Nichts los ohne Kinder oder lieber kinderlos?3. Juli 2026 Symbolbild © Afjol/stock.adobe.com Eine eigene Familie zu gründen und Kinder zu bekommen galt lange als selbstverständlich. Für viele Menschen der Gen Z ist das heute nicht mehr der Fall. Immer mehr entscheiden sich bewusst für ein kinderloses Leben – ein Trend, der gesellschaftlich kontrovers diskutiert wird. Die Geburtenrate war im letzten Jahr beinahe auf einem historischen Tiefstand. Denn 2025 wurden in Deutschland nach vorläufigen Angaben rund 654.300 Kinder geboren, was die niedrigste Zahl seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs war. Bereits 2022 waren von 29,7 Millionen Frauen zwischen 20 und 75 Jahren rund 9,5 Millionen kinderlos. Oder ein bisschen greifbarer: Die aktuelle Geburtenzahl liegt in Deutschland bei 1,38 Kindern pro Frau. Entscheidung mit lebenslanger Konsequenz In Großstädten, wie beispielsweise Hamburg, ist im Schnitt jede dritte Frau kinderlos, in anderen Regionen sind es immer noch deutlich über 20 Prozent. Um so aufrechterhalten werden zu können, wie es konzipiert wurde, bräuchte unser Rentensystem 2,1 Kinder pro Frau, doch diese Quote wird schon lange nicht mehr erfüllt. Denn gesellschaftlicher Beitrag hin oder her: Die Entscheidung für oder gegen eigene Kinder ist eine der persönlichsten überhaupt. „Schon die Vorstellung eines glücklichen Lebens ohne Kinder irritiert viele Menschen“, sagt Psychologin Sarah Seidl von der SRH Fernhochschule – The Mobile University. „Dabei gibt es längst nicht mehr den einen richtigen Lebensentwurf. Familie kann vieles bedeuten – mit Kindern oder ohne.” Dabei gäbe es große Unterschiede in der Akzeptanz kinderfreier Lebensentwürfe, erklärt Seidl. Vor allem in jüngeren und urbanen Milieus steige diese deutlich, wobei die Gründe vielfältig seien. „Ökonomische Unsicherheiten spielen ebenso eine Rolle wie die Sorge vor der Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Kann ich für meine Kinder sorgen? Kann ich mir das überhaupt leisten? Dazu kommt ein gesellschaftlicher Wandel, der die Ansprüche an Elternschaft verändert hat. Eltern sehen sich heute einer ganz anderen Erwartungshaltung und höheren Ansprüchen an die eigene Performance als gute Mutter oder als guter Vater ausgesetzt, als das vor Jahren oder gar Jahrzehnten noch der Fall war“, erläutert Seidl weiter. Wagnis Elternschaft Auch aus diesen Gründen setzen sich die Menschen heute anders und intensiver mit dem Kinderwunsch oder der Familienplanung auseinander. Und kommen nicht selten an den Punkt, für sich zu beschließen, das Wagnis Elternschaft eben nicht einzugehen. Und kommunizieren das dann auch offen in ihrem Umfeld. Doch gerade diese Offenheit führt auch zu Konflikten. Denn wer sich gegen Kinder entscheidet, erlebt häufig neugierige oder sogar übergriffige Fragen. Warum willst du keine Kinder? Bereust du das später nicht? Dann bist du ja im Alter ganz allein! Fehlt dir da nicht etwas? Was von diesen und ähnlich gearteten Fragen zu halten ist, macht Seidl deutlich:„Mit solchen Fragen dringen Menschen oft in einen sehr intimen Lebensbereich ein. Es geht um persönliche Werte, Partnerschaft, Gesundheit oder Sexualität. Niemand muss sich dafür rechtfertigen, wie er sein Leben gestaltet.“ Wer sich unwohl fühlt, darf und sollte Grenzen setzen. „Darüber möchte ich nicht sprechen” reicht oft aus. Seidl empfiehlt auch die Aussage: „Für mich haben gerade andere Dinge Priorität.” Das entspricht der Wahrheit und man entgeht einer leidigen Diskussion rund um eine höchst persönliche Entscheidung. Wer seine Entscheidung aber offen kommunizieren wolle, könne dies selbstverständlich ebenfalls tun. Entscheidend ist, dass nur die befragte Person selbst darüber entscheidet, was sie bereit ist, preiszugeben. Oder eben nicht. Warum gewollte Kinderlosigkeit gerade viral geht Dass das Thema derzeit besonders präsent erscheint, hängt auch mit sozialen Medien zusammen. Auf Plattformen wie TikTok oder Instagram haben sich große Communities gebildet, die sich über bewusste Kinderlosigkeit austauschen und gegenseitig bestärken.„Aus medienwissenschaftlicher Sicht ist das hochinteressant”, so Dr. Thomas Bippes, Professor für Medien, Kommunikation und Online Marketing an der SRH Fernhochschule. „Social Media gibt Lebensentwürfen Sichtbarkeit, die im persönlichen Umfeld häufig erklärungsbedürftig sind. Aus individuellen Entscheidungen entstehen digitale Gemeinschaften.“ Allerdings dürfe man die Reichweite einzelner Trends nicht mit einem repräsentativen Bild der Gesellschaft verwechseln. Algorithmen verstärkten Themen, die Aufmerksamkeit erzeugen. Dadurch könne leicht der Eindruck entstehen, eine Haltung sei viel weiter verbreitet, als sie tatsächlich ist. „Social Media zeigt Ausschnitte von Öffentlichkeit”, erklärt Bippes. „Was im eigenen Feed allgegenwärtig wirkt, ist nicht automatisch die Meinung der Mehrheit. Gleichzeitig helfen die Plattformen dabei, gesellschaftliche Veränderungen sichtbar zu machen und Debatten anzustoßen.“ Mehr Akzeptanz für verschiedene Lebensentwürfe Für Seidl steht deshalb weniger die Frage im Mittelpunkt, ob Menschen Kinder bekommen sollten oder nicht. Viel wichtiger sei der gesellschaftliche Umgang mit unterschiedlichen Lebensentwürfen. „Ein erfülltes Leben hat viele Gesichter“, erklärt sie. „Manche Menschen finden ihr Glück in einer Familie mit Kindern, andere in Partnerschaft, Freundschaften, Beruf oder ganz eigenen Projekten. Wenn wir aufhören, das Leben anderer an unseren eigenen Vorstellungen zu messen und andere Lebensentwürfe tolerieren würden, wäre allen schon sehr geholfen.“
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