Raus aus Depression, Angst oder Essstörung – mit PC statt Psychotherapeut?20. März 2018 Foto: © agenturfotografin – Fotolia.com Psychische Beschwerden wie Ängste, Süchte oder Depressionen stehen an zweiter Stelle der Ursachen für krankheitsbedingte Fehltage. Auf der Suche nach Hilfe nutzen viele Betroffene auch das Internet. Welche Vorteile und welche Grenzen die Online-Psychotherapie hat, thematisierten Experten auf dem Deutschen Kongress für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie in Berlin. Die meisten Erkenntnisse zu Online-Therapien liegen aktuell für Interventionen bei Depressionen und Angststörungen vor. Hier haben verschiedene Online-Programme in Studien ihre Wirksamkeit und nachhaltigen Effekte bewiesen – und zwar in vergleichbarer Qualität mit konventioneller Psychotherapie. Bei diesen handelt es sich meist um therapeutenunterstützte Programme – das heißt, der Patient durchläuft das Therapieprogramm weitestgehend selbstständig, erhält aber regelmäßig Rückmeldung durch einen Therapeuten, der auch für Fragen zu Verfügung steht. Digitale Anwendungen kommen außerdem ergänzend zur klassischen Therapie und in der Nachsorge zum Einsatz, etwa in der Rückfallprävention von Essstörungen und bei Adipositas. Insbesondere für die Behandlung von Kindern und Jugendlichen haben sich Serious Games, in denen Therapieinhalte spielerisch vermittelt werden, als wirksam erwiesen. Außerdem werden E-Mental-Health-Anwendungen für die Behandlung posttraumatischer Belastungsstörungen erforscht und vereinzelt eingesetzt. „Ungeeignet sind digitale Anwendungen, wenn sich Menschen in akuten, schweren Krisensituationen befinden“, erklärte Prof. Stephan Zipfel, Ärztlicher Direktor der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie der Universitätsklinik Tübingen. Wie wirkungsvoll sind Online-Programme? Im Allgemeinen gilt: Der therapeutische Effekt bei Online-Verfahren mit therapeutischer Unterstützung ist höher als bei Programmen, die ohne Kontakt zu einem Therapeuten angelegt sind. Angebote, die eine sehr niedrige Zugangsschwelle haben, also beispielsweise anonym und ohne vorherigen Abklärungsprozess mit einem Therapeuten gestartet werden können, werden gerne genutzt, aber oft auch wieder abgebrochen. Angebote mit höherer Zugangsschwelle haben sich in Studien als nachhaltiger erwiesen, das gilt vor allem bei Programmen zur Behandlung einer Depression. „Generell ist eine vorgeschaltete Diagnostik durch einen Facharzt empfehlenswert, bei der sich dieser einen ausreichenden Eindruck vom Patienten und seinem körperlichen und psychischen Zustand und seine soziale Einbindung machen kann“, empfahl Zipfel. Wie finden Betroffene ein seriöses Angebot? Die Flut von Gesundheits-Apps und -Programmen im Netz ist nahezu unüberschaubar. Darunter sind auch zahlreiche unseriöse oder nutzlose Angebote. Derzeit existiert kein einheitlicher Standard oder eine Zertifizierung für Online-Psychotherapieprogramme, die Nutzern als Orientierung dienen könnten. Patienten sollten deshalb ihren Hausarzt oder Therapeuten fragen, welche Programme wirksam und für sie geeignet sind. Ein alternativer Weg führt über die Krankenkasse: Inzwischen bieten viele Versicherer ihren Mitgliedern kostenfrei Online-Interventionen für verschiedene Beschwerdebilder an. Aber auch hier ist bei vielen Angeboten eine vorherige Abklärung bei einem Therapeuten Voraussetzung für die Teilnahme. Die Bundespsychotherapeutenkammer hat zudem eine Checkliste für Interessierte zusammengestellt, anhand derer sie Angebote kritisch hinterfragen können. Dazu gehören Aspekte zu Datensicherheit und der fachlichen Qualifikation der Ansprechpartner bei den Programmen. „Inzwischen stehen zahlreiche E-Mental-Health-Interventionen – Online-Programme, Apps, Computerspiele oder Virtual Reality- Anwendungen – zu Verfügung, die großes Potential als Ergänzung zur klassischen Psychotherapie haben“, sagte Zipfel. Ein Problem seien derzeit aber die fehlenden Standards. „Digitale Anwendung müssen – wie andere Medizinprodukte auch – im Hinblick auf Wirksamkeit und Patientensicherheit geprüft und zertifiziert werden und wirksame Angebote sollten dann auch allen Versicherten zu Verfügung stehen.“
Mehr erfahren zu: "KI-gestütztes Projekt erforscht Zusammenhang zwischen CED und Parkinson" KI-gestütztes Projekt erforscht Zusammenhang zwischen CED und Parkinson Forschende der Friedrich-Alexander-Universität in Erlangen-Nürnberg wollen potenzielle Zusammenhänge zwischen Chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen (CED) und der Parkinson-Krankheit erforschen und so Diagnose und Therapie beider Erkrankungen verbessern.
Mehr erfahren zu: "Flugangst: Viele sind betroffen – doch nur wenige sprechen darüber" Flugangst: Viele sind betroffen – doch nur wenige sprechen darüber Einer repräsentativen Umfrage zufolge hat rund jeder achte Deutsche Flugangst und jeder vierte empfindet beim Fliegen zumindest Unbehagen. Das Berliner Centrum für Reise- und Tropenmedizin (BCRT) rät Betroffenen, Flugangst frühzeitig […]
Mehr erfahren zu: "Studie zu neuen Therapieansätzen bei ADHS sucht jugendliche Teilnehmer" Studie zu neuen Therapieansätzen bei ADHS sucht jugendliche Teilnehmer Bewegung oder Gespräche – Welche Ansätze können Menschen mit einer Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) im Alltag unterstützen? Dieser Frage geht eine Studie der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Universitätsklinikums […]