Neuer Review: Vaping verursacht wahrscheinlich Krebs

Foto: © Yelena Belodedova/stock.adobe.com

Der Konsum nikotinhaltiger E-Zigaretten führt wahrscheinlich zu Lungen- und Mundhöhlenkrebs: So lautet das Fazit der Autoren eines neuen Reviews im Journal „Carcinogenesis“.

Für die Arbeit analysierten die australischen Autoren Ergebnisse aus internationaler Forschung. Die Arbeit entstand in Zusammenarbeit mit Wissenschaftlern der University of Queensland, der Flinders University, der University of Sydney sowie der Universitätskliniken Royal North Shore, Prince Charles und Sunshine Coast.

Das interdisziplinäre Team bestand aus Pharmazeuten, Epidemiologen, Thoraxchirurgen und Forschenden aus dem Bereich Public Health. „Unseres Wissens ist diese Studie der bisher eindeutigste Beleg dafür, dass Dampfer im Vergleich zu Nichtrauchern ein erhöhtes Krebsrisiko haben“, erklärt Prof. Bernard Stewart, Krebsforscher an der University of New South Wales (UNSW).

Die Wissenschaftler konstatieren, dass sich die Forschung zwar lange auf das Vapen als Einstieg ins Rauchen konzentriert hat, während der Frage, ob die Nutzung entsprechender Produkte selbst Krebs auslösen kann, weniger Aufmerksamkeit geschenkt wurde. Laut den Autoren handelt es sich bei ihrer Untersuchung um einen der bisher detailliertesten Versuche, festzustellen, ob Dampfen unabhängig vom Tabakkonsum Krebs verursachen kann. Die Analyse vereine klinische Studien, Tierversuche und Laboruntersuchungen zu den von E-Zigaretten produzierten chemischen Stoffen, erläutern sie.

Für den Review trugen die Forschenden Veröffentlichungen ab 2017 zusammen. Ziel war es, eine qualitative Risikobewertung durchführen zu können. Dabei konzentrierten sie sich auf die Datenlage für den Konsum von elektronischen Zigaretten im Vergleich zu Nichtrauchen. Sie schlossen auch Studien zu Dual-Use aus. Dennoch folge das Review nicht den Vorgaben eines systematischen Reviews, betont das Science Media Center Germany.

„Unter Berücksichtigung aller Ergebnisse – aus klinischen Studien, Tierversuchen und mechanistischen Daten – ist es wahrscheinlich, dass E-Zigaretten Lungen- und Mundhöhlenkrebs verursachen“, fasst Review-Autor Stewart zusammen. Er fügt hinzu, dass die Übereinstimmung der Ergebnisse in den verschiedenen Disziplinen zwar bemerkenswert sei, die genaue Anzahl der darauf zurückzuführenden Krebsfälle jedoch weiterhin unklar bleibe. „Unsere Bewertung ist qualitativ und beinhaltet keine numerische Schätzung des Krebsrisikos oder der Krankheitslast. Das genaue Risiko können wir erst bestimmen, wenn Langzeitstudien vorliegen.“

Noch nicht in IARC-Gefahrengruppen eingeordnet

Potenziell krebserregende Substanzen klassifiziert die International Agency for the Research on Cancer (IARC) in Gefahrengruppen (1, 2a, 2b und 3). Die Einteilung der Gruppen basiert auf der Sicherheit der Evidenz dafür, dass ein Stoff, eine Exposition oder ein Verhalten Krebs verursachen kann. Zigarettenrauchen gehört in die Gruppe 1: Es gibt ausreichende Belege, dass die Exposition Krebs beim Menschen verursacht. Rotes Fleisch gehört zur Gruppe 2a und ist damit „wahrscheinlich krebserregend für den Menschen“. Der Konsum von E-Zigaretten sei bislang von der IARC nicht kategorisiert worden, weil der Nachweis, dass sie beim Menschen Krebs verursachen, bisher nicht ausreichend erbracht worden sei, erklärt das Science Media Center Germany.

