Neues Cannabisextrakt zeigt Wirkung bei chronischen Rückenschmerzen14. Oktober 2025 Symbolfoto: ©amedeoemaja/stock.adobe.com Eine aktuelle Phase-III-Studie zeigt für das Vollspektrum-Cannabisextrakt VER-01 erstmals eine über den Placeboeffekt hinausgehende Schmerzreduktion bei chronischem Rückenschmerz. Fachleute begrüßen die Studie, äußern sich in ihrer Bewertung aber noch zurückhaltend. Im Zusammenhang mit dem neuartigen Vollspektrum-Cannabisextrakt VER-01 sprach die Deutsche Gesellschaft für Schmerzmedizin (DGS) bereits im März dieses Jahres von einem „Durchbruch in der Behandlung von Schmerzpatienten“. Wird der Cannabisextrakt des deutschen Herstellers Vertanical diesem Urteil gerecht? Die Ergebnisse der nun in „Nature Medicine“ veröffentlichten Phase-III-Studie deuten an, dass dessen schmerzlindernde Wirkung bei Patienten mit chronischen Rückenschmerzen über den Placeboeffekt hinausgeht. Unabhängige Forschende begrüßen die Durchführung der randomisierten klinischen Doppelblindstudie, zeigen sich hinsichtlich der klinischen Relevanz der Ergebnisse aber noch zurückhaltend. Aufwendiges Studiendesign Die aktuelle Studie wurde von einem Forschungsteam um Erstautor Prof. Matthias Karst, Leiter der Schmerzambulanz an der Medizinischen Hochschule Hannover, durchgeführt. An ihrer Studie nahmen 820 Patienten mit chronischem unspezifischem Kreuzschmerz aus 66 Zentren in Deutschland und Österreich teil. Die Teilnehmer waren im Durchschnitt 52 Jahre alt und etwas mehr als die Hälfte (56 %) war weiblich. Zu Studienbeginn gaben die Probanden im Mittel eine Schmerzintensität von sechs auf einer numerischen Schmerzskala (NRS) von null (kein Schmerz) bis zehn (stärkster vorstellbarer Schmerz) an. Knapp ein Vierteil (23,5 %) litt an schweren Schmerzen (NRS ≥7). Die Studie untergliederte sich in die folgenden Phasen: Phase A umfasste eine doppelblinde zwölfwöchige Behandlungsphase mit VER-01 (n=394) oder einem Placebo (n=426) Phase B entsprach einer sechsmonatigen offenen Verlängerungsphase mit VER-01, an der die Patienten beider Gruppen teilnehmen konnten (n=525; beendet von 342 Teilnehmern) es folgte entweder eine sechsmonatige Fortsetzung der VER-01-Therapie in Phase C (n=155) oder ein randomisiertes Absetzen in Phase D (n=64 mit Placebo; n=52 mit VER-01). Anhaltende Schmerzreduktion mit VER-01 Der primäre Endpunkt der Phase A war eine Veränderung der mittleren NRS für die Schmerzintensität. Nach drei Monaten gaben die Teilnehmenden in der VER-01-Gruppe eine größere Schmerzreduktion an als in der Placebogruppe. Der NRS-Wert sank in der VER-01-Gruppe nach der Behandlung in Phase A um durchschnittlich 1,9 Punkte. In der Placebogruppe waren es 1,4 Punkte. Die mittlere Differenz lag bei -0,6 Punkten. Dieser Effekt war über den gesamten zwölfwöchigen Behandlungszeitraum konstant. In der offenen Verlängerungsphase B konnte mit VER-01 sogar eine Schmerzreduktion um 2,9 NRS-Punkte erreicht werden, welche über den Studienzeitraum der Phase C anhielt. Wirkung auch bei neuropathischer Schmerzkomponente Besonders ausgeprägt war die Wirkung von VER-01 bei Studienteilnehmern mit neuropathischer Schmerzkomponente (PainDETECT >18; 22 %) sowie bei jenen mit schweren Schmerzen. Bei ersteren reduzierte sich der NRS-Wert im Vergleich zu Placebo in Phase A im Mittel um 1,5 Punkte, bei letzteren um 1,0 Punkte. Zusätzlich bewerteten die Forschenden die Veränderung des Gesamtwertes des Neuropathic Pain Symptom Inventory (NPSI) als wichtigen sekundären Endpunkt bei Patienten mit neuropathischer Schmerzkomponente. Dieser sank um 14,4 Punkte im VER-01-Arm verglichen mit 7,2 Punkten unter Placebo. Auch hier war die Verbesserung über den Studienzeitraum konstant. Verbesserung der Schlafqualität Im Vergleich zum Placebo gaben die Probandinnen und Probanden in der VER-01-Gruppe − ebenfalls anhand einer numerischen Skala von null bis zehn − an, dass ihre Schlafqualität besser sei und sie sich körperlich wohler fühlten. Damit einher ging eine verbesserte Lebensqualität sowie ein positiver Eindruck der Gesamtveränderung. Weitere Analysen bestätigten die positive Wirkung des getesteten Cannabisextraktes. So erlebten signifikant mehr Teilnehmer unter VER-01 eine Schmerzreduktion von mindestens 30 Prozent als bei Placebo (54,1 % versus 39,5 %). Ebenso war die Rate der Teilnehmer mit einer Schmerzreduktion von 50 Prozent oder mehr (32,2 % versus 22,8 %) und einer Schmerzreduktion von mindestens zwei Punkten (46,9 % versus 35,6 %) in der VER-01-Gruppe signifikant