Nierentransplantationen in COVID-19-Zeiten: Forderung nach Aussetzen der Mindestmengen-Regelung21. April 2020 Dialysepatienten sind einem besonders hohen COVID-19-Risiko ausgesetzt. (Foto: © picsfive/Adobe Stock) Transplantationen von Lebendspender-Nieren sind planbar und finden daher in Zeiten der COVID-19-Pandemie – im Gegensatz zu Transplantationen von Organen, die von verstorbenen Spendern stammen – nicht statt. Dies stellt nicht nur für die betroffenen Patienten eine Belastung dar, sondern auch für die Transplantationszentren: Manche von ihnen werden so in diesem Jahr die vorgeschriebenen Mindestmengen nicht erreichen können. Die derzeit noch gültige Regelung sieht vor, planbare Eingriffe bis auf Weiteres zu verschieben, um Klinikkapazitäten für mögliche COVID-19-Patienten freizuhalten. Das Problem: Nur wenn 25 Nierentransplantationen pro Jahr an den jeweiligen Kliniken durchgeführt werden, ist die Finanzierung der Nierentransplantations-Zentren auch im kommenden Jahr gesichert. „Die meisten Transplantationszentren laufen derzeit auf Sparflamme. Sollte die Mindestmengen-Regelung konsequent durchgesetzt werden, befürchte ich, dass etwa ein Drittel der deutschen Nierentransplantations-Zentren von einer dauerhaften Schließung bedroht ist“, erklärt Prof. Jürgen Floege, Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin (DGIM) 2019/2020 und Direktor der Klinik für Nieren- und Hochdruckkrankheiten, rheumatologische und immunologische Erkrankungen an der Uniklinik der RWTH Aachen. Der Mediziner befürchtet daher „gigantische Implikationen“ nicht nur der COVID-19-Pandemie an sich, sondern auch eines entsprechenden Beschlusses des gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA). Der G-BA hatte am 27. März 2020 unscharf formuliert: „[…] der Krankenhausträger kann weitere Umstände zur Begründung der berechtigten mengenmäßigen Erwartung heranziehen“. Floege forderte heute im Rahmen einer Online-Pressekonferenz der DGIM, die Mindestmengen-Regelung verlässlich – anstellte einer „kann“-Option – bis auf Weiteres auszusetzen, um auf lange Sicht Kapazitäten zu erhalten, die die Behandlung nephrologischer Patienten sicherstellen. Was eigentlich die Qualität der Klinik durch ausreichende Erfahrung in speziellen Bereichen belegen soll, könnte nun zum Risiko werden, so Floege. Ohnehin sähe er lieber die Qualität der Arbeit von Transplantationszentren anstelle der Quantität als Kriterium berücksichtigt. Insgesamt ist Floege der Ansicht, dass die Versorgung der besonders vulnerablen Patientengruppe der schwer Nierenkranken unter den derzeitigen besonderen Umständen in Deutschland gut funktioniert. Mehr als 100.000 Menschen in Deutschland, die an Nierenversagen leiden, müssen trotz Ansteckungsrisiken mehrmals in der Woche für Stunden in eine Praxis oder Klinik, um sich dort der für sie lebenswichtigen Dialyse zu unterziehen. Lange und regelmäßige Kontakte zu verschiedenen Ärzten und zum Pflegepersonal sowie zu anderen Patienten bieten da potenziell viele Möglichkeiten, sich anzustecken. Zudem lebten nicht wenige der Dialysepatienten in Pflegeheimen, auf denen in der aktuellen Situation ja noch mal ein besonderes Augenmerk liege, so Floege. Insgesamt stellt diese Patientengruppe also eine mit hohem Infektionspotenzial dar. Doch seien, so betont Floege, im Umgang mit diesen besonders anfälligen Patienten auch unter normalen Umständen alle Beteiligten besonders sensibilisiert, wenn es um die Hygiene geht. Im Zusammenhang mit der COVID-19-Epidemie verzichte man nun zusätzlich auf die zwar sehr ökonomischen, aber in der derzeitigen Situation potenziell riskanten Sammeltransporte von Patienten zur Dialyse. Zudem gebe es in COVID-19-Hotspots besondere Einrichtungen für infizierte Dialysepatienten. Die bestimmenden Themen in der aktuellen Versorgung seien die Versorgung mit Schutzmasken sowie – und dies vor allem – das Warten auf verlässliche Serumtests, um feststellen zu können, welche Patienten bereits eine SARS-CoV-2-Infektionen durchlaufen haben und somit zunächst einmal immun sind. Dass Patienten mit schweren Nierenerkrankung durch eine mögliche Immunsuppression und die vielen notwendigen Kontakte in der medizinischen Versorgung einem hohen COVID-19-Risiko ausgesetzt sind, ist deutlich – doch wie sieht es mit Nierengesunden aus, die sich eine Infektion zuziehen? Ist bei ihnen neben Schädigungen der Lunge auch mit Veränderungen der Niere zu rechnen? Floege unterstrich, dass Nierenschäden bei COVID-19-Patienten tatsächlich häufig vorkommen. Es müsse sich aber erst noch zeigen, ob diese passager oder dauerhaft seien. Zu beobachten sei, dass bei intensivmedizinisch versorgten Patienten eine gleichzeitige Schädigung von Niere und Lunge die Prognose verschlechtere. An der Uniklinik der RWTH Aachen werde bei COVID-19-Patienten standardmäßig die Eiweißausscheidung und die Nierenfunktion getestet. Dies sei aber noch nicht flächendeckend der Fall. (DGIM/ac)
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