Prof. Martin Widschwendter, Professor für Krebsprävention und -Screening am Institut für Biomedizinische Alternsforschung der Universität Innsbruck (Österreich) und Direktor des European Translational Oncology Prevention and Screening (EUTOPS) erläutert dazu: „Eine formale IARC-Bewertung steht noch aus – das IARC hat jedoch die Evaluation elektronischer Nikotinabgabesysteme für 2025 bis 2029 als ‚High Priority‘ eingestuft. Eine Einstufung in Gruppe 1, wie sie für Tabakrauch gilt, erfordert epidemiologische Langzeitdaten, die zeitbedingt noch nicht vorliegen können.“

Laut Prof. Ute Mons, Leiterin der Abteilung Primäre Krebsprävention am Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ), ist zu erwarten, dass die IARC in den kommenden Jahren eine Beurteilung von E-Zigaretten beauftragen wird. „Würde man die im Beitrag dargestellte Evidenz nach der Logik der IARC bewerten, wäre die derzeitige Datenlage am ehesten mit einer Einstufung als ‚möglicherweise karzinogen für den Menschen‘ (Gruppe 2B) vereinbar, da Hinweise auf Tumorentwicklung aus Tierstudien sowie Befunde aus Tier- und Laborstudien vorliegen, die verschiedene krebserzeugende Mechanismen stützen. Für eine höhere Einstufung scheint die Datenlage noch nicht konsistent genug und nicht ausreichend stark.“

Wachsende Bedenken im Bereich der öffentlichen Gesundheit

E-Zigaretten wurden Anfang der 2000er-Jahre erstmals verkauft und in frühen Phasen der Bewerbung als „sicherere“ Alternative zu Tabakzigaretten und als mögliche Hilfe bei der Raucherentwöhnung angepriesen. Inzwischen sind sie jedoch weit verbreitet, insbesondere unter jungen Menschen. In Australien, wo die Produkte im Jahr 2008 auf den Markt kamen, hat die Regierung 2023 neue Gesetze zur Regulierung von E-Zigaretten eingeführt: Einweg-E-Zigaretten und nicht einem therapeutischen Zweck dienende E-Zigaretten sind verboten, während E-Zigaretten für die Raucherentwöhnung nur in Apotheken erhältlich sind. Dort dürfen sie auch nur im Kontext einer Raucherentwöhnung abgegeben werden.

„E-Zigaretten gelten als Einstieg ins Rauchen und damit in Krebs“, bringt es Prof. Freddy Sitas von der UNSW auf den Punkt, der an der Studie beteiligt war. „Inwieweit sie aber selbst Krebs auslösen können, wurde in der Forschung bisher weniger beachtet. Die Beweislage war über verschiedene Forschungsbereiche hinweg bemerkenswert einheitlich“, erklärt der operative Geschäftsführer des International Centre for Future Health Systems an der UNSW. „Sie führte zu einem eindeutigen Ergebnis, auch wenn es noch Jahrzehnte dauern wird, bis Studien am Menschen vorliegen, die das Risiko abschätzen.“

E-Zigaretten eignen sich eher nicht zur Raucherentwöhnung

Während Forschende auf bevölkerungsbasierte Langzeitstudien warten, die zeigen, ob Vaper ein höheres Krebsrisiko haben, müssen sie sich auf verschiedene andere Evidenz stützen. Die Autoren des aktuellen Reviews nennen als Risikofaktoren zahlreiche krebserregende Verbindungen in E-Zigaretten-Aerosolen, darunter flüchtige organische Verbindungen und Metalle, die von den Heizspiralen freigesetzt werden.

Die Wissenschaftler untersuchten verschiedene Arten der Evidenz: Das waren zum einen Biomarker bei Menschen, die auf DNA-Schäden, oxidativen Stress und Gewebeentzündungen durch den E-Zigaretten-Konsum hinweisen. In Experimenten an Mäusen zeigte sich, dass Aerosole aus E-Zigaretten Lungentumore verursachten. In Laborstudien schließlich ließen sich Zellschäden und gestörte biologische Prozesse nachweisen, die mit Krebs in Verbindung stehen.

Die Forschenden machen auf die sich mehrenden Hinweise aufmerksam, laut denen viele Raucher, die auf E-Zigaretten umsteigen, nicht mit dem Rauchen aufhören. „Die meisten, die mithilfe von E-Zigaretten mit dem Rauchen aufhören wollen, geraten in eine Art ‚Dual-Use-Limbo‘ und können keine der beiden Gewohnheiten ablegen“, erklärt Sitas. „Aktuelle epidemiologische Studien aus den USA zeigen, dass Menschen, die sowohl dampfen als auch rauchen, ein vierfach erhöhtes Risiko haben, an Lungenkrebs zu erkranken.“

Geschichte wiederholt sich

Sitas und Stewart ziehen Parallelen zwischen den frühen wissenschaftlichen Erkenntnissen, die Rauchen mit Krankheiten in Verbindung brachten, und den aufkommenden Bedenken hinsichtlich des Vapings. Es habe fast ein Jahrhundert wissenschaftlicher Forschung gebraucht – von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis zum bahnbrechenden Bericht des US Surgeon General im Jahr 1964 –, bis Rauchen offiziell als Ursache von Lungenkrebs anerkannt wurde. In dieser Zeit wurden frühe Warnzeichen oft ignoriert oder übersehen.

