Multiple Sklerose liefert immunologische Ansätze zur Behandlung von Parkinson

Die obere Hälfte des Schemas veranschaulicht Immunmechanismen bei der Parkinson-Krankheit (PD), während die untere Hälfte spezifisch für Multiple Sklerose (MS) ist. (Bild: © Prof. Qiang Liu)

Immunologische Mechanismen spielen bei der Parkinson-Kranheit eine größere Rolle als lange angenommen. Ein Vergleich mit der Multiplen Sklerose zeigt, wie Erkenntnisse aus der Neuroimmunologie neue therapeutische Ansätze für PD eröffnen könnten.

Morbus Parkinson (PK) und Multiple Sklerose (MS) unterscheiden sich grundlegend in ihrer klinischen Einordnung, weisen jedoch relevante immunologische Überschneidungen auf. Während MS als prototypische neuroimmunologische Erkrankung gilt und bereits über mehrere krankheitsmodifizierende Therapien verfügt, bleiben die Behandlungsoptionen bei PK überwiegend symptomatisch. Eine kürzlich in der Fachzeitschrift „Immunity & Inflammation“ veröffentlichte Übersichtsarbeit diskutiert, wie immunologische Erkenntnisse aus der MS-Forschung neue therapeutische Ansätze für PD eröffnen könnten. „Ein tieferes Verständnis der Immunologie der PK, gestützt auf Erkenntnisse aus der MS-Forschung, ist der Schlüssel zur Überbrückung dieser Therapielücke“, sagen die Autoren.

Immunologische Parallelen zwischen Parkinson und MS

Der Übersichtsartikel beschreibt detailliert, wie bei PD das fehlgefaltete Protein α-Synuclein als „Gefahrensignal“ fungiert und eine anhaltende Aktivierung der Mikroglia sowie eine nachfolgende Entzündung auslöst, die Dopamin-produzierende Neuronen schädigt. Etwa 40 Prozent der PDK-Patienten weisen T-Zellen auf, die α-Synuclein erkennen. Möglicherweise präsentieren dendritische Zellen fehlgefaltetes α-Synuclein, das aus degenerierenden Neuronen freigesetzt wird. Diese aktivierten Immunzellen tragen direkt oder indirekt zu weiteren neuronalen Schäden bei.

Bei MS wurden unterschiedliche Aktivierungsphänotypen der Mikroglia beobachtet. Bestimmte Mikroglia-Subpopulationen und Astrozyten verschlimmern neuronale Schäden durch die Freisetzung proinflammatorischer und zytotoxischer Mediatoren wie TNF-α, reaktiver Sauerstoffspezies und Stickstoffmonoxid. Darüber hinaus greifen autoreaktive CD4+-T-Zellen – unterstützt von Mikroglia, infiltrierenden Makrophagen und Astrozyten – die Myelinscheiden an, was ebenfalls zu Demyelinisierung und Neurodegeneration führt.

Zelluläre und systemische Entzündungsprozesse

„Übergeordnete systemische Immunfaktoren spielen bei beiden Erkrankungen ebenfalls eine Rolle“, betonen die Autoren. PK teilt genetische Risikogene mit verschiedenen Immunerkrankungen, und Störungen der Darmmikrobiota stehen vermutlich mit peripheren Entzündungen und der Pathologie des Gehirns in Verbindung. Auch bei MS-Schüben besteht ein enger Zusammenhang mit der Aktivierung des peripheren Immunsystems, was die bidirektionale Kommunikation zwischen ZNS und Immunsystem unterstreicht.

„Die aktuelle Parkinson-Forschung stützt sich aufgrund von Einschränkungen in Human- und Primatenstudien auf diverse präklinische Modelle“, so die Autoren weiter. Sie fassen die aktuell identifizierten immunassoziierten Gene zusammen, die sowohl bei PK als auch bei MS eine Rolle spielen, und vergleichen die Vor- und Nachteile der einzelnen immunassoziierten präklinischen Modelle für PK und MS, darunter Toxin-induzierte Modelle, genetische und entzündungsbasierte Modelle. Diese liefern wichtige Erkenntnisse zur Pathophysiologie und zur Entwicklung potenzieller Therapiestrategien.

Immunmodulation als therapeutische Perspektive

Therapeutisch bietet die etablierte immuntherapeutische Landschaft der MS einen wertvollen Leitfaden für die Entwicklung neuer PK-Therapien. Immunmodulatorische Ansätze gelten als vielversprechend, darunter die gezielte Beeinflussung zentraler Immun- und Entzündungsregulatoren, die Wiederherstellung der Lysosomenfunktion zur Verbesserung des α-Synuclein-Abbaus sowie die Hemmung proinflammatorischer Zytokine durch immunsuppressive Strategien.

Auch Impfstrategien gegen α-Synuclein gewinnen an Bedeutung. Angesichts der Rolle der Darm-Hirn-Achse bei PK wurden auch Mikrobiom-basierte Therapien hinsichtlich ihres Potenzials zur Linderung motorischer und nicht motorischer Symptome von PK-Patienten untersucht. Herausforderungen bestehen weiterhin in der Komplexität immunologischer Netzwerke, der Heterogenität der Patientenpopulation und dem Mangel an Langzeitdaten zu immuntherapeutischen Ansätzen bei PK.

Die Autoren kommen zu dem Schluss, dass der Vergleich von PK und MS nicht nur das Verständnis neurodegenerativer Prozesse vertiefen, sondern auch die Grundlage für präzisionsmedizinische Strategien auf Basis der Immunregulation schaffen könne. „Zukünftige Forschung, die sich auf die dynamische Wechselwirkung zwischen Immunzellen und stadienspezifischen Immunsignaturen konzentriert, wird für die Entwicklung neuer Behandlungsmethoden von entscheidender Bedeutung sein“, ist sich Studienleiter Prof. Qiang Liu sicher.

(lj/BIERMANN)

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