Neue Ultraschallmethode erleichtert die Messung des Plazentavolumens21. Juli 2026 Symbolbild © Nejron Photo/stock.adobe.com Eine neue 2D-Ultraschallmethode ermöglicht eine schnelle und kostengünstige Abschätzung des Plazentavolumens. Die Ergebnisse stimmen nahezu mit dem bisherigen 3D-Goldstandard überein und könnten die Früherkennung von Risikoschwangerschaften verbessern. Als Ann O’Neill 2018 eine Totgeburt erlitt, war sie ratlos. Sie war bereits Mutter dreier gesunder Kinder und hatte daher von ihren Ärzten keine Informationen zur Vorbeugung von Totgeburten erhalten. Doch als sie die pathologischen Untersuchungsbefunde der Plazenta ihres verstorbenen Sohnes zu Harvey Kliman vorlegte – einem Arzt und Wissenschaftler, der an der Yale School of Medicine auf Schwangerschaftskomplikationen spezialisiert ist –, entdeckte dieser eine entscheidende Auffälligkeit, die zuvor übersehen worden war: eine sehr kleine Plazenta. Kleine Plazenten bleiben häufig unerkannt Jedes Jahr kommt es in den Vereinigten Staaten zu etwa 21.000 Totgeburten. Frühere Studien haben gezeigt, dass Anomalien der Plazenta – jenes Organs, auf das der Fötus für die Versorgung mit Sauerstoff, Flüssigkeit und Nährstoffen angewiesen ist – mit ungünstigen Schwangerschaftsausgängen, einschließlich Totgeburten, in Verbindung stehen. Die Messung des Plazentavolumens ist ein wichtiger Schritt, um Schwangerschaften mit einer solchen Anomalie zu erkennen: einer Plazenta, die im Verhältnis zur Größe des Fötus unverhältnismäßig klein ist. Eine Überwachung der Plazenta ist jedoch selten, unter anderem weil die unregelmäßige Geometrie des Organs – oft mit einer eng anliegenden Mütze verglichen – die Messung erschwert. Die „Virtual Organ Computer-aided Analysis“ (VOCAL), das derzeitige Verfahren zur Volumenmessung mittels Ultraschall, erfordert hochentwickelte Geräte, geschultes Personal und Zeit für die Durchführung eines dreidimensionalen Ultraschalls. Einfache 2D-Methode als Alternative zum Goldstandard Nun weist jedoch eine im „Journal of Perinatal Medicine“ veröffentlichte Studie auf eine vielversprechende und praxistaugliche Alternative zu VOCAL hin: das geschätzte Plazentavolumen (Estimated Placental Volume, EPV). Dabei handelt es sich um ein kostengünstiges und schnelles Verfahren, das mit herkömmlichen zweidimensionalen Ultraschallgeräten durchgeführt werden kann. Wie die Studie zeigt, liefert diese Methode Schätzwerte für das Plazentavolumen, die nahezu identisch mit den Ergebnissen von VOCAL sind. „Diese Studie hat gezeigt, dass die einfache, an der Yale-Universität entwickelte 2D-EPV-Methode der VOCAL-Methode – dem zwar bewährten Goldstandard, der jedoch teuer und komplex ist – ebenbürtig ist. Dies könnte eine frühere Beurteilung der Plazentagröße während der Schwangerschaft ermöglichen“, erklärt Kliman, Forscher am Fachbereich für Geburtshilfe, Gynäkologie und Reproduktionsmedizin der Yale School of Medicine (YSM). Kliman hofft, dass die Ergebnisse zu einer weiteren klinischen Erforschung der Plazentaüberwachung anregen werden – ein Ziel, das er und sein verstorbener Vater, der Mathematiker Merwin Kliman, bereits vor über einem Jahrzehnt bei der gemeinsamen Entwicklung des EPV-Verfahrens verfolgt hatten. Für die Methode ist lediglich ein kostengünstiges, tragbares Ultraschallgerät erforderlich. Mit minimaler Schulung können medizinische Fachkräfte das Gerät nutzen, um Breite, Höhe und Dicke der Plazenta zu messen – Werte, die sie in eine von Merwin Kliman entwickelte Formel zur Volumenabschätzung eingeben können, um das geschätzte Plazentavolumen zu ermitteln. Die Untersuchung dauert nur dreißig Sekunden. Nahezu identische Ergebnisse wie mit 3D-Ultraschall Im Rahmen dieser Studie führten Kliman und der leitende Autor Roberto Romero – Leiter der Abteilung für Schwangerschaftsforschung am Eunice Kennedy Shriver National Institute of Child Health and Human Development (USA) – bei 58 Patientinnen mit unkompliziertem Schwangerschaftsverlauf im selben Untersuchungstermin sowohl 2D- als auch 3D-Ultraschalluntersuchungen durch. Zur Berechnung des Plazentavolumens auf Basis der 2D-Ultraschallbilder nutzten sie die EPV-Methode, für die 3D-Aufnahmen hingegen die VOCAL-Methode. Beim Vergleich der mit den jeweiligen Methoden ermittelten Schätzwerte für das Plazentavolumen stellten Kliman und Romero eine nahezu perfekte Korrelation fest. „Geburtshelfer überwachen seit Jahrzehnten das Wachstum des Fötus, doch bislang fehlte es an einer praktikablen Methode, um das Wachstum jenes Organs zu verfolgen, das das fötale Leben ermöglicht. Diese Studie belegt, dass die mittels 2D-Ultraschall ermittelten Schätzwerte für das Plazentavolumen mit den Ergebnissen eines komplexeren 3D-Verfahrens vergleichbar sind“, erklärt Romero. „Wir hoffen, dass dies den Weg für Studien ebnet, mit denen sich klären lässt, ob Anomalien beim Plazentawachstum als Indikator für Risikoschwangerschaften dienen können, noch bevor klinische Komplikationen auftreten.“ Potenzial für die Schwangerschaftsvorsorge Tatsächlich plant Kliman bereits eine weitere Studie. Ziel ist es zu untersuchen, bei welchen Patientinnen – die im Rahmen der Schwangerschaftsvorsorge ohnehin per Ultraschall untersucht wurden – eine EPV-Messung sinnvoll gewesen wäre, um Schwangerschaften mit kleiner Plazenta frühzeitig zu erkennen. O’Neill, die die Organisation „Measure the Placenta“ gegründet hat, um sich für die routinemäßige Messung der Plazenta im Rahmen der Schwangerschaftsvorsorge einzusetzen, hofft ihrerseits, dass die Studie weitere Forschungsarbeiten anstoßen wird. „Wir können mehr für schwangere Patientinnen tun, als dieses entscheidende Organ einfach zu ignorieren“, so O’Neill. (lj/BIERMANN)
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