Neue EASD-Leitlinie rückt emotionale Belastung durch Diabetes in den Fokus21. September 2026 Bild: KI-generiert mit Gemini Die European Association for the Study of Diabetes (EASD) hat ihre erste evidenzbasierte klinische Leitlinie zu „Diabetes Distress“ veröffentlicht. Sie gibt Empfehlungen zur Erfassung und Behandlung der emotionalen Belastung von Menschen mit Typ-1- und Typ-2-Diabetes. Die Leitlinie erkennt offiziell an, dass die Unterstützung von Menschen mit der emotionalen Belastung durch Diabetes (Diabetes Distress) ein wesentlicher Bestandteil der klinischen Versorgung ist. Mit ihrer Veröffentlichung in „Diabetologia“, der offiziellen Fachzeitschrift der EASD, reagiert die Fachgesellschaft somit auf einen dringenden und bislang unzureichend adressierten Bedarf. Gleichzeitig schafft sie einen Referenzrahmen für zukünftige EASD-Leitlinien. Die neuen Empfehlungen umfassen neben acht Good-Practice-Statements für die routinemäßige Erfassung von Diabetes Distress auch evidenzbasierte Empfehlungen zu dessen Behandlung. Ein Meilenstein in der Diabetesversorgung Die Veröffentlichung dieser Leitlinie markiert einen Wendepunkt im Umgang mit den emotionalen Herausforderungen, die das Leben mit Diabetes mit sich bringen kann. Zwar haben erhebliche Fortschritte bei Therapie und Technologie die Versorgung grundlegend verändert. Dennoch sind viele Menschen durch die Bewältigung der kontinuierlichen Anforderungen der Erkrankung weiterhin einer großen emotionalen und psychischen Belastung ausgesetzt. Prof. Jane Speight ist Direktorin des Australian Centre for Behavioural Research in Diabetes und Co-Vorsitzende des Gremiums zur Leitlinienentwicklung. Sie erklärt: „Wir hoffen, dass diese Leitlinie medizinische Fachkräfte davon überzeugt, wie wichtig es ist, die emotionale Belastung durch das Leben mit Diabetes routinemäßig zu erfassen und gezielt zu adressieren.“ Emotionale Belastung konsequent erfassen Die Erfassung des Diabetes Distress soll durch Good-Practice-Empfehlungen ermöglicht werden. Demnach sollten medizinische Fachkräfte bei jeder Konsultation die emotionale Seite des Diabetes ansprechen – als integralen Bestandteil einer patientenzentrierten Diabetesversorgung. Dazu gehöre, mit offenen Fragen nach einer möglichen diabetesbezogenen Belastung zu fragen und diese mithilfe validierter und zuverlässiger Instrumente zu erfassen. Eine regelmäßige Kontrolle wird mindestens einmal jährlich im Rahmen des jährlichen Versorgungzyklus empfohlen, darüber hinaus bei einschneidenden Lebensereignissen oder Veränderungen der Therapie. Die Ergebnisse sollten in der Patientenakte dokumentiert und offen mit der betroffenen Person besprochen werden. Wird eine relevante Belastung festgestellt, sollten Fachkräfte gemeinsam mit der betroffenen Person die nächsten Schritte planen und eine individuell abgestimmte, patientenzentrierte Unterstützung sicherstellen. Die Umsetzung dieser Empfehlungen setzt allerdings voraus, dass alle an der Versorgung von Menschen mit Diabetes beteiligten Fachkräfte über die notwendigen Kompetenzen verfügen, um Betroffene psychologisch zu unterstützen. Gleichzeitig müssen sie wissen, wann eine spezialisierte Behandlung hinzugezogen werden sollte. Langfristig sollten diese Aspekte somit in die Ausbildung von Fach- und Pflegekräften integriert werden. Evidenzbasierte Behandlungsempfehlungen Hinsichtlich der Behandlung sprechen die evidenzbasierten Empfehlungen für den Einsatz psychologischer und psychoedukativer Interventionen, um Diabetes Distress zu reduzieren. Die konkreten Empfehlungen unterscheiden sich dabei je nach Diabetesform und Art der Intervention. Für Erwachsene mit Typ-1-Diabetes wird zur Reduktion von Diabetes Distress der Einsatz einer kontinuierlichen Glukosemessung (CGM) und einer automatisierten Insulinabgabe gegenüber anderen Verfahren der Glukosemessung beziehungsweise Insulinversorgung empfohlen. Für Erwachsene mit Typ-2-Diabetes gibt es dagegen keine ausreichenden Belege dafür, dass moderne Technologien Diabetes Distress reduzieren. Trotz bestehender Forschungslücken unterstreicht die Leitlinie den Stellenwert strukturierter Unterstützungsangebote – von psychotherapeutischen Verfahren über den Austausch mit anderen Betroffenen