Prädiabetes-Remission könnte Krebsrisiko verringern20. Juli 2026 Symbolbild: FrameFlow/stock.adobe.com Die Remission eines Prädiabetes scheint weit mehr zu bewirken als nur die Entstehung eines Typ-2-Diabetes zu verhindern. Zwei Tübinger Professoren schlagen vor, die Rückkehr erhöhter Blutzuckerwerte in den Normalbereich als neues Ziel der Krebsprävention zu betrachten. Eine anhaltende Prädiabetes-Erkrankung könne mit einem erhöhten Risiko für bestimmte Krebsarten verbunden sein, während eine Remission diesem Risiko möglicherweise entgegenwirke, argumentieren Prof. Andreas L. Birkenfeld vom Universitätsklinikum Tübingen und Deutschen Zentrum für Diabetesforschung (DZD) und Prof. Mathias Heikenwälder vom Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) und dem M3 Research Center am Universitätsklinikum Tübingen in einem Kommentar in der Fachzeitschrift „Nature Reviews Endocrinology“. Stoffwechselgesundheit als Ansatz der Krebsprävention Zahlreiche Krebserkrankungen sind auf vermeidbare Risikofaktoren wie Rauchen, Alkoholkonsum, Übergewicht oder Bewegungsmangel zurückzuführen. Nach Ansicht von Birkenfeld und Heikenwälder wirken viele dieser Faktoren letztlich über gemeinsame physiologische Veränderungen. Dazu zählen erhöhte Blutzuckerwerte, Insulinresistenz, chronische Entzündungsprozesse und hormonelle Veränderungen. Sie beeinflussen biologische Prozesse, die an der Krebsentstehung beteiligt sind. Vor diesem Hintergrund plädieren die Wissenschaftler für einen Perspektivwechsel: Statt ausschließlich einzelne Risikofaktoren zu adressieren, könnte die gezielte Verbesserung der Stoffwechselgesundheit selbst zu einem wichtigen Ansatz der Krebsprävention werden. Höheres Risiko für Bauchspeicheldrüsen- und Gallenblasenkrebs Ihre Hypothese stützt sich auf große bevölkerungsbasierte Studien aus Südkorea. In einer Kohorte von mehr als sechs Millionen Menschen ohne Diabetes oder Krebs zu Studienbeginn wurde untersucht, wie sich Veränderungen des Blutzuckerstatus auf das spätere Risiko für Bauchspeicheldrüsenkrebs auswirken. Dabei zeigte sich, dass Personen mit dauerhaft bestehendem Prädiabetes ein höheres Risiko für Bauchspeicheldrüsenkrebs hatten als Menschen mit dauerhaft normalen Blutzuckerwerten (adjustierte Hazard Ratio [aHR] 1,28; 95%-KI 1,20–1,37). Dagegen wiesen Personen, deren Blutzuckerwerte sich wieder normalisierten, kein statistisch signifikant höheres Risiko auf als Menschen mit durchgängig normalen Blutzuckerwerten (aHR 1,02; 95%-KI 0,96–1,10). Ein ähnliches Bild ergab sich für Gallenblasenkrebs. Auch hier war ein persistierender Prädiabetes mit einem erhöhten Erkrankungsrisiko verbunden (HR 1,21; 95%-KI 1,04–1,41), während bei Menschen mit Remission kein signifikanter Risikoanstieg beobachtet wurde (HR 1,03; 95%-KI 0,88–1,21). Die Autoren betonen jedoch, dass diese Ergebnisse keine kausalen Beweise dafür seien, dass eine Prädiabetes-Remission Krebs verhindere. Vielmehr lieferten sie epidemiologische Hinweise auf einen möglichen Zusammenhang, der nun in weiteren Studien überprüft werden müsse. Prädiabetes-Remission ist ein realistisches Ziel Besonders interessant erscheint den Autoren, dass die Rückkehr zur Normoglykämie keineswegs eine Ausnahme darstellt. In den analysierten Kohorten erreichten mehr Menschen eine Remission des Prädiabetes als dauerhaft im prädiabetischen Stoffwechselzustand zu verbleiben. „Dies spricht dafür, dass Prädiabetes-Remission nicht nur ein theoretisches Konzept, sondern ein realistisches Ziel für bevölkerungsweite Präventionsstrategien sein könnte“, so Birkenfeld. Die Autoren weisen zudem darauf hin, dass der Body-Mass-Index (BMI) allein häufig nur unzureichend Auskunft über das tatsächliche Stoffwechselrisiko eines Menschen gibt. Personen mit vergleichbarem Körpergewicht können sich deutlich hinsichtlich Insulinempfindlichkeit, Fettverteilung und Entzündungsaktivität unterscheiden. „Deshalb könnte die Normalisierung des Glukosestoffwechsels ein präziseres Ziel darstellen als die ausschließliche Konzentration auf Gewichtsreduktion“, sagt Heikenwälder. Nach Ansicht der Autoren sollte die Prädiabetes-Remission daher als ergänzender Marker für den Erfolg präventiver Maßnahmen betrachtet werden. Neue Richtung für die Präventionsmedizin Birkenfeld und Heikenwälder sehen in der Prädiabetes-Remission einen möglichen Baustein einer „physiologiebasierten Prävention“, bei der die Wiederherstellung eines gesunden Stoffwechsels in frühen Stadien eine Hauptrolle spielt. Dabei steht nicht mehr allein die Vermeidung einzelner Risikofaktoren im Vordergrund, sondern die gezielte Verbesserung biologischer Zustände, die gleichzeitig mehrere Erkrankungen beeinflussen können. Ob eine Remission des Prädiabetes kausal zur Verringerung des Krebsrisikos beiträgt, ist bislang jedoch nicht abschließend geklärt. Die Autoren verstehen ihre Arbeit daher als Impuls für weitere Forschung. Die vorliegenden Daten liefern aus ihrer Sicht eine biologisch plausible und epidemiologisch gestützte Hypothese, die künftig in prospektiven Studien überprüft werden sollte. Das könnte Sie auch interessieren: Krebsrisiko: Einfluss von Übergewicht wird möglicherweise deutlich unterschätzt Kardiorenal-metabolisches Syndrom: Fortgeschrittene Stadien mit erhöhtem Krebsrisiko verbunden
Mehr erfahren zu: "Frauen mit Endometriose haben ein höheres Risiko für Typ-2-Diabetes" Frauen mit Endometriose haben ein höheres Risiko für Typ-2-Diabetes Frauen mit Endometriose haben ein um 46 Prozent höheres Risiko, an Typ-2-Diabetes zu erkranken, als Frauen ohne diese Erkrankung. Dies ist das Ergebnis einer neuen Studie, die von Forschenden des […]
Mehr erfahren zu: "Genetischer Risikoscore kann versteckten Typ-1-Diabetes aufdecken" Genetischer Risikoscore kann versteckten Typ-1-Diabetes aufdecken Die Ergänzung der Standarddiagnostik für den monogenen „Maturity-Onset Diabetes of the Young“ (MODY) um einen genetischen Risikoscore könnte bei etwa einem von fünf Patienten mit negativem MODY-Test einen bislang unerkannten […]
Mehr erfahren zu: "Ärztepräsident: Ausländische Ärzte werden dringend gebraucht" Ärztepräsident: Ausländische Ärzte werden dringend gebraucht Ausländische Ärzte sind für Deutschland unverzichtbar, sagt Ärztepräsident Reinhardt. Und er stellt sich damit gegen Forderungen der AfD.