Systems riskiert wird.“ Die Wissenschaftler von der Universität Köln haben Einzel- und Gruppeninterviews mit 50 Beschäftigten aus Kinderkliniken oder Kinderabteilungen aus den Bereichen Pädiatrie und Kinderchirurgie geführt. Die Studienteilnehmer beschreiben in nahezu allen Bereichen der Pädiatrie eine ausgeprägte Leistungsverdichtung. Durch die gestiegene Patientenzahl, komplexere Krankheitsbilder und kürzere Aufenthaltszeiten hätten die Anforderungen zudem deutlich zugenommen. Hoffmann bemängelt die Situation an deutschen Kinderkliniken schon länger: „Immer öfter müssen Kinder in Kliniken umgeleitet werden, die mehr als 100 Kilometer vom Wohnort entfernt liegen. Ein Trauerspiel für eine medizinisch so gut entwickelte Region wie Deutschland. Hier ist die aktuelle Regierung in der Pflicht, seinen jüngsten Bürgern eine wohnortnahe und exzellente Versorgung zu garantieren“, sagt der Mediziner aus München. Prekäre Situation in der Kinderintensivmedizin Besonders prekär ist nach Aussagen der Experten die Situation in der Kinderintensivmedizin. Durch Personal- und Bettenmangel komme es hier regelhaft zu Versorgungsengpässen mit gravierenden Auswirkungen für schwer erkrankte oder schwer verletzte Kinder. Behandelnde Kliniken haben immer öfter keinen Platz mehr auf der Kinderintensivstation und müssen die Kinder in weit entfernte Kliniken transportieren. Gleichzeitig führt der Wettbewerb mit erlösstarken Subdisziplinen wie der Neonatologie zu Verschiebungen von Personal, um die dort vorgegebenen Personalschlüssel zu erfüllen. Strukturbedingt werden damit auch Interessenkonflikte zwischen benachbarten pädiatrischen Spezialisierungen erzeugt, obwohl sich das Personal dieser intensivmedizinischen Bereiche kompetitiv ergänzen sollte. Die Studie der Universität Köln kommt zu dem Schluss, dass ohne die umfassende Beseitigung der Unterfinanzierung die Versorgung kritisch kranker Kinder sowie die Leistungs- und Konkurrenzfähigkeit der Pädiatrie in Deutschland gefährdet ist. „Die Entscheider in der Politik und in den Klinikleitungen sind aufgefordert, Kindern das ihnen zustehende Höchstmaß an Gesundheitsvorsorge zukommen zu lassen“, fordert Hoffmann, der auch Mitglied des Präsidiums der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) ist. „Wir steuern seit Jahren offenen Auges auf dieses Problem zu und können nun in einem der reichsten Länder der Welt die flächendeckende Versorgung von kritisch kranken oder schwer verletzten Kindern nicht mehr sicher gewährleisten“, beklagt DIVI-Vertreter Hoffmann. Die Ausbildungs- und Arbeitsbedingungen sowie die Bezahlung der Pflegekräfte müssten deutlich verbessert werden: „Wenn auch in Ballungsräumen weiterhin kranke Kinder versorgt werden sollen, dann müssen sich die Pflegenden dieser Kinder auch das Leben in den Ballungsräumen leisten können. Vermeintlich ‚billige‘ Arbeitskräfte aus dem Ausland können kein ernst gemeinter Lösungsansatz sein.“ Originalpublikation:Weyersberg A et al.: Gefangen zwischen Ethik und Ökonomie. ‘Dtsch Arztebl 2019;116(37):A1586–91.
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