Müllabfuhr der Immunzellen des Gehirns erstmals im Detail erforscht20. August 2024 Mit der Rio-Hortega-Silberkarbonat-Methode gefärbte Mikrogliazellen in der grauen Substanz des Gehirns. (Quelle: © 2rogan – stock.adobe.com) Eine neue Methode ermöglicht die präzise Erforschung bislang kaum untersuchter Teile von Immunzellen im Gehirn, den Phagosomen. Die Erkenntnisse können helfen, Lernprozesse und Krankheiten wie Alzheimer und Hirntumore besser zu verstehen und neue Therapien zu entwickeln. Bei der Reinigung des Gehirns spielen Mikroglia eine zentrale Rolle. Im gesunden und erkrankten Gehirn sammeln die rastlosen Fresszellen den ständig anfallenden Müll ein und verarbeiten diesen in ihren „Mägen“, den Phagosomen weiter. Um diese bisher wenig erforschten Zellbestandteile präzise zu analysieren, haben Forscher des Universitätsklinikums Freiburg nun gemeinsam mit US-Kollegen eine innovative Methode entwickelt. Sie ermöglicht eine schnelle und funktionale Untersuchung der Phagosomen. „Wir haben eine völlig neue Methode entwickelt, mit deren Hilfe die Phagosomen in menschlichen Zellen präzise entnommen und untersucht werden können“, sagt Erstautor Dr. Emile Wogram, Arzt und Wissenschaftler am Institut für Neuropathologie des Universitätsklinikums Freiburg. Prof. Marco Prinz, Ärztlicher Direktor des Instituts für Neuropathologie am Universitätsklinikum Freiburg, ergänzt. „Das wird uns helfen, Erkrankungen wie Alzheimer oder Hirntumore besser zu verstehen und neue therapeutische Ansätze zu entwickeln.“ Zentrale Rolle bei der Reinigung und Wartung des Gehirns Mikroglia-Zellen sind an vorderster Front der Immunabwehr im Gehirn aktiv. Sie beseitigen zum Beispiel eindringende Bakterien, indem sie sie einhüllen und in ihren „Mägen“, den Phagosomen, weiterverarbeiten. Diese Phagosomen fungieren als eine Art „Müllverwertung“, indem sie die eingehüllten Eindringlinge mithilfe von Verdauungsenzymen abbauen. Auch abgestorbene körpereigene Zellen oder Zellbestandteile werden so täglich von den Fresszellen im gesunden Gehirn beseitigt und recycelt. Wissenschaftlicher sind sich einig, dass die zelluläre Müllabfuhr in der Hirnentwicklung, im gesunden Gehirn, aber auch in Erkrankungen wie Alzheimer und Hirntumore eine wichtige Rolle spielt. Eine „simple“ Methode bringt den Erfolg Bislang war es nicht gelungen, die sehr instabilen Phagosomen in einem funktionstüchtigen Zustand aus den Fresszellen zu entnehmen und zu untersuchen. Wogram begann darum am Whitehead-Institut für biomedizinische Forschung, Cambridge, USA, im Labor von Prof. Rudolf Jaenisch mit der Entwicklung einer neuen Methode für Fresszellen in der Zellkultur, welche er anschließend in Freiburg weiterentwickelte, um auch Phagosomen in menschlichen Hirnproben zu analysieren. Die Methode ist so simpel, wie elegant: Im ersten Schritt werden die Fresszellen geöffnet und die Phagosomen mit Antikörpern an magnetische Kügelchen gebunden. Im zweiten Schritt werden die gebundenen Kügelchen samt der Phagosomen mit einem Magneten isoliert, gewaschen und schließlich analysiert. „Das Ganze dauert gerade einmal eine halbe Stunde und das ist entscheidend, damit die Phagosomen intakt bleiben und ihr Inhalt vor der Analyse nicht verdaut wird“, erklärt Wogram. Verbindung zum Tumorwachstum und Alzheimer „Wir konnten mit der neuen Methode bereits zeigen, dass die Phagosomen neben der Beseitigung von Zelltrümmern und Alzheimer-Plaques auch überflüssige oder beschädigte Verbindungen zwischen Nervenzellen entfernen. Dabei konnten wir erstmals genau nachvollziehen, welche Strukturen dafür genau abgebaut werden“, berichtet Wogram. Dies eröffnet neue Wege, um die Rolle dieser Zellen bei Lernprozessen und Krankheiten wie Alzheimer besser zu verstehen. Die neue Methode ermöglichte es den Forschern auch, Unterschiede zwischen Phagosomen in gesunden Geweben und in Tumorgeweben zu messen. Dabei stellten sie fest, dass Phagosomen in Tumorgeweben ungewöhnlich hohe Mengen an Chinolinsäure enthielten, welche für den Stoffwechsel im Gehirn verwendet werden, aber auch Nervenzellen schädigen kann. „Das Spannende hierbei ist, dass Fresszellen im Gehirn die einzigen Zellen sind, die Chinolinsäure herstellen und diese im Phagosom speichern oder abbauen können. Während bei Alzheimer Chinolinsäure die Nervenzellen schädigen kann, fördert es vermutlich das Wachstum und die Ausbreitung von Hirntumoren“, erklärt Wogram. Demnach kommt dem Phagosom eine wichtige Rolle zu: Es kann den Verlauf oder sogar die Entstehung von unheilbaren Hirnerkrankungen beeinflussen. „Sobald wir besser verstehen, wie Phagosomen die Umverteilung von Chinolinsäure kontrollieren, kann uns das einen neuen Ansatzpunkt für die Behandlung von Alzheimer oder Hirntumoren liefern“, zeigt sich Wogram optimistisch.
Mehr erfahren zu: "Erstmals dorsaler Klitorisnerv detailliert dargestellt" Erstmals dorsaler Klitorisnerv detailliert dargestellt Der Aufbau der menschlichen Klitoris ist trotz erster Forschungserfolge noch weitgehend unbekannt. Forschenden aus Düsseldorf gelang es in einer anatomischen Studie nun erstmals, den Klitorisnerv detailliert darzustellen.
Mehr erfahren zu: "Expertenwissen für Menschen mit Multipler Sklerose im ländlichen Raum" Expertenwissen für Menschen mit Multipler Sklerose im ländlichen Raum Das Projekt „Expertenwissen für Menschen mit MS im ländlichen Raum“ am Universitätsklinikum Carl Gustav Carus Dresden soll Betroffenen in ländlichen und medizinisch unterversorgten Regionen einen besseren Zugang zu spezialisiertem medizinischen […]
Mehr erfahren zu: "Boehringer Ingelheim stoppt Investitionen in Deutschland" Boehringer Ingelheim stoppt Investitionen in Deutschland 900 Millionen Euro, die eigentlich für hiesige Standorte des Pharma-Konzerns Boehringer Ingelheim vorgesehen waren, werden nun in anderen Weltregionen investiert. Der Unternehmenschef wählt klare Worte.