höher. Darüber hinaus nahmen die Teilnehmer in der VER-01- im Vergleich zur Placebogruppe nur etwa die Hälfte der Notfallmedikamente ein. Zulassung lässt noch auf sich warten Für den Hersteller ist somit klar: Es handelt sich um einen „Meilenstein in der Behandlung chronischer Rückenschmerzen“. Eine Zulassung hat das Produkt bislang allerdings nicht – obwohl VER-01 sich seit gut einem Jahr im dezentralen Zulassungsverfahren des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) befindet. Die reguläre Frist bis zur Zulassung eines Medikaments liegt bei ausreichenden Studiendaten bei maximal 210 Tagen. Äußert die Behörde Bedenken beziehungsweise Nachfragen zu den eingereichten Daten, stoppt die 210-Tage-Frist. Klinisch relevant? Unabhängige Forschende begrüßen, dass mit der Studie ein randomisierter Wirksamkeitsnachweis für ein cannabisbasiertes Arzneimittel angestrebt wird – etwas, womit bislang nur wenige Medizinalcannabisprodukte aufwarten können. Prof. Ulrike Bingel, Leiterin der universitären Schmerzmedizin in Essen, gibt jedoch zu bedenken, dass der beobachtete Effekt im primären Endpunkt entsprechend internationaler Konsensusempfehlungen nicht als klinisch relevant gilt. „Natürlich verbergen sich hinter solchen geringen Unterschieden im Mittelwertvergleich auch Patienten, die individuell deutlich stärkere Verbesserungen unter dem Prüfpräparat erleben“, betont die Neurologin. „Hier werden Subgruppenanalysen interessant, denn erste Signale aus der Studie weisen bereits darauf hin, dass Patienten mit einer größeren neuropathischen Schmerzkomponente gegebenenfalls besser von der Substanz profitieren. Das müsste aber in zusätzlichen prospektiven Studien validiert werden.“ Etwas anders sieht das Prof. Andrea Hohmann, Leiterin des Pain and Addiction Lab an der Indiana University Bloomington (USA). Sie erachtet die Beobachtungen mit Blick auf den großen Teil der Weltbevölkerung, der unter chronischen Rückenschmerzen leidet, ohne dass eine angemessene Linderung erreicht wird, durchaus als klinisch relevant. Einfluss von Schlafqualität und Erwartungseffekten Ferner hebt Hohmann die beobachtete Verbesserung der Schlafqualität als „besonders bemerkenswert“ hervor. Diese macht sie für die Wirksamkeit der Schmerzlinderung sowie die bessere Wahrnehmung der Lebensqualität mitverantwortlich. Bingels Ansicht nach verdeutlicht die Studie den starken Einfluss von Erwartungseffekten auf die Wirksamkeit von pharmakologischen Therapien. Schließlich war die Schmerzlinderung im offenen Teil der Studie deutlich stärker ausgeprägt als im randomisierten Teil der Phase A. Hierin kann allerdings auch ein Vorteil für die Patienten liegen. „In der Medikamentenentwicklung sollte das Zusammenspiel aus diesen Effekten eine viel größere Bedeutung finden, da sich der Benefit für Patientinnen und Patienten in der klinischen Routine immer aus diesen beiden Komponenten zusammensetzt“, meint Bingel. In der aktuellen Studie sei aber doch kritisch zu betrachten, dass beispielsweise Vorerfahrungen mit Cannabispräparaten und auch eine suffiziente Verblindung nicht systematisch erfasst wurden. Erwartbare aber relevante Nebenwirkungen Die beiden Expertinnen geben auch eine Einschätzung zu den unerwünschten Wirkungen von VER-01. Diese fielen zwar klinisch relevant, aber den Erwartungen eines Vollspektrum-Cannabisextraktes entsprechend aus. „Wichtig ist, dass das Studiendesign eine Dosistitration vorsah, bei der die meisten unerwünschten Ereignisse beobachtet wurden und die Dosen individuell angepasst werden konnten. Ich glaube, dass dies dazu beigetragen hat, die Nebenwirkungen zu begrenzen und die Verträglichkeit von VER-01 zu verbessern“, meint Hohmann. Mit 17,3 Prozent hat dennoch fast jeder Fünfte die Therapie mit der Prüfsubstanz aufgrund von Nebenwirkungen abgebrochen, im Vergleich zu nur 3,5 Prozent in der Placebogruppe, gibt Bingel zu bedenken. Solide Ergebnisse, aber kein Paradigmenwechsel Die Studienautoren selbst sehen in ihren Studienergebnissen solide Belege für die Wirksamkeit und Sicherheit von VER-01 bei der Behandlung von chronischen Kreuzschmerzen. Ihnen zufolge könnte VER-01 eine wichtige Rolle in der modernen Schmerztherapie spielen. Auch nach Ansicht von Bingel ist die Studie ein Schritt in die richtige Richtung. „Einen Paradigmenwechsel in der Behandlung von chronischen Rückenschmerzen leitet sie aus meiner Sicht aber nicht ein“, resümiert die Essener Spezialistin. (ah/BIERMANN)
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