Nervenbahnen unter Strom7. Juli 2020 Fasertrakte im Zielgebiet der Hirnstimulation: Dargestellt sind die Elektrodenkontakte bei 50 Patienten mit Zwangsstörungen sowie stimulierte Fasern mit positiven (rot) und negativen (blau) klinischen Ergebnissen. (Grafik: Horn/Charité) Einer Forschungsgruppe der Charité – Universitätsmedizin Berlin ist es gelungen, die Tiefe Hirnstimulation als Therapie bei Zwangsstörungen noch weiter zu verfeinern. Zwangshandlungen und Zwangsgedanken betreffen mehr als zwei Prozent der Bevölkerung und stellen eine starke Beeinträchtigung des täglichen Lebens dar. Eine Behandlungsmöglichkeit in schweren Fällen ist die Tiefe Hirnstimulation. Die Stimulation verschiedener Bereiche, so etwa eines Fasertrakts der sogenannten internen Kapsel oder des subthalamischen Kerns, kann in einigen Fällen die klinischen Symptome verbessern. Um Erfolge zu erzielen, ist jedoch eine auf Millimeter genaue Platzierung der Elektroden wichtig. Das optimale Zielgebiet für die Hirnstimulation bei Zwangserkrankungen war bisher nicht genau bekannt. Die Forschungsgruppe um Dr. Andreas Horn an der Klinik für Neurologie mit Experimenteller Neurologie der Charité konnte nun erstmals einen bestimmten Fasertrakt als optimales Zielgebiet ausweisen. Dafür untersuchte das Team 50 Patienten mit Zwangsstörungen an verschiedenen Zentren weltweit vor und nach Platzierung der Stimulationselektroden mit moderner Kernspin-Tomographie-Methodik. So konnten umliegende Fasertrakte sichtbar gemacht und geprüft werden, welche davon selektiv durch die Elektroden stimuliert wurden. „Diese Analyse zeigt uns, dass ein ganz bestimmtes Nervenbündel mit optimalen Ergebnissen verknüpft ist. Der Zusammenhang zeigte sich zuverlässig über die verschiedenen Patientengruppen aus Köln, Grenoble, London und Madrid hinweg“, erklärHorn, der auch Leiter einer Emmy-Noether-Nachwuchsgruppe „In Richtung netzwerkbasierter Hirnstimulation“ ist. Die WissenschaftlerInnen untersuchten zunächst zwei Patientengruppen, bei denen entweder die interne Kapsel oder der subthalamische Kern stimuliert wurde. Obwohl diese Hirnstrukturen ganz verschiedene Verbindungen zu anderen Bereichen aufweisen, erwies sich in beiden Gruppen ein bestimmter Fasertrakt zwischen Frontalhirnrinde und subthalamischem Kern als geeignetes Zielgebiet, um bei den Patienten zu klinischen Verbesserungen beizutragen. Allein durch die Lokalisation der Stimulationselektroden konnten die Forschenden das Behandlungsergebnis in den beiden untersuchten und weiteren unabhängigen Gruppen zuverlässig vorhersagen. Ein Vergleich mit anderen Studien zeigte außerdem, dass sich die darin beschriebenen Zielgebiete ebenfalls im Bereich des neu identifizierten Fasertrakts befinden. „Grundsätzlich ändert sich das Zielgebiet durch unsere Studienergebnisse nicht, wir konnten es aber verfeinern. Man kann es sich etwa so vorstellen: Bislang steuerten wir in den Operationen mit unserem Boot stets auf eine Insel zu, die im Nebel lag, nun können wir die Insel und vielleicht sogar den Anlegesteg erkennen und genauer darauf zusteuern“, beschreibt Ningfei Li, Erstautor der Studie, den Nutzen für künftige Implantationen. Die dreidimensionalen Strukturen hat sein Team dafür offen als Datensatz publiziert und stellt sie so weltweit für Wissenschaftler zur Verfügung. An der Charité selbst werden keine Patienten mit Zwangsstörungen durch das invasive Hirnstimulationsverfahren behandelt. Die forschenden Zentren stehen allerdings weltweit in Kontakt und erarbeiten Protokolle, um die Erprobung des neu definierten Zielgebiets in zukünftigen Studien zu ermöglichen. Originalpublikation: Li N et al. A unified connectomic target for deep brain stimulation in obsessive-compulsive disorder. Nat Commun 2020;11(1):3364.
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