Neue Erkenntnisse im Kampf gegen Infektionen von Organempfängern

Kenntnisse darüber, welche Bakterien und Viren welche transplantierten Organe besonders oft befallen und wie die Infektionen normalerweise chronologisch verlaufen, sind wertvoll, meinen die Studienautoren. (Foto: © sdecoret/Adobe Stock)

Forschende des Universitätsspitals Zürich (USZ) und des Universitätsspitals Genf (HUG) haben gemeinsam mit Experten für Transplantationsinfektiologie aus Lausanne, Bern, Basel und St. Gallen eine Studie über Infektionen von in der Schweiz transplantierten Menschen veröffentlicht. Das Ziel der nach Angaben der Autoren weltweit ersten Überblicksstudie zu diesem Thema ist es, die Lebensqualität der Patientinnen und Patienten zu verbessern.

In der Schweiz leben heute mehr als 5000 transplantierte Patienten. Um das Risiko einer Abstoßung des eingepflanzten Organs zu vermeiden, müssen sie immunsuppressive Medikamente einnehmen. Dies macht sie jedoch anfällig für Infektionen durch Bakterien, Viren oder Pilze. Um sie davor zu schützen, erhalten sie Medikamente zur Prophylaxe. Weltweit existierten bisher keine Studien, die Infektionen bei transplantierten Patienten unter Immunsuppression systematisch und im Überblick untersuchten. Über den Umfang der Infektionen, die Art der Infekte, deren chronologischen Verlauf sowie über die organspezifischen Unterschiede lagen deshalb bisher kaum Informationen vor.

Aus Komplikationen Hinweise gewinnen

Die Autoren der aktuellen Arbeit schließen nun diese Lücke. Fast 3000 Patienten wurden zwischen 2008 und 2014 in die Studie eingeschlossen. Das Hauptziel der Analyse von Komplikationen ist es, die Lebensqualität der Patienten zu verbessern und ihnen mehr Lebenszeit zu ermöglichen. Die Untersuchung fand im Rahmen der Schweizerischen Transplantationskohorte (STCS) statt, die vom Schweizerischen Nationalfonds gefördert wird und zusätzlich von den Schweizer Transplantationszentren, unimedsuisse und dem Bundesamtes für Gesundheit unterstützt wird.

Wirksame Prophylaxe

Die Studie zeigt, dass die heutigen prophylaktischen Maßnahmen im Vergleich zu den Zahlen aus den 1980er-Jahren opportunistische Infektionen wirksam verhindern. Diese werden in erster Linie durch Viren und Pilze verursacht und treten typischerweise bei Patienten mit einer verminderten Immunabwehr auf. Während die einst gefürchteten opportunistischen Infekte einen kleinen Anteil der Infektionen ausmachten, waren mehr als 60 Prozent der Infektionen bakteriell. In der Regel werden sie durch Enterobakterien verursacht, also durch Darmbakterien, die dazu neigen, Resistenzen gegen Antibiotika zu entwickeln. „Die Resultate zeigen, dass wir uns bei transplantierten Patienten stärker auf die Bekämpfung klassischer, bakterieller Infektionen konzentrieren sollten, die auch Menschen mit intaktem Immunsystem tangieren“, erklärt Prof. Nicolas Müller. Der Infektiologe ist Koautor der Studie und Leiter des Transplantationszentrums am Universitätsspital Zürich. „Wir müssen zum Beispiel bei Organempfängern dem Thema Impfen mehr Bedeutung beimessen.“

Die Untersuchung zeigt zudem, dass mehr als 50 Prozent aller untersuchten Organempfänger im ersten Jahr nach der Transplantation eine schwere Infektion erlitten. Auffällig ist, dass die meisten Infektionen das transplantierte Organ selbst betrafen. Herz- oder Lungentransplantierte sind in den ersten Wochen nach dem Eingriff am stärksten gefährdet. Empfänger von Lungentransplantaten bleiben auch längerfristig sehr anfällig für Infektionen. Patienten, die eine Niere oder Leber erhalten haben, sind dagegen weniger anfällig für schwere Infektionen.

Standardisierte Behandlungsrichtlinien

Kenntnisse darüber, welche Bakterien und Viren welche transplantierten Organe besonders oft befallen und wie die Infektionen normalerweise chronologisch verlaufen, sind wertvoll. „Wenn wir die Häufigkeit der Komplikationen kennen, können wir die Prophylaxe und die Nachsorge verbessern“, erklärt Koautor Prof. Christian van Delden, Leiter der Abteilung für Transplantationsinfektionen am HUG. Die Resultate würden es ermöglichen, neue Behandlungs- und Präventionsrichtlinien aufzustellen, um die Versorgung der Patienten zu standardisieren und weiter zu verbessern.