Primaten und Nichtprimaten unterscheiden sich im Bau der Nervenzellen8. Juni 2022 Aktive Nervenzellen, 3D Illustration Abb.: © Axel Kock – stock.adobe.com Forschende der Arbeitsgruppe Entwicklungsneurobiologie der Ruhr-Universität Bochum (RUB) um Prof. Petra Wahle haben in Zusammenarbeit mit Partnern aus Mannheim, Jülich, Linz, Österreich, und La Laguna, Spanien, gezeigt, dass sich Primaten und Nichtprimaten in der Architektur ihrer kortikalen Neuronen unterscheiden. Bisher galt es als Lehrbuchwissen, dass das Axon, von wenigen Ausnahmen abgesehen, aus dem Zellkörper der Nervenzelle entspringt. Das Axon kann jedoch auch von einem Dendriten entspringen. Dieses Phänomen wurde mit dem Namen „Axon carrying dendrite“ beschrieben. Durch den Einsatz von fünf verschiedenen Methoden zur Markierung der Dendriten und des Axons und nach Auszählung von mehr als 34.000 Nervenzellen kamen die Forschenden zu dem Ergebnis, dass es einen speziesabhängigen Unterschied zwischen Nichtprimaten und Primaten gibt. Die erregenden Pyramidalneuronen insbesondere der äußeren Schichten II und III der Großhirnrinde von Primaten besitzen deutlich weniger Axon-tragende Dendriten als Pyramidalneuronen von Nichtprimaten. Ebenso deutliche Unterschiede lassen sich innerhalb einer Spezies (Katze, Mensch) zwischen den verschiedenen Typen der hemmenden Interneuronen feststellen. Hingegen fanden sich bei Primaten keinerlei Unterschiede zwischen primär sensorischen cortikalen Arealen und Arealen für höhere Hirnfunktionen. „Ein besonderer Aspekt dieses Forschungsprojektes ist, dass nur mit archivierten Geweben und Präparaten gearbeitet wurde, darunter auch Präparate, welche seit Jahrzehnten für die Ausbildung von Studierenden benutzt wurden und werden“, erklärt Wahle. Zudem wurden verschiedene Säugetierarten untersucht, so Vertreter der zoologischen Ordnungen Nagetiere (Maus, Ratte), Huftiere (Schwein), Raubtiere (Katze, Frettchen) sowie Makake und Mensch aus der Ordnung Primates. Besonders wichtig war für die Untersuchung die hochauflösende Mikroskopie, wie Wahle beschreibt: „Die Detektion des axonalen Ursprungs konnte so auf der Mikrometerebene genau ermittelt werden, was bei herkömmlicher Lichtmikroskopie manchmal nicht so leicht möglich ist.“ Evolutionärer Vorteil ist noch unbekannt Über die biologische Funktion der Axon-tragenden Dendriten weiß man noch wenig. Für gewöhnlich verrechnet das Neuron die erregenden Eingänge auf die Dendriten mit der synaptischen Hemmung. Dieser Prozess wird als somatodendritische Integration bezeichnet. Erst danach entscheidet das Neuron, ob die Eingänge stark genug und wichtig genug sind, um sie durch Aktionspotenziale an nachgeschaltete Neuronen und Gehirnareale weiterzuleiten. Axon-tragende Dendriten gelten als privilegiert, weil erregende Eingänge auf diese Dendriten in der Lage sind, direkt Aktionspotenziale auszulösen. Warum dieser speziesabhängige Unterschied in der Evolution entstanden ist und welchen Vorteil er für die neocortikale Informationsverarbeitung bei Primaten haben könnte, ist ungeklärt.
Mehr erfahren zu: "Gewebekügelchen des Gehirns: Neuartiges 3D‑Gewebemodell für Alzheimer entwickelt" Gewebekügelchen des Gehirns: Neuartiges 3D‑Gewebemodell für Alzheimer entwickelt Ein Forschungsteam des LMU Klinikums hat ein neues 3D-Gewebemodell entwickelt, das krankhafte Prozesse bei Alzheimer realitätsnäher abbilden und die Erforschung der Erkrankung beschleunigen könnte.
Mehr erfahren zu: "Schweiß liefert Levodopa-Werte: Neuer Fingerspitzen-Sensor für Parkinson" Schweiß liefert Levodopa-Werte: Neuer Fingerspitzen-Sensor für Parkinson US-amerikanische Forschende haben ein weiches, tragbares Pflaster für die Fingerspitze entwickelt, das kontinuierlich die Levodopa-Konzentration bei Parkinson-Patienten überwacht. Das Gerät nutzt chemische Substanzen im Schweiß des Patienten – Batterien sind […]
Mehr erfahren zu: "Neue Genvarianten liefern Einblicke in die Entstehung der Fibromyalgie" Neue Genvarianten liefern Einblicke in die Entstehung der Fibromyalgie Ein internationales Forschungsteam hat neue genetische Risikofaktoren identifiziert, die mit dem Fibromyalgie-Syndrom in Verbindung stehen. Sie liefern wichtige Hinweise für ein besseres Verständnis der Erkrankung.