Neue Arbeitsgruppe am Kinderkrebs-Zentrum Hamburg: Den Energiequellen aggressiver Hirntumoren auf der Spur20. Juli 2026 Dr. Sina Neyazi, Leiterin der Arbeitsgruppe „Pädiatrische Gliome“ am Forschungsinstitut Kinderkrebs-Zentrum Hamburg. Foto: © Anja-K. Meyer/UKE Dr. Sina Neyazi erforscht seit Juli 2026 am Forschungsinstitut Kinderkrebs-Zentrum Hamburg, wie aggressive Hirntumoren bei Kindern ihren Stoffwechsel umprogrammieren, um zu wachsen und zu überleben. Krebszellen sind einfallsreich, wenn es ums Überleben geht. Sie verändern ihren Stoffwechsel, nutzen Nährstoffe anders als gesunde Zellen und sichern sich so die Energie, die sie für ihr schnelles Wachstum benötigen. Genau hier setzt Dr. Sina Neyazi an: Im Mittelpunkt ihrer Forschung steht eine einfache, aber entscheidende Frage: Woher nehmen die Tumorzellen ihre Energie – und kann man ihnen diese Energiequelle gezielt entziehen? Am 1. Juli 2026 startete sie dafür am Forschungsinstitut Kinderkrebs-Zentrum Hamburg ihre neue Arbeitsgruppe zu pädiatrischen hochgradigen Gliomen – einer besonders aggressiven Form von Hirntumoren bei Kindern. Pädiatrische hochgradige Gliome zählen zu den schwer behandelbaren Krebserkrankungen im Kindesalter. Trotz großer Fortschritte beim Verständnis der molekularen Veränderungen dieser Tumoren gibt es bisher nur wenige wirksame Behandlungsoptionen. Viele klassische Therapien, die bei anderen Krebserkrankungen eingesetzt werden, helfen bei diesen Hirntumoren nur begrenzt oder gar nicht. Für betroffene Kinder und ihre Familien bedeutet die Diagnose deshalb eine enorme Belastung. Den Tumorzellen die Energie rauben „Hirntumoren bei Kindern sind ein Bereich, in dem wir noch sehr viel erreichen müssen“, unterstreicht Neyazi. „Mein Ziel ist es, diese aggressiven Tumoren besser zu verstehen – und daraus Grundlagen für wirksamere und individuellere Therapien zu entwickeln.“ Krebszellen benötigen, wie alle Zellen, Nährstoffe und Energie. Doch sie nutzen Stoffwechselwege häufig anders als gesunde Zellen. Neyazi möchte herausfinden, welche dieser veränderten Prozesse für das Überleben der Tumorzellen besonders wichtig sind. Solche „Schwachstellen“ könnten künftig neue Angriffspunkte für Behandlungen liefern. Drei Wege zu neuen Behandlungsansätzen Dafür verfolgt die neue Arbeitsgruppe drei eng miteinander verbundene Ansätze. Zunächst will sie eine Art Stoffwechsel-Landkarte der Tumoren erstellen. Dafür werden Tumorproben mit modernen molekularen Methoden untersucht: Welche Gene sind aktiv? Welche Stoffwechselprodukte entstehen? Und unterscheiden sich diese Muster bei verschiedenen Untergruppen der Tumoren? Im zweiten Schritt nutzt das Team die CRISPR-Technologie. Mit dieser Methode können einzelne Gene gezielt ausgeschaltet werden. Wenn Tumorzellen nach dem Ausschalten eines bestimmten Stoffwechselgens nicht mehr weiterwachsen, kann dieses Gen ein interessanter therapeutischer Angriffspunkt sein. Der dritte Baustein ist besonders nah an einer möglichen späteren Anwendung: Neyazi will testen, ob bereits bekannte Wirkstoffe, die heute etwa bei Stoffwechsel- oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen eingesetzt werden, auch gegen bestimmte Stoffwechselprozesse in Hirntumorzellen wirken könnten. Vielversprechende Ansätze sollen zunächst im Labor an Zell-Linien aus Tumorproben und später in präklinischen Modellen weiter untersucht werden. Auch der Einfluss bestimmter Nährstoffe soll dabei geprüft werden. „Die eine Therapie für alle wird es bei diesen Tumoren wahrscheinlich nicht geben“, sagt Neyazi. „Dafür sind sie zu unterschiedlich und biologisch zu komplex. Aber wenn wir besser verstehen, welche Stoffwechselwege ein Tumor wirklich braucht, können wir künftig gezielter nach passenden Behandlungsstrategien suchen.“ Klinische Erfahrung und internationale Expertise Neyazi bringt für den Aufbau der neuen Arbeitsgruppe eine besondere Verbindung aus Klinik und Forschung mit. Sie ist Kinderärztin in der Facharztweiterbildung mit Schwerpunkt auf der Behandlung von Kindern und Jugendlichen mit Krebserkrankungen. Wissenschaftlich hat sie zunächst zu pädiatrischen Leukämien geforscht und sich später auf Hirntumoren bei Kindern spezialisiert. Ihre grundlagenwissenschaftliche Ausbildung vertiefte sie während eines dreijährigen Forschungsaufenthalts am Dana-Farber Cancer Institute der Harvard University in Boston, USA. Basis für individuell abgestimmte und wirksame Therapien schaffen Die neue Arbeitsgruppe entsteht am Forschungsinstitut Kinderkrebs-Zentrum Hamburg in einem Umfeld, das auf pädiatrisch-onkologische Forschung spezialisiert ist. Für Neyazi ist die enge Verbindung von Labor, Klinik und Kooperationen mit anderen Arbeitsgruppen ein zentraler Vorteil, um Erkenntnisse aus der Grundlagenforschung langfristig nutzbar zu machen und die Behandlung von Kindern mit aggressiven Hirntumoren zu verbessern. „Mit Dr. Neyazis Arbeitsgruppe stärken wir gezielt die translationale Forschung zu pädiatrischen Hirntumoren. Die Frage, wie diese Tumoren ihren Stoffwechsel nutzen, ist wissenschaftlich hochrelevant – und bisher am Kinderkrebs-Zentrum Hamburg noch nicht systematisch bearbeitet worden. Ich freue mich sehr, dass wir diese Lücke nun schließen“, kommentiert Prof. Ulrich Schüller, wissenschaftlicher Leiter des Forschungsinstituts Kinderkrebs-Zentrum Hamburg.
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