Picky Eating bei Autismus: Schmetterling-Programm bessert das Essverhalten11. Juni 2026 Wählerisches Essverhalten bei Kindern mit Autismus-Spektrum-Störung kann den Familienalltag enorm belasten. (Foto: © Halfpoint – stock.adobe.com) Selektives Essverhalten ist eine Herausforderung, die den meisten Eltern vertraut ist. Bei Kindern mit Autismus-Spektrum-Störung (ASS) kann das Picky Eating jedoch so ausgeprägt sein, dass es schon in jungen Jahren zu schweren Nährstoffmängeln führt. Eine Doktorandin der Constructor University in Bremen hat nun einen neuen Ansatz zur Behandlung entwickelt. Die Etablierung dauerhafter und gesunder Ernährungsgewohnheiten ist für viele Familien mit autistischen Kindern eine erhebliche Hürde. Die Verweigerung von Nahrung und ein stark eingeschränkter Speiseplan führen in entscheidenden Entwicklungsphasen des Kindes oft zu Mangelerscheinungen und sorgen für einen dauerhaft hohen Stresspegel sowie Konflikte im Zuhause. Das von Sofya Bajaa, Doktorandin an der Constructor University, entwickelte „Schmetterling Nutritional Behavior Intervention (NBI)“-Programm bietet Eltern und Pflegekräften, die mit extrem selektivem Essverhalten kämpfen, nun einen vielversprechenden Hoffnungsschimmer. Die Erprobung des Programms in drei Familien mit autistischen Kindern und schwerwiegenden Ess-Störungen belegt die Wirksamkeit der kreativen und flexiblen Therapiemethode. Die für die Studie ausgewählten Kinder im Alter von zwei bis sechs Jahren ernährten sich zu Beginn fast ausschließlich von verarbeiteten Lebensmitteln wie Chips und Süßigkeiten, während sie Obst und Gemüse systematisch verweigerten. Mit Bewegung und Motivationsvideos zu mehr Vielfalt auf dem Teller Das zehnwöchige Programm umfasste 28 Sitzungen und basiert auf einem Co-Therapeuten-Modell. Durch die gezielte Schulung der Eltern parallel zu den professionellen Therapeuten wurde sichergestellt, dass Verhaltenstechniken wie positive Bestärkung und die schrittweise Heranführung an neue Lebensmittel nahtlos vom therapeutischen Umfeld in den Alltag zu Hause übertragen werden konnten. Zudem integrierte das Programm innovative sensorische und körperliche Strategien. Dazu gehörten Bewegungseinheiten vor den Mahlzeiten sowie Motivationsvideos mit essenden Tierbabys, um die Abneigung der Kinder gegen neue Texturen und Geschmacksrichtungen zu senken. „Indem wir Eltern dazu befähigen, als Co-Therapeuten zu agieren, schaffen wir einen zugänglicheren und nachhaltigeren Weg für Familien“, erklärt Bajaa. „Diese Forschung beweist, dass wir die Lebensqualität von Kindern mit Autismus durch den richtigen neurophysiologischen und verhaltenstherapeutischen Rahmen erheblich verbessern können.“ Die Studie dokumentierte signifikante quantitative Verbesserungen des Essverhaltens: Signifikanter Anstieg der Lebensmittelakzeptanz: Die Bereitschaft der Kinder, neue Lebensmittel zu probieren, stieg von anfangs 8–15 Prozent auf 76–91 Prozent. Weniger Konflikte bei den Mahlzeiten: Verhaltensauffälligkeiten im Zusammenhang mit dem Essen verringerten sich um 41–67 Prozent. Nachhaltige Entwicklung: Alle drei Teilnehmenden zeigten eine gesunde Gewichtszunahme und hielten ihre Fortschritte auch nach Abschluss des Programms. Geringere Symptomintensität: Bemerkenswerterweise verbesserten sich im Laufe der Intervention auch die Gesamtwerte für die Schwere der Autismus-Symptome. Was passiert bei selektivem Essverhalten im Gehirn? Ein weiterer zentraler Bestandteil der Forschung, die von Prof. Ahmed A. Karim, Prof. Thomas Lang, Prof. Ben Godde, Prof. Martin Hautzinger und Dr. Basel Allozy unterstützt wurde, umfasste neurophysiologische Untersuchungen. Durch die Analyse hirngesteuerter Reaktionen während der Beschäftigung mit Lebensmitteln erlangte das Team ein tieferes Verständnis für die Mechanismen, die das selektive Essverhalten bei Kindern mit ASS antreiben. Diese Erkenntnisse bildeten das Fundament für das umfassendere „Schmetterling-Programm“. Das integrative Modell umfasst neun therapeutische Dimensionen – darunter Hydrotherapie, Reittherapie und Psychodrama –, die als sequenzielles System aufgebaut sind. Jede Phase des Programms baut auf der vorherigen auf, um die Entwicklung des Kindes in einem ganzheitlichen, strukturierten Umfeld zu fördern. Das von Bajaa während ihres Masterstudiums konzipierte Schmetterling-Programm wurde an der Constructor University einer empirischen Überprüfung und wissenschaftlichen Verfeinerung unterzogen. Es bietet damit einen vielversprechenden neuen Standard für die pädiatrische Intervention bei ASS.
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