Neuartiger Schrittmacher soll Zwangsstörung lindern21. Februar 2020 Die Patientin kommuniziert dem Hirnschrittmacher ihren aktuellen psychischen Zustand. (© UKR/Klaus Völcker) Nachdem Anfang Februar in München der erste Parkinson-Patient einen neuartigen Hirnschrittmacher erhalten hatte, wurde nun am Universitätsklinikum Regensburg (UKR) weltweit die erste Patientin mit einer Zwangsstörung mit dem Gerät versorgt. Dadurch wollen die Ärzte eine seit fast 20 Jahren bestehende Erkrankung therapieren. Seit ihrem 17. Lebensjahr leidet die 36-Jährige unter dem Zwang, alles zu hinterfragen, besonders sich selbst. Trotz medikamentöser Therapie und Verhaltenstherapie verschlechterte sich ihr Zustand immer weiter. Ihre immer wiederkehrenden Zwangsgedanken verursachen Unsicherheit, Angst und einen immensen inneren Druck. Seit einigen Jahren kann sie auch ihren Beruf in der Sozialarbeit nicht mehr ausführen, so sehr beeinflusst sie die Erkrankung. Nun wurde ihr als erster Patientin weltweit der neuartige Hirnschrittmacher implantiert. „Revolutionär ist dabei, dass der Schrittmacher nicht nur Signale an das Gehirn sendet, sondern die Signale des Gehirns auch lesen und entsprechend darauf reagieren kann“, erklärt Prof. Jürgen Schlaier, der als neurochirurgischer Leiter des Zentrums für Tiefe Hirnstimulation am UKR den Schrittmacher implantiert hat. Das neue Schrittmachermodell ist erst seit Ende Januar zur Therapie zugelassen und zeigt im Fall der Patientin bereits Erfolg. „Dabei ist er derzeit noch nicht einmal vollständig aktiviert. Alleine die Anwesenheit der Elektroden im Gehirn bewirkt schon eine Besserung“, erklärt Schlaier weiter. Hirnschrittmacher werden seit etwa zehn Jahren für die Therapie von Zwangserkrankungen eingesetzt. Durch die elektrische Stimulation soll die der Zwangsstörung zugrundeliegende übermäßige Nervenaktivität normalisiert und damit die Symptome der Zwangsstörung gelindert werden. Der Hirnschrittmacher lernt, auf die Signale des Gehirns zu reagieren Die konventionellen Modelle geben dabei aber nur Signale an das Gehirn ab. Die neue Variante misst auch aktiv die Gehirnaktivität, zeichnet diese auf und kann bei bestimmten Signalen gezielt Impulse abgeben. „Momentan befinden wir uns in der Lernphase“, erklärt Prof. Berthold Langguth, Chefarzt im Zentrum für Allgemeinpsychiatrie II der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Universität Regensburg am medbo Bezirksklinikum. „Die Patientin trägt ein Gerät bei sich, das mit ihrem Smartphone verbunden ist. Innerhalb einer App kann sie so ganz einfach täglich oder auch mehrmals am Tag ihren aktuellen psychischen Zustand eingeben. Der Schrittmacher zeichnet dann die entsprechende Gehirnaktivität auf.“ Nach einem Zeitraum von etwa sechs Wochen wertet Langguth, der innerhalb des Zentrums für Tiefe Hirnstimulation die Patientin zusammen mit Schlaier betreut, die Daten aus. Dann wird der Hirnschrittmacher individuell auf die Gehirnaktivität der Patientin eingestellt. Die Nervenaktivität des Gehirns, die mit Zwangsgedanken einhergeht, soll durch die elektrischen Impulse möglichst gezielt durchbrochen werden. „Diese Justierung ist äußerst komplex. Schon eine minimale Abweichung der Stimulation durch den Schrittmacher kann zu unerwünschten Nebeneffekten wie beispielsweise einer Verstärkung des Angstgefühls führen. Es kann deshalb bis zu einem Jahr dauern, bis wir alle Elektroden des Schrittmachers richtig eingestellt haben und die individuell besten Signalkonstellationen gefunden haben“, sagt Langguth weiter. Sollte sich herausstellen, dass der Schrittmacher nicht den gewünschten Erfolg bringt, kann der Schrittmacher jederzeit deaktiviert werden und auch die operative Entfernung des Gerätes ist möglich. „Wir versprechen uns von der Therapie mit dem neuartigen Gerät eine gezieltere Reaktion auf die Gehirnaktivität und damit eine effektivere Behandlungsmöglichkeit für unsere Patienten“, resümiert Schlaier.
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