Antidepressiva bei Reizdarmsyndrom: Hinweise auf erhöhtes Mortalitätsrisiko

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Eine große Langzeitstudie lässt die Schlussfolgerung zu, dass einige häufig in der Behandlung des Reizdarmsyndroms (RDS) eingesetzte Medikamente – darunter Antidepressiva – mit einem zwar geringen, aber messbaren Anstieg des Mortalitätsrisikos verbunden sein können.

Die in „Communications Medicine“ unter der Leitung von Mitarbeitern der Cedars-Sinai Health Sciences University (USA) veröffentlichten Forschungsergebnisse basieren auf elektronisch dokumentierten Gesundheitsdaten aus fast zwei Jahrzehnten, die 669.083 US-amerikanische Erwachsene (Alter 18–65 Jahre) mit RDS betrafen. Damit, so erklären die Autoren, sei es die größte Real-World-Studie zur Langzeitsicherheit von RDS-Therapien. Die Analyse erfolgte in Gruppen nach Art der eingesetzten Medikamente sowie danach, ob das RDS vorwiegend mit Durchfall (RDS-D) oder Obstipation (RDS-C) einhergehend.  

„Viele Patienten erhalten die Diagnose RDS in jungen Jahren und nehmen möglicherweise jahrelang Medikamente ein“, erläutert Dr. Ali Rezaie, medizinischer Leiter des Programms für gastrointestinale Motilität am Cedars-Sinai Medical Center und Hauptautor der Studie. „Die meisten klinischen Studien zu diesen Medikamenten dauern jedoch weniger als ein Jahr, sodass wir nur sehr wenig über die Langzeitsicherheit wissen. Diese Studie trägt dazu bei, diese Wissenslücke zu schließen.“

Hinweis auf erhöhte Wahrscheinlichkeit für unerwünschte Ereignisse?

Die Forschenden untersuchten Patienten, die von der US-amerikanischen Arzneimittelbehörde FDA für den Einsatz beim RDS zugelassene Medikamente sowie Antidepressiva, Spasmolytika und Opioid-basierte Antidiarrhoika wie Loperamid oder Diphenoxylat einnahmen. Die Wissenschaftler beobachten, dass die langfristige Einnahme von Antidepressiva mit einem um 35 Prozent erhöhten Mortalitätsrisiko verbunden war und dass die Einnahme von Loperamid und Diphenoxylat das Sterberisiko etwa verdoppelte.

Bei Einnahme von Antidepressiva beobachteten die Forschenden ein erhöhtes Risiko für die Mortalität insgesamt (Hazard Ratio [HR] 1,35; 95%-Konfidenzintervall [KI] 1,26–1,45; Mortalitätsrate 1,6% vs. 1,0%). Dieser Zusammenhang blieb über alle Antidepressiva-Subklassen und demografischen Subgruppen hinweg bestehen. Der Einsatz von Spasmolytika hingegen war nicht mit einer erhöhten Mortalität assoziiert (HR 0,95; 95%-KI 0,89–1,00).

Beim RDS-D standen den Wissenschaftlern zufolge die Gallensäurebinder Cholestyramin/Colestipol sowie Eluxadolin und Rifaximin nicht mit einer erhöhten Mortalität in Zusammenhang. Diphenoxylat (HR 1,89; 95%-KI 1,02–3,51) und Loperamid (HR 2,39; 95 %-KI 1,48–3,90) jedoch erwiesen sich als mit einem erhöhten Mortalitätsrisiko assoziiert. Loperamid wird in der S3-Leitlinie „Reizdarmsyndrom“ (Stand 6/2021) zur Behandlung des Symptoms Diarrhoe beim RDS empfohlen (Empfehlungsgrad B, starker Konsens).

Im Falle des RDS-C stellte das US-amerikanische Forscherteam keinen signifikanten Zusammenhang zwischen Polyethylenglykol-3350 und Sekretagoga und der Mortalität fest.

Die Untersuchung belege keinen direkten kausalen Zusammenhang zwischen den betreffenden Medikamenten und der Mortalität, betonen die Wissenschaftler. Vielmehr könnten die beobachteten Assoziationen auf ein erhöhtes Risiko für unerwünschte Ereignisse wie kardiovaskuläre Erkrankungen, Stürze oder Schlaganfälle hinweisen, die bei den behandelten Patienten häufiger auftraten.

Obwohl Antidepressiva in den USA nicht für die Behandlung des RDS zugelassen sind, werden sie häufig davon betroffenen Patienten verschrieben, um Schmerzen und Symptome zu lindern. Die aktuelle Studie ergab, dass andere empfohlene Therapien – darunter mit zugelassenen Medikamenten und Spasmolytika – nicht mit einem erhöhten Mortalitätsrisiko assoziiert waren.

Individuelles Risiko als gering eingestuft

Die Autoren der aktuellen Arbeit betonen, dass der Risikoanstieg zwar signifikant und besorgniserregend sei, das Gesamtrisiko für den einzelnen Patienten aber gering ausfalle. „RDS-Patienten sollten nicht in Panik geraten“, beruhigt Rezaie, Leiter der Bioinformatik im Programm für medizinisch assoziierte Wissenschaft und Technologie (MAST) am Cedars-Sinai. „Sie müssen jedoch die geringen, aber relevanten Risiken verstehen und abwägen, wenn sie eine Langzeitbehandlung in Betracht ziehen.“ Seiner Auffassung nach ist mehr Forschung zu diesem Thema nötig, um die aktuell vorliegenden Ergebnisse zu bestätigen und um Patienten mit dem höchsten Risiko für eine gesteigerte Mortalitätswahrscheinlichkeit zu identifizieren.

Rezaie fordert außerdem, dass künftige therapeutische Leitlinien die Langzeitsicherheit gängiger Medikamente zur Behandlung des RDS stärker berücksichtigen sollten. In der Zwischenzeit sei es notwendig, die Behandlung von RDS-Patienten stärker individuell zu gestalten.

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