Neurodivergenz und Typ-2-Diabetes: Höheres Erkrankungsrisiko in jungen Jahren?15. Oktober 2026 Bild: Mahmuda/stock.adobe.com Menschen mit Neurodivergenz, insbesondere Autismus und ADHS, erhalten möglicherweise häufiger bereits in jüngeren Jahren die Diagnose Typ-2-Diabetes. Besonders hoch ist der Anteil neurodivergenter Menschen unter denjenigen, bei denen Typ-2-Diabetes vor dem 20. Lebensjahr diagnostiziert wird. Darauf weist eine Analyse von Patientendaten hin, die auf der Jahrestagung der European Association for the Study of Diabetes (EASD) in Mailand (Italien) vorgestellt wurde. Bedürfnisse neurodivergenter Menschen stärker berücksichtigen Die Prävalenz von ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung) und Autismus bei unter 20-Jährigen liegt bei bis zu 14 bzw. fünf Prozent. Das zeige, wie wichtig es ist, die Bedürfnisse neurodivergenter Menschen bei der Planung medizinischer Versorgungsangebote und Unterstützungsleistungen für Personen mit früh auftretendem Typ-2-Diabetes (T2D) zu berücksichtigen, betonen die Studienautoren. „Neurodivergente Menschen und Personen mit früh auftretendem Typ-2-Diabetes stehen bei der Orientierung in einer oft hektischen medizinischen Versorgungsumgebung, bei der Kommunikation mit medizinischem Fachpersonal und beim Umgang mit ihrem Diabetes wahrscheinlich vor besonderen Herausforderungen“, erklärt der Erstautor Dr. Jonathan Goldney vom Diabetes Research Centre der University of Leicester und dem NIHR Biomedical Research Centre in Leicester (Großbritannien). Bislang würden die Gesundheitssysteme den Bedürfnissen von Menschen, die sowohl mit früh auftretendem T2D als auch mit Neurodivergenz leben, jedoch nicht gerecht. Dabei stünden beide Faktoren mit ungünstigeren gesundheitlichen Verläufen in Zusammenhang, so Goldney. Früh auftretender Typ-2-Diabetes als besondere Herausforderung Die Häufigkeit von früh auftretendem T2D, definiert als Diagnose vor dem 40. Lebensjahr, nimmt zu. Schwierigkeiten beim Zugang zur medizinischen Versorgung und die Belastung durch das Diabetesmanagement können durch Stigmatisierung und die vielfältigen Anforderungen im frühen Erwachsenenalter zusätzlich verstärkt werden. Eine Diabetesdiagnose in jüngeren Jahren bedeutet außerdem, dass Betroffene länger mit der Erkrankung leben. Dadurch steigt das Risiko für schwerwiegende Folgeerkrankungen und einen vorzeitigen Tod. Um diese wachsende und bislang unzureichend versorgte Bevölkerungsgruppe besser zu verstehen, untersuchten die Forschenden die Prävalenz von Neurodivergenz – darunter ADHS, Autismus, Dyslexie und Dyspraxie – bei 4,2 Millionen Menschen, bei denen zwischen März 2006 und März 2026 erstmals T2D diagnostiziert worden war. Die Daten stammten aus dem US-amerikanischen Forschungsnetzwerk TriNetX. Die Betroffenen wurden entsprechend ihrem Alter bei der Diagnose in Gruppen mit einer Altersspanne von jeweils zehn Jahren eingeteilt. Jede Altersgruppe wurde anschließend hinsichtlich Alter, Geburtsjahr, Geschlecht, ethnischer Zugehörigkeit und Abstammung mit Menschen ohne T2D verglichen. So sollten demografische Unterschiede zwischen Personen mit und ohne Diabetes berücksichtigt werden. Insgesamt umfasste die Analyse 3,4 Millionen gematchte Probandenpaare unter 80 Jahren. ADHS und Autismus bei jüngeren Betroffenen besonders häufig Insgesamt war die Prävalenz von Neurodivergenz sowohl bei Menschen mit als auch bei Menschen ohne T2D in jüngeren Altersgruppen am höchsten und nahm mit steigendem Alter rasch ab. Ab einem Alter von über 40 Jahren war sie äußerst niedrig. ADHS