Prostatakrebs: Biopsie-Ergebnisse können das Risiko unterschätzen5. August 2025 Foto: © luchschenF/stock.adobe.com Laut einer aktuellen US-Studie weisen manche Männer, bei denen Prostatakrebs der „Grade Group One“ (GG1) diagnostiziert wurde, möglicherweise ein höheres Risiko auf, als ihre Biopsie-Ergebnisse es vermuten lassen. Das geht aus einer neuen Studie hervor, die von Weill Cornell Medicine, den Universitätskliniken Cleveland und der Case Western University, alle drei USA, durchgeführt und in der Fachzeitschrift „JAMA Oncology“ veröffentlicht wurde. Die Forschenden kommen darin zu dem Schluss, dass die alleinige Berücksichtigung des Biopsie-Grades zu einer Unterschätzung des Krankheitsrisikos führen kann. So würden Patienten, die von einer Operation oder Bestrahlung profitieren könnten, möglicherweise falsch eingestuft. Denn Biopsien untersuchen nur kleine Bereiche der Prostata, sodass fortgeschrittenere oder aggressivere Krebszellen übersehen werden können, was zu einem unvollständigen Bild führt. Die Studie ergab, dass jeder sechste Mann, bei dem Krebs der Kategorie GG1 diagnostiziert wurde, unter Berücksichtigung weiterer klinischer Merkmale zusätzlich zu den Biopsie-Ergebnissen tatsächlich einen Krebs mit mittlerem oder hohem Risiko hat. „Wir wollen aggressive Krebserkrankungen, die sich bei der Biopsie zunächst als Grad 1 präsentieren, nicht übersehen“, erklärte Co-Seniorautor Prof. Bashir Al Hussein von Weill Cornell Medicine. „Eine solche Unterschätzung des Risikos könnte zu einer unzureichenden Behandlung und schlechteren Prognose führen“, fügte er hinzu. Die Studienergebnisse könnten auch in die aktuellen Diskussionen darüber einfließen, ob GG1-Tumoren vollständig aus der Krebsdiagnose gestrichen werden sollten. „Es gibt das Missverständnis, dass ‚niedrig-gradig‘ und ‚risikoarm‘ dasselbe sind. In unserer Studie zeigen wir eindeutig, dass dies nicht der Fall ist“, kommentierte Co-Seniorautor Prof. Jonathan Shoag. Er ergänzt: „Die Versuche, GG1 umzubenennen, sind fehlgeleitet. Viele Patienten, die auf Grundlage der Biopsie mit einer GG1-Krebserkrankung diagnostiziert werden, haben tatsächlich ein erhebliches Risiko, dass ihr Krebs ihnen ein Leben lang Schmerzen und Leiden bereitet, wenn er unbehandelt bleibt.“ Akkurate Risikoeinstufung bestimmt die Behandlung Das Team stützte sich bei ihren Analysen auf Daten, die zwischen 2010 und 2020 im Rahmen des Surveillance, Epidemiology and End Results Program des National Cancer Institute, USA, erhoben wurden. „Das sind aktuelle Daten aus der Praxis, die alle Männer mit Prostatakrebsdiagnose in den Vereinigten Staaten repräsentieren“, so Al Hussein. Die Daten umfassten etwa 300.000 Männer, bei denen Krebs diagnostiziert wurde, der auf die Prostata beschränkt war. Etwa 117.000 dieser Männer unterzogen sich einer Biopsie, die als GG1 eingestuft wurde. Dieser Grad wird oft mit einem geringen Risiko für eine Metastasierung oder Ausbreitung des Krebses auf andere Teile des Körpers gleichgestellt. Die Behandlung dieser Patienten beschränkt sich in der Regel auf eine aktive Überwachung (active Surveillance) – Bluttests zur Überwachung der PSA-Werte, zusätzliche Biopsien und MRT-Untersuchungen. Was aber, wenn einige dieser Männer aggressivere Formen des Prostatakrebs hatten, als es ihr Biopsie-Grad allein vermuten ließ? Dr. Al Hussein und seine Kollegen analysierten die Personen mit GG1 anhand ihrer klinischen Daten, einschließlich PSA-Werte und Tumorgrößen, genauer. Nach der Berücksichtigung aller Daten stellte sich heraus, dass mehr als 18.000 dieser Männer in Wirklichkeit an einem Krebs mit höherem Risiko litten, der häufig mit Strahlentherapie oder einer Entfernung der Prostata (radikale Prostatektomie) behandelt wird. „Unsere Daten zeigen, dass bis zu 30 Prozent der Patienten, bei denen GG1 diagnostiziert wurde, die aber eigentlich einem höheren Risiko unterlagen, lediglich überwacht und somit möglicherweise unzureichend behandelt wurden“, berichtet Al Hussein. Genaue Klassifizierung der Tumore steuert die Behandlung Der Zusammenhang zwischen der Klassifizierung von Krebserkrankungen und dem jeweiligen klinischen Outcome ist von besonderer Bedeutung. So plädierten die Autoren eines Kommentars, der im April 2022 im „Journal of Clinical Oncology“ publiziert wurde, dafür, die Bezeichnung „Krebs“ bei der GG1 für Prostatakrebs zu streichen, um Ängste und unnötige Behandlungen zu reduzieren. Sie argumentieren, dass die meisten als GG1 eingestuften Tumoren langsam wachsen und sich nur selten ausbreiten oder größeren Schaden anrichten. Die Studie warnt allerdings auch davor, dass ein einheitlicher Ansatz riskant ist. „Unglücklicherweise haben einige meiner Kollegen, die aktuell versuchen, den GG1-Krebs umzubenennen, unterschiedliche Begrifflichkeiten vermischt“, erklärte Shoag. „Zum einen wird behauptet, dass Biopsie-GG1 und Prostatektomie-GG1 ähnlich zu bewerten sind, was jedoch nicht der Fall ist.“ Das sei insofern problematisch, als dass die Daten, die darauf hindeuten, dass GG1-Karzinome nicht streuen, weitgehend auf früheren Studien an Prostatektomie-Proben basieren, bei denen die gesamte Prostata nach ihrer Entfernung untersucht wurde. „Ein Teil der Männer mit niedrig-gradigen Tumoren weist dennoch ungünstige klinische Merkmale auf, die mit schlechteren Krebsprognosen verbunden sind. Wir müssen diese biologischen Zusammenhänge besser verstehen, damit Ärzte die Prognose verbessern können“, erläuterte Erstautor Prof. Neal Arvind Patel. Al Hussein sieht auch Verbesserungsbedarf bei der Beratung der Patienten. „Wir müssen einen besseren Weg finden, um Patienten mit über ihre Prognose zu informieren, wenn sie GG1-Prostatakrebs mit diesen ungünstigen klinischen Merkmalen haben“, sagte er.
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