bis hin zu technologiegestützten Interventionen –, um die emotionale Belastung durch das Leben mit Diabetes zu verringern. Psyche und Körper als Einheit denken „Medizinische Fachkräfte verwechseln Diabetes Distress manchmal mit einer Depression“, erklärt Michelle Law, die selbst mit Typ-1-Diabetes lebt und Honorarprofessorin an der University of Exeter (Großbritannien) ist. Doch es handele sich um etwas anderes: „Diese Gefühle stehen in direktem Zusammenhang mit dem Umgang mit einer Erkrankung, die uns niemals eine Pause gönnt und die wir die meiste Zeit allein bewältigen müssen. Wir brauchen einen Wandel in der Art und Weise, wie medizinische Fachkräfte Menschen mit Diabetes begegnen.“ Law betont, dass die psychische und körperliche Gesundheit keine voneinander getrennten Bereiche seien und sich unmittelbar gegenseitig beeinflussen. Dem stimmt auch EASD-Präsident Prof. Francesco Giorgino von der University of Bari Aldo Moro (Italien) zu. Trotz enormer medizinscher und technologischer Fortschritte habe die emotionale Belastung durch Diabetes bei vielen Menschen sogar zugenommen. „Diese Leitlinie trägt dieser Realität Rechnung und erinnert uns daran, dass eine gute Diabetesversorgung sowohl die Glukosewerte als auch die tatsächlichen Erfahrungen und Herausforderungen im Umgang mit der Erkrankung berücksichtigen muss“, ergänzt Giorgino. Entwicklung, Umsetzung und Verbreitung Die Leitlinie wurde nach international anerkannten Standards entwickelt, darunter die GRADE-Methodik und das RIGHT-Reporting-Statement. Sie entspricht damit den Standard Operating Procedures der EASD für die Entwicklung klinischer Leitlinien. Betroffene mit Typ-1- und Typ-2-Diabetes waren von Beginn an als aktive Mitglieder in das Gremium zur Leitlinienentwicklung eingebunden. Sie wirkten an der Formulierung der klinischen Fragestellungen, der Interpretation der Evidenz und der Entwicklung der Empfehlungen mit. Dadurch ist sichergestellt, dass die Leitlinie eng an den tatsächlichen Bedürfnissen und Prioritäten von Erwachsenen mit Diabetes ausgerichtet ist. Eine erfolgreiche Umsetzung der Leitlinie erfordere entsprechende Schulungen, Unterstützung auf Ebene der Versorgungssysteme und eine Integration der Empfehlungen in die routinemäßige klinische Versorgung, so das Statement der EASD. Die Fachgesellschaft unterstützt die Verbreitung der Leitlinie unter anderem durch die Veröffentlichung im Open Access sowie durch eine allgemeinverständliche Zusammenfassung, die sich an Menschen mit Diabetes und die breite Öffentlichkeit richtet. Darüber hinaus bekräftigt die EASD ihr Engagement für die Entwicklung und Veröffentlichung weiterer klinischer Leitlinien. Zwei weitere Leitlinien befinden sich bereits in der Entwicklung. Damit soll die Evidenzbasis für eine patientenzentrierte Diabetesversorgung kontinuierlich erweitert und gestärkt werden. (mkl/BIERMANN) Das könnte Sie auch interessieren: Schränkt eine besonders strikte Blutzuckerkontrolle die Lebensqualität ein? So bereiten sich Menschen mit Diabetes auf ihren Krankenhausaufenthalt vor
Mehr erfahren zu: "Hinweise auf erhöhtes Regurgitations- und Aspirationsrisiko bei perioperativer Anwendung von GLP-1-Rezeptoragonisten" Hinweise auf erhöhtes Regurgitations- und Aspirationsrisiko bei perioperativer Anwendung von GLP-1-Rezeptoragonisten GLP-1-Rezeptoragonisten werden zunehmend zur Behandlung von Diabetes oder zur Gewichtsreduktion eingesetzt. Die Ergebnisse einer Studie aus Großbritannien deuten nun an, dass die Anwendung dieser Medikamente das Risiko für eine Regurgitation […]
Mehr erfahren zu: "Diabetes: Schränkt eine besonders strikte Blutzuckerkontrolle die Lebensqualität ein?" Diabetes: Schränkt eine besonders strikte Blutzuckerkontrolle die Lebensqualität ein? Bei Menschen mit Diabetes scheint eine stärkere Glukosevariabilität innerhalb sicherer Grenzen mit einer höheren Lebensqualität am Folgetag verbunden zu sein. Die Ergebnisse der PRO-MENTAL-Studie werfen damit die Frage auf, ob […]
Mehr erfahren zu: "Paul Ehrlich-Preis für Erkenntnisse zu Autoimmunerkrankungen" Paul Ehrlich-Preis für Erkenntnisse zu Autoimmunerkrankungen Der australische Immunologe Prof. Christopher Goodnow erhält den Paul Ehrlich- und Ludwig Darmstaedter-Preis 2027.