Prostatakrebs: Namensänderung könnte Tausende Leben retten14. Juli 2026 Eine neue Terminologie für GG1-Tumore der Prostata könnte Patienten die Angst nehmen und sie vor Übertherapie schützen. (Foto: © Hinrichsen/peopleimages.com – stock.adobe.com) Eine in „JAMA Oncology“ veröffentlichte Modellstudie legt nahe, dass die Bezeichnung von Grade-Group-1-Tumoren der Prostata als „Krebs“ zu massiver Übertherapie führt. Eine Neuklassifizierung als präkanzeröse Läsion könnte die Screening-Bereitschaft erhöhen und jährlich Tausende Todesfälle verhindern, sind die Autoren überzeugt. Seit Langem debattieren Experten darüber, ob das Gleason-6-Karzinom (Grade Group 1, GG1) tatsächlich als „Krebs“ bezeichnet werden sollte. Während aggressive Formen des Prostatakarzinoms (PCA) lebensbedrohlich sind, wächst GG1 extrem langsam oder gar nicht und bildet nachweislich keine Metastasen. Dennoch führt allein die Diagnose bei vielen Patienten zu erheblichem psychischem Stress und der Entscheidung für invasive Eingriffe wie Operation oder Bestrahlung, obwohl die Leitlinien eine aktive Überwachung (Active Surveillance, AS) einschließlich PSA-Tests, MRT und regelmäßiger Biopsien empfehlen. Übertherapie trotz Leitlinien-Empfehlungen In den USA werden laut der Studie bis zu 40 Prozent der Männer mit einer GG1-Diagnose behandelt, obwohl dies medizinisch meist nicht notwendig wäre. Diese Behandlungen ziehen oft schwerwiegende Langzeitfolgen wie erektile Dysfunktion sowie Harn- oder Darmdysfunktionen nach sich. Zudem verlieren Patienten durch die Krebsdiagnose häufig unnötigerweise den Zugang zu Lebensversicherungen. Mehr Screening durch weniger Angst Das Team um Dr. Scott Eggener von der University of California in Los Angeles (UCLA) und Dr. Andrew Vickers (Memorial Sloan Kettering Cancer Center; beide USA) nutzte ein mathematisches Modell basierend auf US-Populationsdaten, um die Auswirkungen einer Umbenennung zu simulieren. Die zentrale These: Wenn GG1 als „präkanzeröser Zustand“ statt als Krebs deklariert würde, nähme die Angst vor Überdiagnose und Übertherapie bei Patienten und Klinikern ab. Dies würde mehr Männer dazu bewegen, am PSA-Screening teilzunehmen, wodurch aggressive Karzinome früher entdeckt werden könnten. Die Forscher schätzen, dass durch eine erhöhte Screening-Rate jährlich etwa 2835 Todesfälle vermieden werden könnten. Dem gegenüber steht das Risiko, dass Patienten unter einer weniger bedrohlich klingenden Diagnose die aktive Überwachung vernachlässigen könnten, was im Modell zu etwa 452 zusätzlichen Todesfällen führen würde. Unter dem Strich ergäbe sich jedoch eine Netto-Reduktion von fast 2400 PCA-Todesfällen pro Jahr. Ein Paradigmenwechsel in der Onkologie? „Die Medizin hat eine Tradition darin, Erkrankungen angemessen neu zu definieren, wenn die Terminologie das Risiko nicht mehr zutreffend widerspiegelt“, erklärte Eggener, leitender Autor der Studie. „Ähnliche Änderungen gab es bereits bei anderen Krebsarten, darunter Blasen-, Gebärmutterhals- und Schilddrüsenkrebs, bei denen einige Formen, die einst als Krebs eingestuft wurden, neu definiert wurden, um ihre extrem geringe Wahrscheinlichkeit, Schaden anzurichten, besser widerzuspiegeln.“ Die Autoren fordern daher auch beim Prostatakarzinom ein Umdenken in der Kommunikation: Patienten verdienten Informationen, die das tatsächliche Risiko widerspiegeln, statt Etiketten, die unnötig Furcht oder Verwirrung schüren. „Eine Änderung der Terminologie bedeutet nicht, diese Tumoren zu ignorieren oder die Nachsorge einzustellen“, betonte Eggener. „Es bedeutet vielmehr, anzuerkennen, dass nicht jeder Prostatakrebs das gleiche Risiko birgt und dass die Sprache die Biologie der Erkrankung besser widerspiegeln sollte.“ Zukünftige Real-World-Studien müssen nun zeigen, wie sich eine solche Änderung der Nomenklatur tatsächlich auf das Patientenverhalten und die klinischen Ergebnisse auswirkt. (ej/BIERMANN)
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