Diabetes: Schränkt eine besonders strikte Blutzuckerkontrolle die Lebensqualität ein?18. September 2026 Bild: KI-generiert mit Gemini Bei Menschen mit Diabetes scheint eine stärkere Glukosevariabilität innerhalb sicherer Grenzen mit einer höheren Lebensqualität am Folgetag verbunden zu sein. Die Ergebnisse der PRO-MENTAL-Studie werfen damit die Frage auf, ob eine besonders strikte Blutzuckerkontrolle für manche Betroffene im Alltag belastend sein könnte. Eine strikte Blutzuckerkontrolle gilt als wichtiges Therapieziel bei Diabetes. Neue Daten deuten jedoch darauf hin, dass eine stärkere Glukosevariabilität innerhalb sicherer Grenzen nicht zwangsläufig mit einer schlechteren Lebensqualität einhergeht. Im Gegenteil: Auf Tage mit stärker schwankenden Glukosewerten folgte bei Betroffenen eine höhere selbstberichtete Lebensqualität. Die entsprechenden Forschungsergebnisse werden beim Jahreskongress der European Association for the Study of Diabetes (EASD) vom 28. September bis 2. Oktober in Mailand (Italien) vorgestellt. Durchgeführt wurde die Studie von Prof. Dominic Ehrmann und seinen Kolleg:innen am Forschungsinstitut Diabetes-Akademie Bad Mergentheim (FIDAM). Lebensqualität im Alltag Die Erhaltung und Verbesserung der Lebensqualität ist ein zentrales Therapieziel bei Menschen mit Diabetes. Um den Einfluss alltäglicher Faktoren besser zu verstehen, analysierte das Forschungsteam, inwieweit aus der kontinuierlichen Glukosemessung (CGM) abgeleitete Parameter mit der täglichen Lebensqualität zusammenhängen. Sowohl Menschen mit Typ-1- als auch Typ-2-Diabetes wurden untersucht. Grundlage war die vom Deutschen Zentrum für Diabetesforschung (DZD) geförderte PRO-MENTAL-Studie. Darin wurde die Lebensqualität über einen Zeitraum von 14 aufeinanderfolgenden Tagen täglich mithilfe eines sogenannten Ecological Momentary Assessment (EMA) erfasst. Zum Einsatz kam dabei der WHO-5-Fragebogen. Die Teilnehmenden wurden hierbei gefragt, ob sie sich am jeweiligen Tag fröhlich und guter Stimmung, ruhig und entspannt sowie aktiv und energiegeladen fühlten. Zudem wurde erfasst, ob sie sich beim Aufwachen frisch und ausgeruht fühlten und ob ihr Alltag von Dingen geprägt war, die sie interessierten. Zusätzlich machten die Teilnehmenden tägliche Angaben zur Schlafqualität sowie zu wahrgenommenem Stress, Stimmung und Energie. CGM-Daten mit Lebensqualität abgeglichen Für den gleichen 14-Tage-Zeitraum werteten die Forschenden die zugehörigen CGM-Daten aus. Berücksichtigt wurden dabei die Zeit mit Glukosewerten unterhalb des sicheren Bereichs (Time Below Range, TBR; <70 mg/dl), die Zeit oberhalb des sicheren Bereichs (Time Above Range, TAR; >180 mg/dl), die Zeit im Normbereich (Time in Normal Glycemia, TING; 70–140 mg/dl) sowie die Glukosevariabilität. Mithilfe statistischer Modelle untersuchte das Team, ob die Glukoseparameter sowie Schlafqualität, Stress, Stimmung und Energie des Vortages die Lebensqualität am Folgetag vorhersagen konnten. Zusätzlich analysierten sie, wie stark die Faktoren desselben Tages mit der Lebensqualität zusammenhingen. Alter, Geschlecht und Diabetes-Typ wurden dabei in allen Modellen berücksichtigt, ebenso wie die Lebensqualität des Vortages, um auszuschließen, dass diese die Ergebnisse maßgeblich beeinflusst. Mehr Zeit im Normbereich, höhere Lebensqualität am Folgetag Insgesamt werteten die Forschenden Daten von 400 Menschen mit Diabetes aus. Von diesen hatten 72 Prozent einen Typ-1- und 28 Prozent einen Typ-2-Diabetes. 55 Prozent der Teilnehmenden waren Frauen. Das mittlere Alter lag bei 47 Jahren, der mittlere HbA1c-Wert bei 7,6 Prozent. Die Ergebnisse zeigen: Eine höhere Glukosevariabilität und ein größerer Anteil der Zeit im Normbereich am Vortag waren signifikant mit einer höheren Lebensqualität am Folgetag verbunden. Für die Zeit oberhalb beziehungsweise unterhalb des sicheren Glukosebereichs ließ sich dagegen kein statistisch signifikanter Zusammenhang mit der Lebensqualität am Folgetag feststellen. Auch eine bessere Schlafqualität in der vorausgegangenen Nacht sowie ein höheres subjektives Energielevel am Vortag gingen mit einer besseren Lebensqualität am Folgetag einher. Für die Glukoseparameter desselben Tages zeigte sich hingegen kein Zusammenhang mit der am gleichen Tag angegebenen Lebensqualität. Zu strikte Kontrolle könnte belastend sein Die Forschenden betonen, dass eine größere Zeit im sicheren Normbereich mit einer besseren Lebensqualität am Folgetag verbunden war. Dies unterstreiche die Bedeutung einer guten Blutzuckereinstellung für das Wohlbefinden von Menschen mit Typ-1- und Typ-2-Diabetes. Gleichzeitig sei der Zusammenhang zwischen höherer Glukosevariabilität und einer besseren Lebensqualität am Folgetag überraschend. Nach Einschätzung des Teams könnte dies darauf hindeuten, dass der Versuch, Glukoseschwankungen besonders strikt zu vermeiden, für manche Betroffene mit Einschränkungen und einer zusätzlichen Belastung im Alltag verbunden ist. Manche Menschen mit Diabetes könnten sich daher bei einer besonders strengen Kontrolle ihrer Glukosewerte weniger in der Lage sehen, bestimmte Aktivitäten sicher auszuüben. (mkl/BIERMANN)
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