„Frühe Berichte brachten Rauchen mit Infektionskrankheiten wie Tuberkulose in Verbindung, gefolgt von Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Schlaganfall und Lungenkrebs“, erklärt Sitas. Seiner Ansicht nach könnte sich dasselbe Muster nun beim Vaping abzeichnen – eine Verzögerung, die nicht noch einmal auftreten sollte. „E-Zigaretten wurden vor etwa 20 Jahren eingeführt. Wir sollten nicht weitere 80 Jahre warten, um zu entscheiden, was zu tun ist.“

Auch Widschwendter ist dieser Ansicht: „Beim Tabak hat es Jahrzehnte gedauert, bis die Epidemiologie die Biologie einholte – diesen Fehler sollten wir bei E-Zigaretten nicht wiederholen.“

Bestehende Evidenz bei Personen, die vorher nie Tabak geraucht haben

Widschwendter erklärt auf Frage nach seiner Einschätzung des Reviews und der Schlussfolgerungen der Autoren: „Die Evidenz muss in zwei Schichten getrennt werden. Was wir noch nicht haben: Direkte epidemiologische Daten zur Krebsinzidenz bei ausschließlichen E-Zigaretten-Nutzern ohne Tabak-Vorexposition existieren praktisch nicht. Das hat strukturelle Gründe: E-Zigaretten sind erst seit etwa 2010 breit verfügbar, Lungenkrebs hat aber eine Latenzzeit von 20 bis 40 Jahren.“ Hinzu kommt laut Widschwendter, dass in den bisher verfügbaren Studien bis zu 97 Prozent der E-Zigaretten-Nutzer auch Tabak geraucht haben. Dies erschwere die Isolierung eines eigenständigen Vaping-Effekts. „Das ist jedoch keine Entwarnung, sondern eine Frage der Zeit“, betont er.

Der österreichische Wissenschaftler fährt fort: „Die mechanistische, epigenetische und präklinische Evidenz ist substanziell. Expositionsbiomarker zeigen bei E-Zigaretten-Nutzern deutlich erhöhte Spiegel bekannter Karzinogene – tabakspezifische Nitrosamine, volatile organische Verbindungen wie Acrylamid und Acrylnitril sowie Schwermetalle aus den Heizelementen, von denen viele bereits als IARC-Gruppe-1-Karzinogene klassifiziert sind. DNA-Schadensbiomarker belegen erhöhte Addukte in oralen Epithelzellen.“ Widschwendter ergänzt: „Unsere eigene Arbeit hat gezeigt, dass E-Zigaretten-Nutzer mit nur sehr geringer Tabak-Vorexposition dieselben epigenetischen Veränderungen aufweisen, die bei Tabakrauchern das Lungenkrebsrisiko bis zu 22 Jahre vor der Diagnose vorhersagen – ein doch alarmierender Befund.“ Eine Studie habe gezeigt, dass im Tiermodell 22,5 Prozent der Mäuse nach inhalativer E-Zigaretten-Exposition Lungenadenokarzinome entwickelten. Und: „Schließlich erfüllen E-Zigaretten-Aerosole alle zehn ‚Key Characteristics of Carcinogens‘ des IARC.“

„Aus meiner persönlichen Sicht ist zudem ein grundlegendes Prinzip relevant: Alle Substanzen, die zu erhöhtem Zelltod führen – durch Zytotoxizität, Entzündung, oxidativen Stress oder andere Mechanismen –, erhöhen den Regenerationsdruck auf Stammzellen und damit sehr wahrscheinlich das Krebsrisiko, unabhängig von spezifischen Karzinogen-DNA-Addukten.“

Zur Einordnung der aktuellen Publikation ist laut Mons wichtig zu berücksichtigen, „dass die Autorengruppe das karzinogene Potenzial von E-Zigaretten an sich beurteilt hat und nicht im Vergleich zu herkömmlichen Zigaretten. Da die Menge und Konzentration krebserzeugender Substanzen im Aerosol von E-Zigaretten in der Regel deutlich geringer ist als im Rauch herkömmlicher Tabakzigaretten, ist davon auszugehen, dass auch das karzinogene Potenzial von E-Zigaretten geringer ist als das von Tabakzigaretten. Dies bedeutet jedoch nicht, dass E-Zigaretten als unbedenklich einzustufen sind.“