und Autismus waren jedoch durchgehend bei Menschen mit T2D häufiger als bei Menschen ohne Diabetes. Die größten Unterschiede zeigten sich in den jüngeren Altersgruppen. So war ADHS bei Menschen, bei denen T2D vor dem 20. Lebensjahr diagnostiziert worden war, mehr als doppelt so häufig wie bei gleichaltrigen Personen ohne Diabetes (14,4% vs. 6,9%). Bei Menschen, die ihre T2D-Diagnose im Alter von 70 bis 79 Jahren erhielten, war ADHS noch etwa 1,4-mal so häufig (0,25% vs. 0,18%). Ähnlich verhielt es sich bei Autismus: Bei Menschen mit einer T2D-Diagnose vor dem 20. Lebensjahr war Autismus mehr als dreimal so häufig wie bei Personen ohne Diabetes (5,72% vs. 1,79%). Bei den 70- bis 79-Jährigen war die Prävalenz in der Gruppe mit T2D noch 1,24-mal so hoch. Allerdings war Autismus in dieser Altersgruppe sowohl bei Menschen mit als auch bei Menschen ohne T2D äußerst selten – in beiden Gruppen lag die Prävalenz bei weniger als 0,01 Prozent. Auch Dyslexie und Dyspraxie waren bei jüngeren Menschen häufiger. Insgesamt hatten Menschen mit T2D etwa doppelt so häufig eine Dyslexie wie Menschen ohne Diabetes. Dabei zeigte sich jedoch kein eindeutiges Muster in Abhängigkeit vom Alter. Mögliche Ursachen des Zusammenhangs Die Autor vermuten, dass verschiedene Faktoren zum Zusammenhang zwischen neurodivergenten Ausprägungen und T2D beitragen könnten. Dazu zählen ein geringeres Maß an körperlicher Aktivität, Schlafprobleme, die Einnahme von Medikamenten, psychische Erkrankungen und Hindernisse beim Zugang zur Gesundheitsversorgung. Beispielsweise ist selektives Essverhalten (“Picky Eating”) ist bei Kindern mit ADHS oder Autismus oftmals deutlich ausgeprägter und kann bis ins Erwachsenenalter anhalten. Auch Faktoren, die bereits früher im Leben wirken, könnten eine Rolle spielen. Beispielsweise beeinflusst ein mütterlicher Diabetes bei Kindern die neurologische Entwicklung und geht mit einem später erhöhten kardiometabolischen Risiko einher. „Unsere Ergebnisse bedeuten keineswegs, dass die meisten Menschen mit einer neurodivergenten Ausprägung im Laufe ihres Lebens Typ-2-Diabetes entwickeln werden“, betont Goldney. „Die höhere Prävalenz von Neurodivergenz bei Menschen, bei denen Typ-2-Diabetes bereits in jüngeren Jahren diagnostiziert wird, sollte jedoch bei der Planung von Versorgungsangeboten für diese Patientengruppe berücksichtigt werden. Wenn die Neurodiversität der Betroffenen einbezogen wird, lassen sich möglicherweise Hindernisse beim Zugang zur Gesundheitsversorgung und bei der Inanspruchnahme medizinischer Leistungen verringern.“ Begrenzte Aussagekraft durch Studiendesign Da es sich bei der aktuellen Studie um eine Beobachtungsstudie handelt, unterliegt sie mehreren Limitationen, die ihre Aussagekraft begrenzen. So wäre es umgekehrt ebenso denkbar, dass neurodivergente Menschen häufiger medizinische Hilfe in Anspruch nehmen und dadurch ein Typ-2-Diabetes früher erkannt wird. Zudem wurden ausschließlich Personen berücksichtigt, die in einem Krankenhaus behandelt worden waren. Die untersuchte Gruppe ist daher möglicherweise nicht repräsentativ für die Gesamtbevölkerung und gerade gesündere Menschen könnten in der Analyse unterrepräsentiert sein. Dies könnte insbesondere die Schätzungen zur Prävalenz bei jüngeren Menschen ohne T2D beeinflusst haben. (mkl/BIERMANN) Das könnte Sie außerdem interessieren: Picky Eating bei Autismus: Schmetterling-Programm bessert das Essverhalten Neue EASD-Leitlinie rückt emotionale Belastung durch Diabetes in den Fokus
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