ERS 2026 Neue Forschungsergebnisse: Rauchen verstärkt Einsamkeit10. September 2026 Foto: ponta1414/stock.adobe.com Früher galt Tabakkonsum – ähnlich wie das Trinken von Alkohol – als ein Verhalten, dass sich viel in Gesellschaft beobachten ließ und mit Geselligkeit assoziiert wurde. Neue Forschungsergebnisse zum Thema Rauchen lassen nun vom Gegenteil ausgehen. Einer Studie zufolge, über die kürzlich beim Kongress der European Respiratory Society (ERS) in Barcelona (Spanien) zu hören war, führt Rauchen gar zu verstärkter Einsamkeit. Dr. Keir Philip, Dozent für Pneumologie am National Heart and Lung Institute des Imperial College London (Großbritannien) stellte die Forschungsergebnisse auf dem Kongress vor und erklärte: „Wir wissen zwar, dass Rauchen der körperlichen Gesundheit schadet, aber wir wissen nicht, welche Auswirkungen es auf unser soziales Wohlbefinden hat. Ältere Studien haben vermuten lassen, dass Einsamkeit zum Rauchen führt – Forschung darüber, ob Rauchen Einsamkeit verursacht, gab es kaum. Lange galt Rauchen als ‚soziale Aktivität‘. Wir beobachten aber immer wieder, dass Menschen mit Erkrankungen, die auf Tabakkonsum zurückzuführen sind, zunehmend sozial isoliert und einsam werden.“ Rauchen macht einsam – unabhängig von kulturellen und sozialen Normen Die erste Studie zu diesem Thema, die die Wissenschaftler in England durchführten, deute darauf hin, dass Raucher einsamer sind als Nichtraucher, führte Philip aus. Es sei jedoch möglich, dass die Ergebnisse durch kulturelle und soziale Normen beeinflusst worden seien, räumte er ein. „Wir wollten untersuchen, ob sich der Zusammenhang zwischen Rauchen und Einsamkeit auch in anderen Ländern beobachten lässt.“ Die Forschenden analysierten Daten von mehr als 50.000 Personen aus 15 Ländern, die am Survey of Health and Ageing in Europe (SHARE) teilnahmen. Darin wurde das Einsamkeitsgefühl der Teilnehmenden mithilfe der UCLA-Einsamkeitsskala erfasst. Diese Skala liefert einen Wert, der angibt, wie häufig eine Person das Gefühl hat, keine Gesellschaft zu haben, ausgeschlossen und von anderen isoliert zu sein. Die Forschenden verglichen Raucher mit Nichtrauchern und befragten sie zwei Jahre später erneut mit demselben Fragebogen. Das Durchschnittsalter der Probanden betrug 67 Jahre, 22 Prozent rauchten zu Beginn der Studie und 48,5 Prozent litten an mehr als zwei chronischen Erkrankungen. Die Forschenden stellten in ihrer Auswertung fest, dass Raucher einsamer waren als Nichtraucher – auch dann noch, wenn andere Einflussfaktoren wie Alter und Geschlecht berücksichtigt worden waren. Raucher erlebten im Laufe der Zeit auch eine stärkere Zunahme der Einsamkeit, selbst nach Einberechnung demografischer Merkmale und ihres Ausgangswertes für Einsamkeit. Die Unterschiede zwischen den untersuchten europäischen Regionen fielen dabei gering aus. Philip erklärte: „Rauchen ist mit zunehmender Einsamkeit bei älteren Menschen verbunden, was darauf hindeutet, dass Rauchen neben den körperlichen Auswirkungen auch die psychosoziale Gesundheit beeinträchtigen kann. Diese Ergebnisse bestätigen und erweitern frühere Forschungsergebnisse und zeigen, dass dieser Zusammenhang in ganz Europa weitgehend einheitlich ist.“ Krankheitsbedingte mangelnde Mobilität als Faktor für Einsamkeit? Als eine mögliche Erklärung dafür, dass Rauchen zu Einsamkeit führen kann, nennt der Forscher eine eingeschränkte Mobilität aufgrund sich immer weiter verschlechternden Erkrankungen, die durch den Tabakkonsum hervorgerufen werden. Die mangelnde Mobilität erschwere die Teilnahme an sozialen Aktivitäten. „Ein weiterer möglicher Mechanismus betrifft die sozialen Normen bezüglich des Rauchens in der Öffentlichkeit“, ergänzt Philip. „Rauchverbote an öffentlichen Orten und informelle rauchfreie Zonen in Privatwohnungen können diese Orte für Raucher unattraktiver machen, was die Möglichkeiten für soziale Kontakte einschränken kann.“ Laut Philip sollten die nächsten Schritte darin bestehen, die öffentliche Wahrnehmung so zu verändern, dass sie mit den Forschungsergebnissen übereinstimmt. „Rauchen ist nicht sozial. Unsere Studie zeigt, dass es zu verstärkter sozialer Isolation und Einsamkeit führt. Die Verbreitung der Botschaft über verschiedene Kanäle, von Kneipen bis hin zur öffentlichen Politik, ist entscheidend – die psychosozialen Auswirkungen des Rauchens müssen deutlich gemacht werden“, fügte er hinzu. Einsamkeit: eine der großen Herausforderungen für die öffentliche Gesundheit Wichtige Informationen für Raucher lassen sich laut Prof. Des Cox vom University College Dublin (Irland) aus der vorgestellten Untersuchung ziehen. Cox ist Mitglied des Advocacy Council der ERS. „Es ist wichtig, Menschen beim Rauchstopp zu unterstützen, ohne sie zu stigmatisieren. Von der individuellen bis zur politischen Ebene zeigen diese Ergebnisse, dass Rauchen nicht nur die körperliche, sondern auch die psychosoziale Gesundheit beeinträchtigt. Die Annahme, Rauchen sei ein ‚soziales‘ Verhalten, sollte hinterfragt werden, da die Evidenz das Gegenteil belegt.“ Der Mediziner ergänzte: „Einsamkeit wird heute als eine der zentralen Herausforderungen für die öffentliche Gesundheit unserer Zeit erkannt, und diese Studie identifiziert Rauchen als wichtigen Risikofaktor für Einsamkeit. Und es gibt wirksame Behandlungsmethoden. Wir müssen alles daransetzen, Rauchern beim Aufhören zu helfen und sicherzustellen, dass junge Menschen nicht nikotinsüchtig werden.“ (ac/BIERMANN)
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