Mikrobiombesiedlung erfolgt auf vielen Wegen

Kinder, die per Kaiserschnitt geboren werden, erhalten das lebenswichtige Mikrobiom über Stillen und Hautkontakt. (Foto: © cynthia_groth – Pixabay)

Die Besiedelung eines neugeborenen Kindes mit Mikroben der Mutter erfolgt über mehrere Wege, wie Hautkontakt, Muttermilch oder Vaginalsekret, die zusammenwirken und das Baby mit einem Arsenal an Mikroben ausstatten. Dabei wirken diese redundant und ausgleichend, wenn zum Beispiel bei einer Kaiserschnittgeburt die Übertragung der Mikroben aus dem Vaginalsekret ausbleibt. Diese Erkenntnis präsentiert ein niederländisches Forschungsteam aus Utrecht im Fachjournal „Cell Host & Microbe“.

In ihrer Arbeit gingen sie der Frage nach, inwieweit Mikroben aus verschiedenen Nischen – also Quellen wie Nase, Haut, Muttermilch und weitere, die eine charakteristische Zusammensetzung an Mikroben aufweisen – zur Besiedlung des Babys beitragen. Hierfür analysierten sie Proben von 120 Mutter-Kind-Paaren. Den Müttern entnahmen sie Proben aus dem Nasen-Rachen-Raum, dem Speichel, der Muttermilch, der Haut, dem Vaginalsekret und aus dem Stuhl – kurz vor und bis zu einen Monat nach der Geburt. Bei den Neugeborenen wurden Abstriche vom Nasen-Rachenraum, Speichel, der Haut und aus Stuhlproben entnommen. Anhand der Sequenzierdaten konnten sie nachverfolgen, welche Mikrobenarten direkt von der Mutter zum Kind weitergegeben wurden.

Im Durchschnitt stammen 58,5 Prozent der Mikrobenzusammensetzung bei Säuglingen von der Mutter – und das unabhängig von der Entbindungsmethode. Allerdings stellten die Forschenden Unterschiede fest, woher die Babys die Anteile an mütterlichen Mikroben erhielten. Während vaginal entbundene Babys bereits während der Geburt Mikroben aus dem Vaginal- und Darmsekret erhalten, bekommen Kinder nach einer Kaiserschnittgeburt mehr Mikroben durch die Muttermilch übertragen. Die Autorinnen und Autoren weisen darauf hin, dass das Stillen nach einer Kaiserschnittgeburt deshalb besonders wichtig sei.

Anhand bisheriger Studien ging man davon aus, dass per Kaiserschnitt zur Welt gebrachte Kinder ein Defizit an mütterlichen Mikroben aufweisen, da sie nicht mit den Mikroorganismen aus dem Vaginal- und Darmsekret in Kontakt kommen. Um diesen Verlust auszugleichen wurde die Methode des ‚vaginal seedings‘ in den vergangenen Jahren untersucht und diskutiert. Dabei wird dem Baby nach der Geburt mit einem Tuch über Mund und Nase gestrichen, das zuvor mit Vaginalsekret versehen wurde. Dadurch soll das Kind nachträglich die nötigen Mikroorganismen erhalten.

Als “sehr plausibel” beurteilt Prof. Bernhard Resch, Stellvertretender Leiter der klinischen Abteilung für Neonatologie und Forschungseinheit für neonatale Infektionserkrankungen und Epidemiologie an der Medizinischen Universität Graz, den Befund der Studie, dass der Mikroben-Transfer zwischen Mutter und Kind auf mehreren Wegen stattfindet. „Damit wird die besonders bei akuter Gefährdung des Kindes notwendige Kaiserschnittgeburt wieder in das rechte Licht gerückt. Umso mehr muss nach Kaiserschnitt das Stillen unterstützt und gefördert werden”, kommentierte Resch.

„Nachdem der entero-mammarian pathway ziemlich bewiesen scheint, also der Weg der Mikroben vom mütterlichen Darm zu den Milchdrüsen, ergibt das absolut Sinn: ‚From Mother’s Gut to Milk.‘ Es wäre auch von der Natur sicher nicht vorgesehen, nur einen Besiedlungsweg einzuplanen. Und es erscheint mir sehr viel attraktiver, nach einem Kaiserschnitt das Kind an den Busen zu legen als ihm mit einem Vaginalsekret-getränkten Tuch ins Gesicht zu wischen“, sagte Resch.

„Es ist nach meinem Kenntnisstand in Studien noch nicht bewiesen, dass das ‚vaginal seeding‘ einen langfristigen positiven Effekt zum Beispiel auf das Risiko für Asthma oder Fettleibigkeit hat. Das Seeding hat im Studienkontext positive Effekte auf die Etablierung des Mikrobioms gezeigt, aber es birgt auch eventuelle Risiken, wie die Übertragung von Viren, weshalb diese Methode von den Fachgesellschaften bisher auch noch nicht empfohlen wird. Nun kommen erste wissenschaftliche Hinweise, dass Stillen und Kuscheln einen ähnlichen Effekt auf das Mikrobiom haben kann – neben vielen anderen positiven Effekten”, kommentierte Prof. Christoph Härtel, Direktor der Kinderklinik und Poliklinik am Universitätsklinikum Würzburg den Ansatz des vaginal seedings.

Aber auch Stillen könne nicht alle Probleme lösen, schränkt der Pädiater ein. Stillen könne zwar die Darmbesiedlung fast eins zu eins günstig beeinflussen und reduziere das Asthmarisiko, unklar sei aber noch, “ob unterschiedliche Pionierbakterien als ‚erste Saat‘ die entscheidende Rolle dafür spielen. Hierfür benötigt es langfristige Studien, die dann auch Auswirkungen auf andere Komponenten, wie zu Beispiel das Immunsystem oder den Stoffwechsel, einbeziehen”, sagte Härtel.