Netzhaut-Chip: Neue Hoffnung bei Verlust von zentralem Sehvermögen

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Der Präsident der Deutschen Ophthalmologischen Gesellschaft (DOG), Prof. Lars-Olof Hattenbach, berichtete anlässlich des 124. Kongresses der DOG über eine neue Netzhaut-Technologie, die erstmals auch einen bereits eingetretenen Sehverlust teilweise rückgängig machen soll.

Menschen mit fortgeschrittener trockener altersabhängiger Makuladegeneration (AMD) verlieren häufig unwiederbringlich ihr zentrales Sehvermögen. Gesichter zu erkennen, zu lesen oder alltägliche Aufgaben zu bewältigen, wird zunehmend schwieriger. Ein kürzlich zugelassener Netzhaut-Chip soll Betroffenen nun erstmals einen Teil ihrer Sehfunktion zurückgeben. Wie gut die neue Technologie funktioniert und welche Chancen sie eröffnet, erläuterte Hattenbach auf der Kongress-Pressekonferenz.

In Deutschland leben rund eine Million Menschen mit einer diagnostizierten AMD. Schätzungsweise 400.000 Menschen sind von deren fortgeschrittener trockener Form betroffen, der geografischen Atrophie (GA). „Bei der geografischen Atrophie gehen die Photorezeptoren im Zentrum der Netzhaut zugrunde. Dadurch verlieren die Betroffenen schrittweise ihr zentrales Sehvermögen“, erläuterte Hattenbach. Zwar gibt es seit kurzem Medikamente, die den Verlust verlangsamen können. „Bereits eingetretenen Funktionsverlust konnten wir aber bislang nicht rückgängig machen“, so der DOG-Präsident.

Sehfunktion technisch neu erzeugen

Genau hier setzt der Netzhaut-Chip PRIMA an: Er soll die Funktion zerstörter Photorezeptoren übernehmen. Herzstück ist ein zwei mal zwei Millimeter großes und etwa 30 Mikrometer dünnes Implantat, das 378 photovoltaische Pixel enthält und unter die Netzhaut eingesetzt wird. Eine spezielle Kamerabrille, die der Patient trägt, erfasst die Umgebung und projiziert die Bildinformationen mit unsichtbarem Nahinfrarotlicht auf das Implantat. „Die photovoltaischen Elemente wandeln das Licht in elektrische Signale um und stimulieren die noch erhaltenen Nervenzellen der Netzhaut, ganz ohne Batterie oder Kabelverbindung“, erläuterte der DOG-Präsident, der vier Patientinnen und Patienten den neuen Chip im Rahmen der Zulassungsstudie eingesetzt hat.

Lars-Olof Hattenbach auf der Kongress-Presskonferenz anlässlich der DOG 2026.Foto:©Schulz/Biermann Medizin

Studie zeigt deutliche Verbesserungen

Die Wirksamkeit des winzigen Netzhaut-Chips wurde in der prospektiven multizentrischen PRIMAvera-Studie untersucht. „38 Patientinnen und Patienten mit fortgeschrittener geografischer Atrophie erhielten ein Implantat“, berichtete Hattenbach. Von 32 nach zwölf Monaten ausgewerteten Teilnehmenden erreichten 26 Personen, also 81 Prozent, eine klinisch relevante Verbesserung der Sehschärfe von mindestens zehn ETDRS-Buchstaben – das entspricht etwa zwei zusätzlichen Zeilen auf der Sehtafel. „Viele konnten wieder Muster, Buchstaben, Zahlen und Wörter erkennen“, sagte Hattenbach. Gleichzeitig blieb die noch vorhandene natürliche Sehfunktion außerhalb der betroffenen Netzhautareale im Durchschnitt erhalten. Die Ergebnisse der internationalen PRIMAvera-Studie wurden im New England Journal of Medicine publiziert. Im Juli 2026 erhielt PRIMA die europäische CE-Kennzeichnung.

Keine Heilung, aber ein Paradigmenwechsel

Trotz der vielversprechenden Ergebnisse ersetzt der Chip aber kein normales Sehvermögen. „Auflösung und Gesichtsfeld sind derzeit noch begrenzt, Farbsehen ist nicht möglich und die Nutzung muss in einer strukturierten Rehabilitation über viele Monate erlernt werden“, erklärte Hattenbach. Auch die Implantation sei ein hochspezialisierter chirurgischer Eingriff, der Erfahrung und Präzision erfordere. „Der eigentliche Durchbruch besteht darin, dass es nach jahrzehntelanger Forschung gelungen ist, Mikroelektronik und Nervengewebe so zu verbinden, dass wir in einem bereits erblindeten Netzhautareal wieder Sehfunktion erzeugen können“, bilanzierte der DOG-Präsident. PRIMA überschreite die Grenze zwischen Erhalt und Ersatz von Sehfunktion und stelle einen Paradigmenwechsel dar.

Perspektiven: Zugang, Kosten und Weiterentwicklung

Wie geht es weiter? Trotz europäischer Zulassung steht PRIMA geeigneten Patientinnen und Patienten nicht automatisch flächendeckend zur Verfügung. „Derzeit ist der Zugang auf spezialisierte Studien- und Netzhautzentren konzentriert, auch sind tragfähige Erstattungsmodelle noch nicht geklärt“, erörterte Hattenbach. Gleichzeitig soll die Technologie weiterentwickelt werden, so dass künftige Implantat-Generationen höhere Auflösungen und größere Gesichtsfelder ermöglichen. Zudem soll die Anwendung bei anderen Netzhauterkrankungen untersucht werden. „Dennoch ist jetzt schon klar“, so Hattenbach, „dass der Netzhaut-Chip den Beginn eines neuen Kapitels des künstlichen Sehens markiert.“